Die Rolle des Mannes
aus der Sendung vom Donnerstag, 19.8.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Ob im Kindergarten oder in der Grundschule, Männer als Erzieher oder Pädagogen sind rar. Oft fehlt auch zu Hause der Vater. Die Folge: Vielen Jungs fehlt es in der Erziehung an männlichen Vorbildern. Ein engagiertes Projekt an der Keplerschule in Freudenstadt will (nicht nur) Jungs Hilfestellung in schwierigen Lebenslagen geben.
Wenn der Sozialpädagoge Alexander Fix in die Klasse kommt, stehen statt Deutsch oder Mathe Dinge wie Coolness- oder Antigewalttraining“ auf dem Programm. Alexander Fix will den Schülern beibringen, respektvoll mit anderen umzugehen. Und er möchte ihnen Strategien für Gelassenheit mit auf den Weg geben. Dazu sollen sich die Schüler zunächst besser kennen-, und sich öffnen lernen. Gerade für Jungs oft keine leichte Aufgabe, wie er weiß.
Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben – vor allem die Jungs sollen das in den Gruppenspielen mit Alexander Fix lernen. Denn spätestens PISA hat gezeigt: Nicht die Mädchen sind die Sorgenkinder des Bildungssystems, sondern die Jungs. Mittlerweile verlassen fast doppelt so viele junge Männer wie Frauen die Schule ohne Hauptschulabschluss. Eine Erklärung dafür: Weder in der Schule noch zu Hause wird wirklich auf die besonderen Bedürfnisse von Jungs eingegangen.
„Ich denke, es ist ein schweres Los, wenn man niemanden hat in seinem Leben, an dem man sich orientieren kann. Also kein männliches Vorbild. Und da ist halt der Punkt, den ich erlebe in meinem Alltag, dass in erster Linie viele Väter fehlen. Die fehlen einfach. Sie sind tot, sie sind in Russland, sie sind geschieden, sie kümmern sich nicht oder nur wenig. Und wenn ich als Junge im bestimmten Alter, und das ist halt nun mal ab - ich sag mal ab dritter Klasse bis hin zur Pubertät, wenn ich da niemanden habe, an dem ich mich orientieren kann, dann habe ich ein Problem“, erklärt der Sozialpädagoge.
Jungs ohne Vorbilder werden oft trotzig. Sie flüchten sich in Alkohol oder Aggression, in der Schule stören sie statt zu lernen. Junge Männer, die zu lange sich selbst überlassen und schwierig wurden, betreut Alexander Fix in der „Kinderwerkstatt Eigen-Sinn“. Das Projekt, zu dem die 13- bis 15-Jährigen von ihren Eltern und Lehrern verpflichtet wurden, ist ihre letzte Chance. Wenn sie dort nicht lernen ihr Verhalten zu ändern, fliegen sie von der Schule.
Klare Aufgaben und Regeln sollen Ordnung in das Leben der Jungs bringen. Mit Alexander Fix müssen sie ganz neu lernen, worauf es in einer Gemeinschaft ankommt. Ein bisschen Coolnesstraining reicht da nicht mehr. Vielmehr geht darum, sich seinen Platz in der Gesellschaft zurück zu erobern, und nicht komplett abzurutschen.
In der Gemeinschaft lernen die Jungs, dass sie mit ihren Problemen nicht allein dastehen. Im Erfahrungsaustausch mit dem Pädagogen und den anderen Jungen können sie ihre Stärken und Schwächen erkennen, und sie lernen, mit ihrer Rolle als junge Männer umzugehen. Mit der Zeit fällt es ihnen leichter zuzuhören, und auch über unangenehme oder schwierige Fragen zu sprechen.

Erfahrungsaustausch ist notwendig
Doch nicht nur Probleme, auch Lösungsansätze kommen auf den Tisch. Indem er den Jungs Halt und eine Perspektive gibt, will Alexander Fix sie lebenstüchtig machen: „Denen ihre Situation klarzumachen, die wachzurütteln und auch die Stärken rauszufinden, herauszusuchen, so dass die merken: Mensch, ich kann ja was. Und dass sie sich daran ganz langsam wieder hochrappeln können, Selbstbewusstsein aufbauen. An andere Aufgaben, schwierige Aufgabe herangehen, und so ’nen Sinn fürs Leben entwickeln. Das ist das Ziel davon.“ Denn wer mit seinem Leben im Reinen ist, findet sich auch eher in der Schule und später im Beruf zurecht.
Fazit: Damit Jungs nicht zu den Verlierern im Bildungssystem werden, müssen Elternhaus und Schule gezielt auf sie eingehen, und sich noch mehr auf deren Bedürfnisse einstellen als bisher.
Lena Ganschow, Harold Woetzel
Letzte Änderung am: 05.08.2010, 14.24 Uhr