Unsanfte Medizin
aus der Sendung vom Donnerstag, 14.10.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Seit Jahrtausenden werden chinesische Heilpflanzen gesammelt und erforscht, das Wissen um ihre heilende Wirkung dokumentiert und weitergegeben. Inzwischen kommen viele der Heilpflanzen auch zu uns. Sie bilden die Grundlage verschiedener Therapien der alternativen Medizin, die immer beliebter wird. Denn viele Patienten glauben, mit diesen Mitteln bekämen sie „sanfte Hilfe“ ohne die Nebenwirkungen „chemischer“ Präparate. Doch je mehr das Geschäft der Alternativmedizin boomt, desto mehr zweifelhafte Mittel und Heiler sind im Angebot.
So berichtete die Presse in den 90er Jahren etwa über schwere Nierenschäden bei Frauen nach speziellen Diätkuren. Etliche Patientinnen starben. Im Erasme-Krankenhaus in Brüssel werden die Patientinnen, die überlebten, noch heute betreut. Die Ursache für die Nierenerkrankungen wurde erst Jahre später entdeckt: chinesische Medizin – Kräuter zum Abnehmen.
Auch Sylvie B. leidet noch unter den Folgen: „(Es ist mir dadurch passiert), dass ich im Jahre 1990 eine Abmagerungsdiät unter ärztlicher Aufsicht gemacht habe mit Medikamenten. Und dann habe ich praktisch zwei bis drei Jahre später gemerkt wie ich immer müder wurde und Kopfschmerzen hatte, zwei Jahre lang. Dann bin ich zu einem Facharzt gegangen und dann haben wir festgestellt, dass es eine Nierenkrankheit, eine chronische Nierenkrankheit war. Ein Jahr später war die Dialyse und dreieinhalb Jahre später wurde ich transplantiert mit nachher sehr vielen Komplikationen.“
Im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg wurde die Ursache der Erkrankung entdeckt, nachdem die Gewebeproben dort untersucht wurden. Der Wissenschaftler Dr. Heinz Schmeiser konnte nachweisen, dass das Präparat nierenschädigende und krebserzeugende Substanzen aus der Aristolochiapflanze enthielt.
Professor Thomas Efferth forscht seit den 90er Jahren am DKFZ über Heilkräuter, auch über chinesische Medizin. Er erklärt: „Es hat sich um einen Kräutermix gehandelt der als Abmagerungskur gedacht war, und es wurde fälschlicherweise eine Pflanze beigemischt, die nicht dazu gehört. Es gibt eine Pflanze namens Fanchi, die aber nicht eindeutig ist: es gibt zwei verschiedene Arten, eine davon ist die Aristolochia. Aristolochia enthält Aristolochia-Säure, die extrem giftig ist und dementsprechend in diesem Kräutermix zu extremen Vergiftungserscheinungen geführt hat.“
Im Erasme-Hospital in Brüssel nahm man diese Ergebnisse mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis, denn die Nierenspezialistin Joelle Nortier konnte ihren Patientinnen auch jetzt keine Heilung versprechen. Doch nun kannte sie wenigstens die Ursache dieser Häufung von Nierenerkrankungen. Sie erzählt: „In Belgien nahmen etwa 100 Menschen diese Pillen, die Aristolochia-Säure enthielten. Das Problem: es ist nierenzerstörend und krebserregend. Die meisten dieser Frauen bekamen Nierenversagen und mussten an die Dialyse. Die Hälfte von ihnen entwickelte auch noch einen Harnleiterkrebs. Natürlich bekamen sie von uns eine Nierentransplantation, aber sie müssen jetzt bis zum Ende ihres Lebens Medikamente nehmen die das körpereigene Immunsystem unterdrücken.“
Erschütternde Schicksale. Und alles nur, weil bei der Bestellung zwei Heilpflanzen verwechselt wurden. Immer wieder kommt es zu solchen Irrtümern und Verwechslungen wenn diejenigen, die solche Rezepturen mischen oder verschreiben, keine Fachleute sind.
In einer Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in Freiburg praktizieren Dr. Yali Lu und Dr. Barbara Volkmar. Sie haben viele Jahre in China und auch in Deutschland Medizin studiert und in beiden Ländern den Facharzt gemacht, bevor sie ihre Praxis eröffnet haben. Sie sind enttäuscht über den leichtfertigen Umgang mit chinesischen Heilpflanzen. Dr. Yali Lu ist auch erbost darüber: „Diese Fälle zeigen, dass die belgischen Ärzte und Apotheker überhaupt keine Ahnung von der chinesischen Medizin haben. Sie haben einfach die Kräuter missbraucht. Die chinesischen Ärzte und Apotheker müssen alle eine jahrelange Hochschulausbildung absolvieren. Dieses Wissen kann man sich nicht mit einem Wochenendkurs aneignen. Ein chinesischer Arzt würde nie auf die Idee kommen, solche Mittel zum Abnehmen einem Patienten zu verschreiben. Das widerspricht der Denkweise der traditionellen chinesischen Medizin und auch der chinesischen Kultur.“
Deshalb braucht es eine andere Handhabung bei der Anwendung von Heilpflanzen aus Südostasien. Prof. Thomas Efferth hält den fahrlässigen Umgang damit für gefährlich: „Ein Hauptproblem ist sicherlich die mangelnde Qualitätskontrolle. Es gibt verschiedene Ebenen, die berücksichtigt werden müssen: Wie sind die Pflanzen gelagert, wie sind die Wirkstoffgehalte in den Pflanzen... Wir haben aber auch Beimischungen die nicht erwünscht sind. Also beispielsweise durch umweltverschmutzte Böden, Schwermetallbelastungen – Cadmium, Blei zum Beispiel... das geht hin bis zu Lösungsmittelrückständen bei der Gewinnung, und sogar auch radioaktive Rückstände, die in solchen Kräutermixturen enthalten sein können.“
Die Folgen müssen die Menschen tragen. Bei Sylvie B. haben sie ihr ganzes Leben verändert: „Ich konnte meinen Beruf nicht mehr ausüben, weil ich einfach drei Tage in der Woche zur Dialyse musste. Und dann musste ich sehr oft ins Krankenhaus und meine Kinder sind dann alleine. Und ich bin auch zuckerkrank geworden durch das Cortison, was ich jetzt nehmen muss. Das heißt, es ist sehr viel kaputt gegangen in meinem Leben und jetzt bin ich sehr vorsichtig geworden, wenn man mir sagt, man gibt mir irgendeine pflanzliche oder exotische Behandlung. (...)“
Das Fazit ist klar: Auch chinesische Medizin sollte nur von Fachleuten verschrieben werden. Und jede Heilpflanze, die importiert wird, sollte bereits bei der Einfuhr auf Schadstoffe und Reinheit überprüft werden. Nur dann können wir sicher sein, dass sich solche Vorfälle wie in Belgien nicht wiederholen.
Letzte Änderung am: 14.10.2010, 12.40 Uhr