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SENDETERMIN Do, 8.4.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Jagdgenossenschaft

Wer einem Verein oder einer Genossenschaft beitritt, tut das freiwillig. Meistens jedenfalls. Denn wer in Deutschland ein Grundstück von unter 75 Hektar in einem Jagdbezirk besitzt, wird automatisch Mitglieder einer Jagdgenossenschaft – ob er will oder nicht. Viele wissen gar nicht, dass sie Mitglied sind, denn darüber wird man nur auf Anfrage informiert. Und bislang gibt es auch keine Möglichkeit, aus einer solchen Jagdgenossenschaft auszutreten oder die Jagd auf der eigenen Wiese zu verbieten.

Frau füttert ihre Hauskatzen in ihre Holzhütte

Gestörte Ruhe: Marie de Contes verlor schon sechs Katzen.

Zum Leidwesen von Katzenliebhaberin Marie de Contes. In ihrem Landhaus in Niederbayern wollte die Französin ruhig mit ihren Tieren leben – doch seit sie dort wohnt, musste sie schon sechs Katzen beerdigen: „Fast immer nachdem wir die vermisste Katze zum letzten Mal gesehen haben, haben wir einen Schuss gehört. Und es gibt hier außer Jäger keine Gefahr. Es gibt keine Autos, keine Tierfänger – weil sie auffallen würden. Die einzige Gefahr sind Jäger.“

Willkürliche Jagd auf Hauskatzen

Dass Jäger ihre verschwundenen Katzen auf dem Gewissen haben, ist nicht nur eine vage Vermutung von Marie de Contes - sie hat guten Grund für ihren Verdacht. Zu ihrem Grundstück gehört eine Wiese, und „als ich hier spazieren ging, kam plötzlich ein bewaffneter Mann aus dem Wald und schrie mich an. Das war der Jäger. Dann sagte er, ich störe die Jagd und ich hätte hier nichts zu suchen – also auf meinem eigenen Grundstück. Und dann sagte er: Wenn es so ist, dass Sie die Jagd stören, dann werde ich alle Ihre Katzen erschießen.“

„Jagdstörung“ auf der eigenen Wiese? Tatsächlich ist die Jagd auf Privatgrund oft legal. Denn Wälder, Wiesen und Äcker sind bei uns zu Jagdrevieren zusammengefasst und an Jäger verpachtet. Besitzer sind zwangsweise Mitglieder der Jagdgenossenschaft, ob sie das wollen oder nicht. Nur so gibt es große, zusammenhängende Reviere für Jäger, erklärt Raimund Wagner: „Voraussetzung ist natürlich für ein Jagdrevier, dass eine zusammenhängende Fläche da ist. Wenn Stücke herausfallen, da besteht ja praktisch Betretungsverbot: der Hund darf nicht drauf, man darf kein Wild bergen oder drauf schießen. Also damit wäre unser ganzes Jagdsystem am Ende. Man müsste dann übelregen, ob es überhaupt noch eine Jagd geben würde - wahrscheinlich überhaupt nicht mehr.“

Zwangsmitgliedschaft

Mann mit Hund steht auf einer Wieseq

Roland Dunkel wehrt sich gegen Zwangsmitgliedschaft

Darüber würde sich allerdings Roland Dunkel freuen. Auch ihm gehört eine Wiese, die gegen seinen Willen Jagdrevier ist. Dagegen wehrt sich der Tierschützer: „Es ist unerheblich ob ich mich zu Hause in meinem Wohnzimmer befinde oder auf meinem Grundstück: es ist mein Eigentum und ich möchte bestimmen, wie mit Tieren umgegangen wird. Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass hier Tiere zu Tode kommen.“

Deswegen hat er vor dem Verwaltungsgericht Würzburg gegen seine Zwangsmitgliedschaft in der Jagdgenossenschaft geklagt – den Prozess jedoch verloren. Für ihn kein Wunder, denn nach seinen Informationen sind mehrere der damals urteilenden Richter selbst Hobbyjäger. Doch deshalb gibt er nicht auf. Er betreibt ein Internetforum, über das sich die Betroffenen organisieren.

Besitzstandwahrung

Der zuständige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner will, wie die Jäger, dass in Sachen Jagdgenossenschaft alles beim Alten bleibt. Andernfalls sieht er größte Probleme mit hinterhältigen Wildschweinen kommen: „Ein Wildschwein steht mit zwei Beinen auf einem Grundstück, vielleicht bei jemandem der Mitglied der Jagdgenossenschaft ist, und mit den anderen Beinen bei einem Eigentümer der nicht Mitglied ist. Er müsste also in der Praxis so rumlaufen, dass er auf der einen Seite das Gewehr hält und auf der anderen die Flurkarte. Das ist nicht realisierbar und deswegen meine ich, hat sich unser Reviersystem bewährt.“

Roland Dunkel will auf jeden Fall weiter dagegen kämpfen. Große Hoffnung setzen die Jagdgegner jetzt auf den Europäischen Gerichtshof. Der hat schon gegen die Zwangsbejagung in Frankreich entschieden, und jetzt auch eine Beschwerde deutscher Kläger zugelassen.

aus der Sendung vom

Do, 8.4.2010 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

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