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Fernsehen im SWR

“Wann ist Mann ein Mann?“

Die Rolle des Mannes

aus der Sendung vom Donnerstag, 19.8.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Sie berichten über die „Krise der Kerle“, vom „neuen schwachen Geschlecht“ oder resümieren, „was vom Manne übrig blieb“ - die Titel aktueller Bücher und Artikel zur derzeitigen Identitätssuche des modernen Mannes klingen allesamt niederschmetternd. Das „Modell Mann“ sei völlig überholt, ist dort zu lesen. War seine Rolle früher klar definiert, scheint der Mann heute vielmehr ein Problemfall zu sein.

Zu den Erfordernissen des gegenwärtigen Alltags will seine traditionelle Rolle einfach nicht mehr so recht passen. Soziologen und Psychologen warnen vor ernsten Identitätsproblemen. Mann soll einerseits Gefühle zeigen und Schwächen eingestehen, aber der weichgespülte Softie ist nicht gefragt. Wie soll er also sein, der neue Mann? Männergruppen oder -seminare wollen Männern Wege aus der Identitätskrise weisen.

Ein ganzer Kerl – dank der richtigen Haltung

Die richtige Haltung, Ausstrahlung, Mimik – ein ganzer Kerl sein. Dazu ist Gunnar beim Körperspracheseminar in Hamburg angetreten. Denn am richtigen Ausdruck, so fürchtet der 35-Jährige, mangelt es ihm bisher etwas. Zuerst arbeitet der Trainer mit ihm deshalb am aufrechten Gang. Eine stolze Haltung soll männlicher wirken - und möglichst auch attraktiver. Denn der IT-Techniker ist unfreiwilliger Single.

Und das, so sein Verdacht, könnte auch daran liegen, dass er an Frauen die falschen Signale sendet: „Der erste äußere Eindruck ist in jedem Fall ganz wichtig“, beschreibt Gunnar seine Erfahrungen. „Weil - wenn ich mich klein mache, werde ich ja gar nicht wahrgenommen. Ich hab in den letzten Jahren, wenn ich versucht habe anzubändeln und zu daten, relativ wenig Erfolg gehabt. Und je mehr Mühe ich mir gegeben habe, umso schlimmer wurde es eigentlich. Frauen möchten einen sensiblen Macho, der intelligent ist, sich aber auch ein bisschen lenken lässt. Da ist man dann als Kerl schon irgendwie verwirrt.“

Verunsichert statt selbstbewusst

Verwirrung darüber, wie man als Mann heute sein soll, herrscht auch in Berlin. Dort trifft man sich zu Männergruppen, denn vielen geht das Mannsein nicht mehr so selbstverständlich von der Hand wie den Generationen davor. Da hilft nicht allein, sich auf frühere Stärken zurück zu besinnen. Denn selbst Männer die lange in der „Macher“-Rolle aufgingen sind verunsichert: Thomas, selbständiger Malermeister und Familienvater, spürt die Krise seit vier Jahren: „Ich würde eigentlich aus jetziger Sicht sagen, dass meine Krise vielleicht bedingt mit dieser Männerrolle zu tun hatte. Weil ich ja als Ernährer und Versorger funktionieren musste. Und dieses Funktionieren hat mir nicht gut getan. Und ich kam dann eben auf diesen Gedanken, dass mir andere in ähnlichen Krisen dabei durchaus hilfreich zur Seite stehen könnten. Und deswegen bin ich auf diesen Gedanken mit einer Männergruppe gekommen.“

Auf Kriegsfuß mit der Versorger-Rolle

Während er in der Männergruppe nach neuen Wegen sucht, steht Thomas im Alltag derzeit vor den Trümmern seiner Existenz. Seit einem halben Jahr ist der 45-Jährige als Burnout-Patient krankgeschrieben und wartet auf eine Kur. Währenddessen steht die Arbeit in seinem Malerbetrieb still. Das alte Ideal männlicher Härte und Leistung hat ihn krank gemacht. „Meine Arbeit hat keinen Spaß mehr gemacht, die betrieblichen Gewinne gingen zurück, zuhause war das nur noch eine Wirtschaftgemeinschaft und eine Kindererziehungseinrichtung. Und mir kommt’s im Moment und in Zukunft darauf an, herauszufinden wer bin ich, was möchte ich. Unabhängig davon, welches Männerbild ich verkörpere. Also an diesem klassischen Männerbild des Versorgers möchte ich mich eigentlich nicht mehr orientieren“, erzählt er.

Der Mann muss sich neu erfinden

Wie es stattdessen weitergehen soll, weiß er allerdings noch nicht. Deshalb trifft er sich alle zwei Wochen mit Männern denen es ähnlich geht. Gruppenleiter Peter Thiel weiß, was den Mann in seinen Grundfesten erschüttert: In Zeiten unsicherer Arbeitsbiografien reicht es nicht mehr, sein Selbstbewusstsein auf den Job zu gründen. „Im Moment stecken 100 Prozent der Männer in der Krise. Also es mangelt an realen Vorbildern und daher muss der Mann sich sozusagen auch selber neu erfinden. Heute nützt es mir nicht so viel, mit meinem 70- bis80-jährigen Vater zu reden, wie der in den 60er Jahren irgendwo gearbeitet hat, oder der vielleicht sagt: Mit meiner Frau hab ich damals nicht so viel rumdiskutiert. Das bringt mich jetzt nicht mehr weiter“, diagnostiziert Thiel.

