aus der Sendung vom Donnerstag, 8.4.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Der Seeadler gehört zu den Erfolgsgeschichten im Naturschutz. Die markanten, majestätisch wirkenden Tiere standen kurz vor dem Aussterben: Pestizide und die Zerstörung ihres Lebensraumes hatten die Bestände dramatisch dezimiert. Doch seit die Adler streng geschützt sind, geht es ihnen besser. Inzwischen leben immerhin wieder 540 Paare in Deutschland.
Die Adler lieben vor allem zwei Dinge: Fische und ihre Ruhe. Menschen gehen sie aus dem Weg, wann immer es möglich ist. Die großen Vögel gelten als außerordentlich scheu. Doch auch das scheint sich – zumindest ein Stück weit - zu ändern.
Fred Bollmann aus dem Mecklenburgischen Feldberg ist freiberuflicher Naturschutz-Ranger. Seine große Leidenschaft ist es, Seeadler zu beobachten und zu schützen. Ihm ist es jetzt sogar gelungen, losen Kontakt mit einem Seeadlerpärchen aufzunehmen - und zwar mit viel Geduld und mit Fischen.
Das Adlerpärchen beobachtet den Vogelschützer, der einen Fisch in der Hand hält: „Das ist ein wunderschöner Plötz und den pumpe ich jetzt mit Luft voll, damit er schön an der Oberfläche bleibt; weil der Seeadler holt sich ja seine Fische nur von der Oberfläche. (...)“
Dann fliegen die Seeadler das angebotene Futter gezielt an - nur wenige Meter von Fred Bollmann entfernt. Der ist natürlich stolz: „Die Seeadler erkennen ganz deutlich wer ich bin, und dass ich derjenige bin, der ihnen was zu essen bringt. Ich mach’ das ja nun… - es ist jetzt schon das sechste Jahr. Ich verhalte mich immer gleich: Ich rufe „Komm!“ oder ich pfeife, ich renn dann auf dem Boot lang. Das kennen die und dann wissen sie ganz genau: das isser. Und dann kommen die angeflogen. Es ist egal wo ich drinsitze im Boot; es kann auch ein ganz fremdes Boot sein. Aber wenn Du jetzt alleine fahren würdest mit dem Boot, dann kommen die einfach nicht - weil die kein Vertrauen zu Dir haben, weil die Dich nicht kennen. Dann kommen die vielleicht auf 100 oder 200 Meter Entfernung, aber nicht auf 15 oder 20 Meter.“
Noch ungewöhnlicher ist das Verhalten eines Seeadlerpaares in der Nähe des sächsischen Wurzen. Nur 60 Meter Entfernung sind es hier vom Wanderweg zum Horst. Trotzdem stören sich die Großvögel nicht an den Ausflüglern die vorbeikommen. Adlerexperten wie der Biologe Peter Wernicke hätten eine solche Nähe zu Menschen vor einigen Jahren noch nicht für möglich gehalten: „Die Menschennähe, die einige Adler hier mittlerweile jetzt tolerieren, ist eine Ausnahme; das muss man auch ganz klar sagen. Das sind einige wenige Exemplare, einige wenige Paare, die in Menschennähe leben. Sie haben sich an bestimmte Verhaltensabläufe der Menschen gewöhnt: an Autos, an Fußgänger – aber sowie eine Verhaltensänderung in diesen Verhaltensabläufen eintritt – ein Fußgänger den angestammten Weg verlässt, ein Boot an das Seeufer kommt, in die Nähe des Adlerhorstes, können die Reaktionen völlig andere sein. (...)"
Die Forscher freuen sich, dass die Adler mehr werden. Aber sie warnen auch, dass eine so kleine Population immer gefährdet ist. Von 200 toten Seeadlern, die sie untersuchten, war ein Drittel an Bleivergiftung gestorben – sie hatten durch Bleimunition verseuchtes Wildfleisch gefressen, wie es nach Jagden zurückbleibt. Zwei Drittel waren durch Stromleitungen und Windräder umgekommen. Das deutsche Wappentier braucht auch weiterhin unseren Schutz.
Frank Koschewski
Letzte Änderung am: 08.04.2010, 14.55 Uhr