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Fernsehen im SWR

Krank durch Bilder?

aus der Sendung vom Donnerstag, 4.2.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Es gibt keine Gesunden, es gibt lediglich Menschen, die nicht gründlich untersucht worden sind. Dieses Motto ist ein Grundpfeiler unseres Gesundheitswesens. Manch ein Arzt macht das sogar zu seiner Geschäftsidee. Und es ist ja auch fantastisch, was sich alles untersuchen lässt. Das Ultimative, wenn man sonst gar nichts findet, ist der Kernspin. Ein Selbstversuch:

Heute komm’ ich in die Röhre: Ich wage den „Ganzkörper-Check-Up“ in der Maschine, die alles sieht. Im Wartezimmer des Radiologischen Instituts in Koblenz wird mir allmählich mulmig: Die Total-Untersuchung im Magnetresonanztomographen ist nämlich ein Selbstversuch: Ich will wissen, ob ich da heil und gesund wieder rauskomme. Oder werden die Bilder aus meinem Innern, die das MRT macht, schlimme Krankheiten enthüllen? Werde ich als Patient, gar als Todkranker aus der Röhre wieder ausgespuckt?

Selbstversuch

In der Praxis treffe ich Roma Keßelheim, die wie ich Mitte vierzig ist. Sie hat den Körperscan vor Wochen gemacht. Arbeitskollegen hatten sich checken lassen, da wollte sie auch wissen wie es um sie steht. Hatte sie Angst vor der Total-Untersuchung? Roma Keßelheim gesteht offen: „Ja, große Angst. Kollegen von mir waren schon in dieser Röhre und haben mir die Befunde gezeigt, die zwei Seiten, drei Seiten lang sind. Und da habe ich mir schon gedacht: Ouh! Aber dann habe ich mir gesagt: Da musst Du jetzt durch!“

Fehlarm in der Lunge

Als Raucherin hatte sie Angst vor Lungenkrebs. Und tatsächlich, die Untersuchung ergab, außer den üblichen Kleinigkeiten, etwas Beunruhigendes: Da war was an der Lunge. Für sie Alarmstufe rot! Erst bei der Nachuntersuchung dann Entwarnung: Es waren nur Narben einer verheilten Lungenentzündung – kein Tumor. Roma Keßelheim konnte aufatmen: „Mein Blick in der Distanz ist, dass ich nicht mehr rauche, Gott sei Dank - schon lange versucht, aber natürlich nie geklappt. Und dass es ein heilsamer Schock war, natürlich ein sehr schlimmer heilsamer Schock. Da ist man natürlich wie paralysiert, wenn man das von seinem Arzt hört, aber: Ja, ich bin froh, dass ich es gemacht habe.“

Sie hat es hinter sich. Und mir rät sie zu, mich in die Röhre zu legen. Doch mir wird immer mulmiger. Ich fülle den Fragebogen vor dem Scan aus: Herzschrittmacher? Piercings? Platzangst? Überall „Nein“, keine Ausrede um sich zu drücken. Ich frage mich nur noch: Werde ich gesund in die Röhre geschoben und komme krank wieder raus? Über meine Besorgnis spreche mit dem Arzt, dem ich mich hier, am Radiologischen Institut Koblenz, anvertraue: Dr. Sebastian Steil, 20 Jahre Berufserfahrung.

Mulmiges Gefühl

Er und seine Kollegen haben den Total-Scan auch schon hinter sich. MRT-Check vom Scheitel bis zur Sohle – da gäbe es natürlich immer Befunde. Und doch, so Dr. Steil: „Die Angst ist nicht berechtigt. Wir sind schon ziemlich gut in der Lage, relevante von nicht-relevanten Befunden zu unterscheiden. In der Regel kann man sagen, dass es von hundert Patienten zwischen ein und drei Patienten sind, die doch zur weiteren Abklärung geschickt werden müssen. Dann muss das aber nicht immer direkt mit einem Todesurteil verbunden sein.“

Drei von Hundert – ist das eine gute Chance? Die letzte Möglichkeit zum Weglaufen verstreicht. Bei aller Besorgnis bin ich auch neugierig: Was wird mein Körper preisgeben? Ich lege mich auf die fahrbare Liege des MRT-Geräts; man spritzt mir ein „Kontrastmittel“, durch das Tumore besser sichtbar werden. Eingepackt und verkabelt gleite ich in den Techno-Sarkophag. So halbwegs weiß ich, was nun geschieht: Der Supermagnet im MRT regt die Wasserstoffkerne in meinem Körper an, Signale abzugeben: Der Wassergehalt von Gewebe, Organen, wird so zur Grundlage der Bildgebung. In vier Millimeter dicken Scheibchen wird mein Körper gescannt. Während ich eine Stunde lang in der Röhre schmore, entsteht ein Phantom aus tausend Einzelbildern.

