aus der Sendung vom Donnerstag, 10.6.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Natürliche Vitamine sind wichtige Nahrungsinhaltsstoffe: Sie greifen in den Stoffwechsel ein, unterstützen bestimmte Körperfunktionen und übernehmen Schutzfunktionen. Doch bis auf zwei Ausnahmen, Vitamine A und D, kann der Körper sie nicht selbst - oder nicht in genügendem Umfang - bilden. Alle anderen Vitamine müssen über das Essen zugeführt werden.

Es ist das Zeitalter der großen Entdeckungsfahrten auf den Weltmeeren, als das Thema Vitamine langsam ins Bewusstsein der Menschen dringt. Die Matrosen fürchten den Skorbut - eine rätselhafte Mangelkrankheit, die bei den langen Fahrten auf See viele Todesopfer fordert. Erst als um 1750 der britische Schiffsarzt James Lind zeigt, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, verliert die Krankheit ihren Schrecken. Zur Schiffsladung gehören fortan Zitronen oder Sauerkraut. Dass diese Früchte besonders viel Vitamine enthalten, wusste damals noch niemand.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt die exakte Erforschung der Gesundheit fördernden Stoffe. Casimir Funk prägt für sie den Begriff „vitale Amine“, soll heißen lebenswichtige Eiweißverbindungen. Daraus entsteht das Wort „Vitamine“. Es gibt eine erste Vitamin-Euphorie und einen Run auf frische Früchte.
Albert Györgyi isoliert 1933 erstmals Vitamin C aus Früchten, und Walter Haworth gelingt die künstliche Herstellung dieses Vitamins. Sie legen den Grundstein für die spätere industrielle Produktion eines Nahrungsmittelergänzungs-Bestsellers. Im Dritten Reich ist Carl Scheunert der Vitaminpapst. Er setzt sich für eine Vitaminisierung der Lebensmittel ein. An seinem Institut, der „Reichsvitaminanstalt“ in Leipzig, werden Vitamindosen im Tierversuch systematisch erforscht. Außerdem stellen die Leipziger Forscher eine Vitamin-Bilanz für deutsche Nahrungsmittel auf.
In den Sechzigern heizt Nobelpreisträger Linus Pauling den Vitaminrummel an. Ein TV-Sprecherkommentar aus dieser Zeit zeigt das deutlich: „Linus Pauling beschäftigt sich mit einer Krankheit, die uns alle heimsucht: die banale Erkältung. Er glaubt, wir könnten die Krankheit global ausmerzen, wenn wir nur drei Gramm Vitamin C täglich einnehmen. Er behauptet, wir wüssten heute auch noch nicht mehr über unseren Vitaminbedarf als in den Skorbutzeiten im 17. Jahrhundert, als Seeleute noch häufig auf ihren langen Reisen an Vitaminmangel starben.“ Jetzt beginnt das große Geschäft. In den Sechzigern kommen die ersten Vitaminpräparate auf den Markt. Zuerst in Amerika, dann auch in Europa. Die Wertschöpfung ist traumhaft: Aus billigen Rohmaterialien werden teure Nahrungsergänzungsstoffe. Niemand fordert einen Nachweis ihrer medizinischen Wirksamkeit. Bald werden mit Vitaminen viele hundert Millionen Dollar verdient.
Anfang der Neunziger kommt der erste Rückschlag: In einer Studie mit 30.000 Rauchern sollen Vitamine zeigen, ob sie diese vor Lungenkrebs schützen. Die Studie wird vorzeitig abgebrochen, weil die Vitamine die Krebsrate bei Rauchern nicht senken, sondern um 20 Prozent erhöhen. Dem guten Image der Vitamine tut das offenbar keinen Abbruch. Der Jahresumsatz heute liegt bei acht Milliarden Euro.
Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.59 Uhr