In der Berliner Männergruppe ist man sich deshalb einig: Die alten Rollenmuster müssen weg und neue Qualitäten her. Genau danach suchen die Männer gemeinsam in der Gruppe. Für Männer-Coach Peter Thiel ist schon relativ klar, welche Eigenschaften ein „neuer Mann“ in jedem Fall mitbringen muss: „Der neue Mann ist konfliktbereit und schiebt die Konflikte nicht alle unter’n Teppich, nach dem Motto: Da werden die schon alle irgendwann weg sein. Der neue Mann ist interessiert an seiner Frau und betrachtet die nicht bloß als Statussymbol oder als Haushälterin.“ Der neue Mann soll außerdem zu seinen Schwächen stehen, aber gleichzeitig kein Schwächling sein. Kommunikativ, gesprächsbereit und flexibel, aber möglichst auch nicht zu weichgespült. Und noch so einiges mehr.

Der neue Mann: ein echter Alleskönner?

Kurzum: der neue Mann soll fast alles können und sein – und männliche wie weibliche Qualitäten verbinden. Natürlich ohne dabei weiblich zu wirken, wie Trainer Ulf Lehnert von der Agentur „open4life-Coaching“ im Hamburger Seminar anschaulich parodiert. Dass viele widersprüchliche Erwartungen am männlichen Selbstbewusstsein zerren, spürt auch Gunnar. Zur Orientierung zitiert der Trainer bekannte Vorbilder wie John Wayne und rät dazu, sich auch auf archaische Wesenszüge zurück zu besinnen: „Viele Männer fragen sich heute: wofür gibt es sie eigentlich noch? Weil die Frauen mittlerweile so viele Rollen übernommen haben, dass die Männer einfach irritiert sind. Und andererseits sehnen sich die Frauen, bewusst oder unbewusst, auch die starken Frauen, nach dem Mann der sie auch mal in die Arme nimmt, der sie auch mal schützt. Also ich denke, dass ein Mann auch heute noch auf Frauen attraktiv wirkt, wenn er sich sozusagen seiner archaischen Ursprünge bedient. Ich muss klar zu dem stehen, was ich bin.“

Und genau das übt Gunnar nun im Seminar. Unter dem strengen Blick von Trainer und Leidensgenossen soll er sich in einer imaginären Bar einer interessanten Frau nähern und dabei überzeugend männlich wirken. Aber nicht nur Männer, auch Frauen tun sich mit dem richtigen Rollenverhalten in solchen Momenten zunehmend schwerer. „Zu uns in die Kurse kommen genauso Frauen, die das gleiche Problem umgekehrt haben, die eben in ganz männlich dominierten Bereichen ihren Mann stehen und mit so einer Energie auf Männer zugehen, dass die einen Schritt zurückgehen“, beschreibt Trainer Ulf Lehner die Problemlage. „Das Wichtige ist diese Verkrampftheit rauszukriegen. Beide Rollen, beide Geschlechter müssten spielerischer werden, mehr experimentieren mit den Rollen und auch schauen, wie sich das anfühlt. Also weg mit so einem Leistungsdruck.“

Weg mit dem Leistungsdruck

Weniger Leistungsdruck - das könnte auch für Thomas aus Berlin die Lösung sein. Deshalb hat sich auch sein Coach ein Rollenspiel für ihn ausgedacht: Er soll eine Mauer aus Mitspielern durchbrechen um ein selbst gestecktes Ziel zu erreichen. Anders als gewohnt bekommt er dabei männliche Rückendeckung von einem Freund und soll sich durchsetzen, ohne sich völlig zu verausgaben. Für Thomas eine wertvolle Erfahrung: „Dieses Männerbild ändert sich aus meiner Sicht in diese Richtung, dass ich aus diesem ganzen System von immer höher, schneller, weiter mich so ein bisschen zurückziehe.“

Auch Gunnar will sich in Zukunft weniger unter Druck setzen, und die Partnersuche ganz gelassen angehen. Wirken will er dabei nicht nur über Äußerlichkeiten – auch wenn er eben daran nun gefeilt hat, und mit dem Ergebnis recht zufrieden ist: „Ja, ich glaube das funktioniert. Also ich glaube, man kann diesen „John Wayne-Gang“ in die Kneipe mitnehmen, weil es ja auch darum geht, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzielen. Er will aber beim „Cowboy-Spielen“ auch den Humor nicht verlieren. „Ich glaube, dass man den harten Kerl sicherlich spielen kann. Und man kann sicherlich erfolgreich sein damit - zumindest eine Zeit lang. Ich glaube aber, dass Selbstbewusstsein und „harter Kerl“ spielen zwei unterschiedliche Seiten der Medaille sind. Es macht mehr Sinn, zu versuchen, die Stärken in einem zu finden und an seinem Selbstbewusstsein zu arbeiten, als eine Show abzuliefern.“

Scarlet Löhrke

Letzte Änderung am: 05.08.2010, 13.08 Uhr