Endlich werde ich wieder aus der Röhre gefahren - die Erlösung, vorläufig. Denn jetzt warte ich auf den Befund. Krebs? Trinkerleber? Kurz vor dem Schlaganfall? Dr. Steil vertieft sich in mein Innenleben. Einige Ärzte haben mir vor dem Total-Scan ohne Anlass abgeraten: Bis zu fünfzig Prozent überflüssige oder zweifelhafte Befunde würden laut Studien erhoben. Ich bin auf alles gefasst.

Anklopfen beim Arzt, hereinspaziert. Dr. Steil legt gleich los: „Nehmen Sie Platz. Gleich zu Anfang kann ich Entwarnung geben. Außer ein paar Kleinigkeiten, die ohne Bedeutung sind, sieht das alles sehr gut aus. Kein Tumor, nix Schlimmes...“

Wichtig: Befunde einordnen

Ich glaube es kaum: Kein schlimmer Befund, nur Kleinigkeiten. Tief durchatmen. Der Arzt erkennt einiges, was mich immer mal wieder zwickt: Die Nebenhöhlen etwas entzündet, Bandscheiben altersbedingt nicht mehr perfekt, aber das sei üblich. Auch habe ich kleine Zysten in der Niere, das haben aber die meisten - so klein wie die sind, kein Thema. Ich merke, wie der Arzt den Spagat bei seiner Diagnose gut hinkriegt: Er sagt mir, was zu sagen ist, aber er ordnet die Befunde immer ein, dramatisiert nicht. Ich entspanne.

Auch nach dem Total-Check bin ich also - noch - gesund. Hurra! Jetzt bloß nicht gleich überfahren werden, denke ich, als ich aus der Praxis heraustrete. Und ich komme ins Grübeln: Gesund, kann das sein? Vielleicht hat der Arzt die Befunde ja heruntergespielt?

Gegencheck

Ich fahre noch mal nach Köln an die Uniklinik. Dort zeige ich einem erfahrenen Orthopäden meine Bandscheibenaufnahmen: Da war was, sagte Dr. Steil, aber nichts bedeutendes. Kommt der Spezialist Professor Peer Eysel zu einem anderen Schluss?

Nein, er bestätigt den Befund: Alterstypischer Verschleiß, nichts alarmierendes. Allerdings, betont Eysel, bei der Beurteilung solcher Defekte sei auch immer wichtig, wie der Patient dem Befund gegenübersteht. Ich hätte ja nicht über Schmerzen geklagt, so Prof. Eysel: „Der Arzt hätte Ihnen, wenn Sie mit der Erwartungshaltung hingegangen wären: ‚Seit Jahren Rückenschmerzen, -zig Ärzte aufgesucht vorher, keiner konnte mir helfen, Sie sind meine letzte Hoffnung...’, der hätte mit ganz anderen Augen geguckt. Der hätte jeden Befund genau angeschaut und hätte Ihnen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas vermittelt. Er hätte gesagt: Hier, das könnte doch die Ursache Ihrer Beschwerden sein.“

Kunst der richtigen Interpretation

Die Körperbilder müssen eben immer interpretiert werden: Hätte ich den Arzt bekniet, einen Grund für irgendein Leiden finden, mich irgendwohin zu überweisen – dann hätte ich mit meinen Befunden auch das haben können. Ich wollte aber wohl gesund bleiben und war den Ärzten dankbar, dass sie mir halfen, mich auch weiterhin so zu fühlen. Und deshalb reicht mir ein Total-Scan fürs Leben...

Oliver Wittkowski

Letzte Änderung am: 01.02.2010, 18.24 Uhr