Wie nah sind uns Primaten wirklich?
aus der Sendung vom Donnerstag, 6.5.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Nur wenige Forscher haben das Glück, unsere Verwandten in ihrer Heimat studieren zu können. Jörg Hess ist einer von ihnen. Seit über vierzig Jahren erforscht er Menschenaffen. Seine Verhaltensbeobachtungen in den Regenwäldern Afrikas machen ihn weltweit zu einem gefragten Experten. Mit unzähligen Bildern, Büchern und Vorträgen wirbt er für den Schutz der Primaten. Seine Studien zeigen, dass wir die nahe Verwandtschaft zu ihnen nicht leugnen können.
Immer wieder hat Jörg Hess nur allzu Menschliches an ihnen entdeckt: „Menschenaffen sind Wesen, die denken können, die geplant und einsichtig zu handeln vermögen, die Selbstbewusstsein besitzen und die unerhört kreativ sind.“
Keinem Menschen wird es gelingen wie ein Gorilla-Kind zu klettern. Aber auch wir waren einst in den Bäumen zu Hause, was sich noch heute am Menschen zeigen lässt, meint der Primatenfoscher Hess: „Neugeborene können sich kurz nach der Geburt an einem Besenstiel oder Ähnlichem festhalten. Theoretisch könnte man sie frei hängen lassen. Das geht kurze Zeit gut und dann geht es nicht mehr. Das heißt wir haben den Reflex des Greifens, aber wenn wir nicht üben, verlieren wir die Fähigkeit dazu. Menschenaffenkinder hingegen greifen in das Fell der Mutter und behalten diese Fähigkeit, weil sie sich fünf, sechs oder auch sogar sieben Jahre lang auf diese Weise an der Mutter festhalten müssen.“
Auch beim Essen gibt es Parallelen. Zwar sind wir nicht wie Gorillas reine Vegetarier, aber in beiden Kinderstuben gibt es kulinarisch viel zu begreifen, so Jörg Hess: „Kleine Gorillas müssen ihre Nahrungspflanzen erst entdecken und das sind 125 verschiedene. Aber sie lernen nicht nur die Pflanze an sich kennen, sondern sie lernen auch, wie sie riecht, wie sie sich anfühlt. Außerdem schauen sie zu, wie die Mutter Einzelteile der Pflanzen behandelt, bevor sie gegessen wird: schälen, zubereiten und so weiter. Die Techniken variieren von Pflanze zu Pflanze.“ Die Tischsitten der Familien unterscheiden sich. Was wie verspeist wird, ist durch Erfahrung, Vorgaben der Sitte und eigene Vorlieben geprägt – bei Menschenaffen wie bei uns Menschen.
Jörg Hess sammelt solche Erkenntnisse nicht aus Selbstzweck. Wie alle Primatenforscher will er deutlich machen, dass wir für unsere Verwandtschaft verantwortlich sind. Doch in einem Punkt ist er mit manchem Kollegen uneins. Es geht um den Versuch, den Menschenaffen wie zuvor den Gorillas, oder den Schimpansen besondere Rechte zu verleihen. Dies würde auch den Orang Utan aus Asien einen Sonderstatus verleihen. Doch in seinen Augen sind Menschenrechte für Menschenaffen der falsche Weg. Der Primatenforscher fürchtet, dass die Natur und die übrige Tierwelt bei diesem Ziel auf der Strecke bleiben: „Die Wesen, die uns am nächsten sind, sollen besondere Rechte bekommen. Damit betoniert man das anthropozentrischen Weltbild. Das hat die Konsequenz, dass wir riesige Schritte aus einer guten Richtung zurück gehen und dabei riskieren, dass die, die diese Rechte nicht haben, dann noch mehr ausgenützt werden, ohne dass wir uns ein schlechtes Gewissen machen müssten.“
Um die Letzten ihrer Art vor dem Aussterben zu bewahren, müsste die Natur aktiv geschützt werden. Ein Gesetz ist dabei kaum eine Lösung. Immer wieder entdecken Ranger etwa in den Wäldern Afrikas die Überschreitung von Rechten. Etwa einen Gorilla, der in einer Schlinge von Wilderern seine Hand verloren hat. Und in Asien ist es vor allem der Raubbau am Regenwald, der die Heimat der Menschenaffen zerstört. Der Wald weicht riesigen Palmöl-Plantagen und unsere Verwandten landen nicht selten auf dem Küchentisch. Nicht nur Jörg Hess fragt sich, wann solche Taten der Vernunft weichen werden: „Ich bin ein Optimist, aber wenn es um Menschen geht, dann bin ich Pessimist. Ich glaube nicht daran, dass Menschen ihren Egoismus überwinden und zu Wesen werden, die weltweit als Gemeinschaft auftreten können. Aber das ist unser Schicksal.“
Wenn das stimmt, werden die Menschenaffen bald ausgerottet sein. Doch noch gibt es sie. Und auch Menschen wie Jörg Hess, die zeigen, dass wir Menschen es in der Hand haben, ob unsere Verwandten weiterleben dürfen, oder ob wir sie bald nur noch aus Filmen und Büchern kennen werden.
Letzte Änderung am: 06.05.2010, 19.11 Uhr