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Fernsehen im SWR

Neuroimaging – Fortschritte und Nebenwirkungen

aus der Sendung vom Donnerstag, 4.2.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Es ist wunderschön und immer noch voller Geheimnisse – unser Gehirn. Dank modernster Verfahren blicken Forscher tief hinein, in unser Denkorgan - um zu verstehen wie der Geist funktioniert und Krankheiten entstehen. Professor Frank Hentschel, Arzt und Forscher am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit, verfügt über ein ganzes „Archiv der Gehirne“ mit Kernspin-Aufnahmen.

Doch wer seinen Kopf, zum Beispiel als Teilnehmer eines Forschungsprojekts, in die Röhre steckt, könnte Überraschungen erleben: Bei fast jedem Dritten, der im Mannheimer Zentralinstitut in den Scanner kommt, werden Auffälligkeiten im Gehirn sichtbar. Meist sind das unbedeutende Abweichungen von der Norm, es kann aber auch ein dramatischer Befund aus heiterem Himmel sein.

Wundermaschinen verursachen Unbehagen

Auf Bildern des Magnetresonanztomographen von Versuchsteilnehmern erkennt Prof. Hentschel zum Beispiel einen bösartigen Tumor bei einem Kind, eine gefährliche Gefäß-Fehlbildung bei einer jungen Frau oder eine dramatisch vergrößerte Hypophyse bei einem Mann. Einzelfälle zum Glück, wie Prof. Hentschel betont: „Nur bei einem kleinen Teil von bis zu zwei bis zweieinhalb Prozent gibt es bedeutsame Befunde. Das heißt, wir können immerhin 100 bis 200 mal scannen und müssen dann zwei bis drei Menschen schlechte Botschaft überbringen.“

Solche schlechten Botschaften musste Hentschel auch schon Angehörigen seiner Mitarbeiter überbringen, die sich für die Forschung durchleuchten ließen. Und sogar Unternehmen, die Hirnscanner bauen, sind bei diesem Thema sensibel: Hentschel erlebte das einmal bei der Suche nach einer neuen Maschine: Ein Händler lehnte es strikt ab, Kunden in seiner Firma für einen Gerätetest in die Röhre zu schieben: Zu häufig habe man schon unangenehme Funde gehabt. Die Wundermaschinen verursachen mit Ihrer Leistungskraft auch Unbehagen.

Prototyp mit besserer Auflösung

Im Forschungszentrum Jülich steht der mächtigste Magnetresonanztomograph Deutschlands: Drei- bis sechsmal so leistungsfähig wie ein medizinisches Standardgerät, kann er gewissermaßen in die Zukunft schauen. Derzeit, noch in der Testphase, füttern die Forscher ihr Baby mit schlichten Gegenständen, zum Beispiel Kugeln die mit Wasser gefüllt sind. Bevor sie lebende Menschen in die Superröhre schieben muss klar sein, dass die Maschine korrekte Bilder liefert.

Das MRT misst im Grunde nur die Verteilung von Wasser und errechnet daraus Bilder. Also: Eine wassergefüllte Kugel sollte auch als Kugel dargestellt werden. Die Ärzte und Physiker in Jülich haben in der neuen Maschine auch schon Hirnschnitte von Toten gescannt: Der Unterschied in der Darstellung mikroskopischer Feinheiten gegenüber üblichen Geräten zeigt sich deutlich.

Mit der Maschine lassen sich manche Erkrankungen überhaupt erst erkennen oder exakt lokalisieren. Eigentlich toll, wenn ein Tumor exakt eingegrenzt und frühzeitig therapiert werden kann, doch Prof. Jon Shah meint auch: „Ich denke es wird kompliziert, wenn wir etwas sehen, wofür es keine Therapie gibt wir nicht therapieren können. Und das sind Probleme, die noch da sind.“

Vorstoß in unbekannte Welten

Die Frage die dahinter steht: Ist es für Menschen ein Segen, wenn sie schlimme Befunde erfahren – und man nichts für die Heilung tun kann? Ein Hirntumor der nicht operabel ist. Auffälligkeiten, die auf eine eventuelle Erkrankung, vielleicht erst in Jahrzehnten, hinweisen. Der Jülicher Superscanner blickt da tatsächlich in die Zukunft des Untersuchten – oder zumindest eine möglichen Zukunft: Er entdeckt Hinweise auf Parkinson, Alzheimer im Frühstadium. Und, wie bei jedem Technologiesprung, stellt das neue MRT-Gerät die Forscher manchmal vor Rätsel, so Prof. Karl-Josef Langen: „Wir finden vieles, von dem wir nicht wissen was es ist. Es gab in der Frühphase der MR den Begriff der UBOs, der „unbekannten bildgebenden Objekte“, und die werden mit jeder neuen Technik mehr, das ist ganz klar.“

Was tun, wenn die hilflose Diagnose nach dem Scan lautet: „Sie haben ein UBO im Kopf!“? Die Frage, wie man mit den immer detaillierteren Informationen aus den Bildermaschinen umgehen soll, beschäftigt Forscher und Ärzte. In Mannheim setzt Prof. Hentschel ganz pragmatisch auf regelmäßigen Austausch: Alle zwei Wochen bespricht er mit Forschen aller Fachrichtungen Zufallsbefunde, die in Versuchen entdeckt wurden. Mit seinen Kollegen in der Klinik führt er ähnliche Gespräche. Auch, damit die Ärzte den Patienten Befunde gut erläutern können.

Gradwanderung

Das Gehirn ist in gewisser Weise das intimste Organ des Menschen. Alles, was man dort sieht und findet, so Hentschel, greife tief in die Persönlichkeit ein: „Man geht davon aus, dass mit den modernen Techniken Informationen gewonnen werden, die über alles, was man bisher gemacht hat, hinausgehen. Es muss einen neuen Umgang mit Daten geben, der nicht nur dem Forscherdrang entgegen kommt, sondern auch ethischen Ansprüchen genügt.“

Eine Forderung: Die Menschen mit den Befunden aus den High-Tech-Scannern nicht alleine lassen. Die Technik heutiger Prototypen wird auch Eingang in den medizinischen Alltag finden. Der immer tiefere Blick ins Gehirn, die Möglichkeit, Krankheiten früher zu erkennen, kann Leben retten – aber auch neue Verunsicherungen schaffen. Es gilt aufzupassen, dass der Mensch nicht erschlagen wird von der Macht der Bilder, die er erschafft.

Oliver Wittkowski

Letzte Änderung am: 04.02.2010, 11.02 Uhr

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