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Fernsehen im SWR

Zeitreise: Essen

aus der Sendung vom Donnerstag, 22.4.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Heute schöpfen wir aus einem Überangebot an Lebensmitteln: Von vegetarisch über bürgerlich bis hin zu exotisch ist alles möglich. Doch wie hat sich der Essverhalten der Deutschen entwickelt? Und welche Nationen und gesellschaftlichen Strömungen übten ihren Einfluss auf die deutsche Küche aus? Der kulinarische Rückblick beginnt in den Jahren nach dem Krieg endet bei dem so genannten "Functional Food".

Die 50er Jahre: Nachkriegszeit und Toast Hawai

In den ersten Jahren nach dem Krieg herrschen Not, Elend und Hunger im Land. Doch nicht lange, dann sind wieder Buttercremetorte und echter Bohnenkaffee zu haben. Kaum hat das Fernsehen zu senden begonnen, köchelt Clemens Wilmenrod, Urvater aller Fernsehköche vor der Kamera: Es gibt „Toast Hawaii“ – große Kochkunst mit einer Cocktailkirsche als Clou. Und bald können die Deutschen auch wieder Urlaub machen: Der Bundesbürger reist nach Italien, lernt Pizza und Pasta kennen und kämpft mit exotischen Nudelgerichten. Zeitgleich reisen immer mehr Italiener nach Deutschland, um sich im „Wirtschaftswunderland“ als so genannte Gastarbeiter zu verdingen – mit dabei ihre Koch- und Esskultur. Und so mutieren die einst fremdartigen südländischen Teigwaren zu teutonischen Nationalgerichten mit einem Flair von Dolce Vita.

Die 60er Jahre: Chinarestaurants und Fischstäbchen

Die Gastronomie wird international. Den Italienern folgen andere Nationalitäten. In Frankfurt eröffnet Deutschlands erstes Chinalokal. Endlich kommen auch Deutsche in den Genuss einer in ihren Augen typischen chinesischen Küche: beliebige Lebensmittel kleingeschnippelt, in den Wok geworfen, in Sojasauce ertränkt und mit pappigem Reis verfeinert. Eine andere Errungenschaft der Zeit: Ravioli aus der Dose. Der Siegeszug von Konserven und Tütensuppen hat begonnen. Kochen heißt immer häufiger nur noch: Packung aufreißen und den Inhalt unter langsamem Rühren verquirlen. Daneben kommt eine neue Entwicklung aus Amerika auf dem Markt: Tiefkühlkost. Aus dem Eisfach kommen jetzt gefrorene Lebensmittel aller Art. Der Hit – nicht nur bei Kindern – ist zweifelsohne Fisch, der aussieht wie Bauklötze aus Pressspan – und leider oft auch so schmeckt.

Die 70er Jahre: Pommes und Revolte

Eine belgische Spezialität hat ihren weltweiten Siegeszug angetreten: Die im Original bezeichneten „pommes de terre frites“ kommen nach Deutschland und werden zu „Pommes“. Passend dazu werden die Currywurst und Hamburger, die nach US-Vorbild aus einem Fleischklops zwischen Brötchenhälften bestehen, immer beliebter. Willkommen in der Welt von Fast-Food, MacJob und Papptellern. Dagegen rebellieren Studenten und andere Alternative. Der Zeitgeist ist aufmüpfig. Denn in Wohngemeinschaften lebt man gesund.

Die 80er und 90er Jahre: Ökobewegung und die Single-Küche

Manch einer schmeißt das Soziologiestudium hin und zieht ganz aufs Land. Die Ökobewegung ist geboren. Statt Klassenkampf rücken in den 80er Jahren gesunde Lebensmittel und Selbstgebackenes in den Mittelpunkt. Im Gegensatz zu den 90er Jahren, der Zeit einer Renaissance von Raviolidose und Co., aber modisch gewendet als „Convenience Produkte“ oder in der Ein-Personen-Packung. Der moderne erfolgreiche Single hat schließlich keine Zeit, Salat zu schleudern, die Lebensmittelindustrie nimmt es ihm daher ab. Aber erneut etabliert sich eine Gegenbewegung: „Slow Food“, wörtlich übersetzt „langsames Essen“. Ihre Anhänger sammeln die Zutaten gern selbst im Wald und setzen auf traditionelle Küche – saisonal und regional. Geschmacksverstärker, Farbstoffe oder Konservierungsstoffe sind verpönt. Gegessen wird nicht aus Pappbechern, sondern von Tellern und selbstverständlich mit Messer und Gabel.

Und heute?

Der Trend im Supermarkt heißt „Functional Food“. Das sind Lebensmittel, die angereichert mit allerlei angeblichen Gesundmachern und Gesundhaltern, ‘mal fettarm, `mal cholesterinfrei, `mal isotonisch', jedoch in jedem Fall künstlich sind. Und die Zukunft soll der Zellkultur gehören. Wissenschaftler wollen tierische Eiweißzellen in Nährlösung auf die Größe von Wiener Schnitzeln vermehren. Sauber, artgerecht und unbegrenzt lauten die Verheißungen. Ob sie Wirklichkeit werden oder der Deutsche des 21. Jahrhunderts doch lieber seine gewohnten Fleischberge vorzieht, das bleibt abzuwarten.

Astrid Dermutz

Letzte Änderung am: 22.04.2010, 00.45 Uhr