Forscher auf der Spur wie sich Affen untereinander verständigen
aus der Sendung vom Donnerstag, 6.5.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Im Menschenaffenhaus des Leipziger Zoos, dem so genannten Pongoland, analysiert Katja Liebal die Gesten, mit denen die Affen untereinander kommunizieren. Schimpansen-Dame Alexandra streckt der Primatenforscherin den Hintern entgegen.
Dahinter steckt laut Liebal eine nette Geste: „Was Alexandra macht ist eine Begrüßungsgeste. Sie ist von Menschen aufgezogen worden und hat eben sehr engen Kontakt zu Menschen und das ist einfach ein Ritual, wenn man hier vorbeigeht, presst sich Alexandra an die Scheibe und dann sagt man kurz Hallo!“
Der Forscherin am Max-Planck-Institut in Leipzig geht es nicht allein um die Tiere: “Wenn Affen sehr ähnliche Gesten benutzen wie wir Menschen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass unser Vorfahre, unser Urahne, ebenfalls schon Gesten benutzt haben könnte. Aber was die Menschenaffen betrifft, muss man sagen, dass die Unterschiede zwischen Gesten-Kommunikation von Affen und Menschen am Ende viel größer sind, als die Gemeinsamkeiten.“ Jenseits der Gesten ist da noch der größte und ohrenfälligste Unterschied: Primaten geben zwar Laute von sich. Aber sprechen können sie nicht. Zwar wurde schon versucht, ihnen das beizubringen. Doch sie erwiesen sich als ausgesprochen wortkarg.
Katja Liebal erklärt: „Der Kehlkopf [Anm. d. Red: der Affen] sitzt im Gegensatz zum Kehlkopf des Menschen viel zu hoch. Dazu gab es in Amerika eine wissenschaftliche Arbeit. Der Affe konnte nach jahrelangem Training nur vier Laute produzieren, die alle sehr ähnlich waren wie Cup oder Mama. Und das war mehr in den Ohren derer zu hören, die ihn aufgezogen haben, als dass es wirklich eine deutliche Aussprache war.“ Ein weiterer Unterschied, den Katja Liebal und ihre Kollegen zwischen Affe und Mensch feststellen: "Menschenkinder plappern einfach drauf los. So lernen sie, über Dinge zu sprechen. Affen dagegen kommunizieren anders, aber durchaus auch zielgerichtet. Wie beispielsweise ein junger Gorilla, der schon früh lernt, sich und seine Gebietsansprüche imposant zu behaupten."
Diese Zielstrebigkeit machen sich Katja Liebal und ihre Kollegen am Max-Planck-Institut zunutze. Der Gorilla in ihrem Test soll auf den Becher zeigen, in dem ein Futterstück mehr liegt. Mit Erfolg. Allerdings verwenden Primaten solche Gesten ausschließlich bei Menschen. Auch andere Sprachsysteme können sie vom Menschen lernen wie z. B. Piktogramme für die Begriffe „Becher“ und „öffnen“. Einige Forscher brachte den Affen sogar Gebärdensprache bei. Katja Liebal hat ihre Zweifel: „An dieser Art von Studien ist immer fragwürdig, ob die Erkenntnisse, die wir von der Gebärdensprache erhalten, relativ künstlich und daher kaum auf das natürliche Verhalten übertragbar sind.“
Das Verhalten der Tiere ohne Einfluss des Menschen liegt deshalb im Fokus von Katja Liebal. Sie beobachtet die Affen im Verhalten untereinander. Sowohl im Pongoland, als auch im natürlichen Lebensraum wie ihr Vorbild Jane Goodall in Kenia. Deren Studien einer Schimpansenfamilie gelten bei Primatenforschern noch immer als herausragende Arbeiten der Verhaltensforschung. In ihnen entschlüsselte Jane Goodall auch die Mimik der Affen. Etwa das "Gepresste-Lippen-Gesicht" bei aggressiven Schimpansen, oder das so genannte "Huuh-Machen", um ein anderes Tier zu besänftigen oder Kontakt zu knüpfen, bedeutet bei Schimpansen: „Ich will doch nur spielen“.
Bisher gingen die Wissenschaftler davon aus, dass sich die Mimik bei Affen weitgehend unkontrolliert, rein emotional verändert – wie auch das Lautgeben. Die Forscher glaubten zudem, Affen könnten allein ihre Gesten absichtlich und gezielt einsetzen. Diese Thesen stellt Gesten-Expertin Liebal nun in Frage. Sie will gemeinsam mit Spezialisten im In- und Ausland neue Wege gehen. Zusammen wollen sie die Grundlage für weitere Studien schaffen, so Liebal: „Das Ziel unserer Forschung für die nächsten Jahre ist, dass wir diese Stränge, die bisher mehr oder weniger einzeln verliefen, zusammenzuführen und uns anschauen: Was macht ein Affe, wenn er mit einem anderen Affen kommuniziert anhand seiner Körperposition, der Hände, des Gesichtes und auch der Vokalisation. Oder wie sich die Bedeutung einer Geste in Kombination mit Gesichtsausdruck oder Lauten verändert." Vermutlich ist die Kommunikation von Menschenaffen noch viel komplexer, als bisher angenommen.
Kristal Davidson
Letzte Änderung am: 06.05.2010, 11.39 Uhr