Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Künstliche Vitamine machen krank

aus der Sendung vom Donnerstag, 10.6.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Sie sind seit Jahrzehnten die Stars der Wellness-Kultur: Vitamine. Vor allem die Verkaufsschlager A, C und E oder gleich als Multivitamintablette. Die Hersteller der Präparate versprechen viel: Jugend, Fitness, und gerne auch „starke Abwehrkräfte“. Unser Autor Frank Wittig ist diesen Verheißungen nachgegangen.

Große Verwirrung: Helfen oder schaden Vitamine?

Was ist dran an den Versprechen und was ist davon wissenschaftlich belegt? Bei meiner Recherche im Internet lande ich auf einem Gesundheitsportal, das auftritt, wie ein seriöses Informationsangebot. Laut Internetseite, sollen Vitamine bei älteren Menschen die Geisteskraft erhalten. Ja, sie sollen sogar vor Alzheimer und Herzinfarkt schützen. Immerhin die häufigste Todesursache in Deutschland. Aber im Internet findet man auch Negatives über Vitamine: Sie sollen beispielsweise das Risiko für Prostatakrebs steigern.

Sind Vitaminpräparate lebensgefährlich?

Und dann stoße ich auf die Arbeitsgruppe der Universität Kopenhagen, die die größte Vitaminstudie aller Zeiten durchgeführt hat. Ich fliege nach Dänemark und besuche die Wissenschaftler, die diese Metastudie [Anmerkung der Redaktion: Weitere Informationen im Text "Auf Rattenfang mit Radikalenfängern"] gemacht haben. Laut Dr. Christian Gluud sprechen die erhobenen Werte eine deutliche Sprache: „Die Sterblichkeit war fünf Prozent höher in der Gruppe, die die antioxidativen Vitamine nahmen, als in der Kontrollgruppe mit dem Scheinmedikament.“

Entwarnung für Vitamin C

Anders verhält es sich mit dem populären Vitamin C, dass Millionen Menschen vorsorglich jeden Winter oder gegen Erkältungen einnehmen. Hier gibt die 240 Seiten starke Metaanalyse Entwarnung, wie Dr. Gluud berichtet: „Wenn wir Vitamin C ansehen, dann können wir bisher nicht sagen, das es schadet. Auf der anderen Seite haben wir größte Probleme zu sagen, dass es wirklich nützt. Es gibt keinen Grund, Megadosen an Vitamin C zu sich zu nehmen, beispielsweise gegen Erkältung.“

Giftcocktail Vitaminmix

Aber die Hersteller müssten doch von diesen Studien wissen. Der Wissenschaftler hat eine Erklärung, warum antioxidative Vitamine [Anmerkung: Als "antioxidativ" werden die Vitamine A, C, und E sowie das Betacarotin bezeichnet] immer noch verkauft werden, als ob sie nützlich wären: „Na ja, es dreht sich natürlich alles ums Geld. Ich denke, sie sollten diese Frage an die Industrie stellen. Ich weiß nicht so recht, aber wenn ich in dieser Industrie wäre, hätte ich schon einen ganz schön schlechten Geschmack im Mund, wenn ich den Leuten etwas verkaufen würde, was ihnen potentiell schaden kann.“ Ausgerechnet der beliebte Vitaminmix aus A, C, E und Betacarotin - auf den Millionen schwören - erhöht das Risiko zu versterben.


Vitamin A (Retinol) gehört zu den fettlöslichen Vitaminen. Besonders für das Sehen ist dieses Vitamin wichtig, da es im Sehfarbstoff eine tragende Rolle spielt. Daneben hat Vitamin A auch eine Bedeutung für das Immunsystem, die Hautbildung und wirkt als Wachstumsfaktor. Da der Körper fähig ist, aus Carotin, einem gelben Farbstoff, Vitamin A zu bilden, können durch grüne und gelbe Gemüse (vor allem Karotten) und Obst der Vitamin-A-Bedarf gedeckt werden. Vitamin A ist außerdem reichlich in Milchprodukten (Spitzenreiter ist Camembert), Eigelb, Leber und Fettfischen enthalten.

Ascorbinsäure und ähnliche Stoffe mit gleicher Wirkung (Derivate) werden unter der Bezeichnung Vitamin C zusammengefasst. In der Nahrung kommt Vitamin C vor allem in Obst und Gemüse vor. Problem ist hierbei: Vitamin C ist relativ empfindlich gegen Einlagerung und Hitze und tritt außerdem leicht ins Kochwasser über. Zitrusfrüchte wie Orangen, Zitronen und Grapefruits enthalten – in reifem Zustand unmittelbar nach der Ernte – viel Vitamin C. Grünkohl hat den höchsten Vitamin-C-Gehalt aller Kohlarten dahinter kommen Rot-, Weiß- und Sauerkraut. Die höchsten natürlichen Vitamin-C-Konzentrationen findet man in der Camu-Camu und in der Acerolakirsche.

Vitamin E ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von bisher entdeckten, sechzehn fettlöslichen Substanzen und hat vor allem eine Schutzfunktion auf Zellmembranen, indem es hochreaktive Sauerstoffverbindungen abfängt. Den höchsten Gehalt an Vitamin E haben Pflanzenöle. Allerdings wird der Gehalt durch den hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren etwas relativiert. Manche Gemüsesorten wie Grünkohl, Schwarzwurzeln oder Paprika sind deshalb auch sehr gute Quellen für Vitamin E, da sie wenig Fett enthalten.


Wie groß ist das Risiko für den Einzelnen?

An der Universität Bern besuche ich Professor Peter Jüni, einen Fachmann für Epidemiologe und Metaanalysen. Er kennt die Studie aus Dänemark gut und versucht eine Bewertung: „Pro 200 bis 800 Konsumenten und Konsumentinnen könnte eine Person unnötigerweise sterben durch die Einnahme von Antioxidantien. Das könnten, wenn man es auf diese Zahlen hochgerechnet einige Tausend unnötige Todesfälle pro Jahr sein.“ Bleibt die Frage offen, warum auf Online-Portalen zwar viele Jubelberichte, aber kein Hinweis auf die Gefahren zu finden ist. Von Aufklärung kann keine Rede sein.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 22.07.2010, 11.39 Uhr