aus der Sendung vom Donnerstag, 26.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Bananen, Kiwi oder Avocado – die exotischen Früchte sehen zwar schön aus, doch Reife und Geschmack bleiben oft buchstäblich auf der Strecke. Ein Problem sind die langen Wege. So vergehen beim Schiffstransport zwischen Ernte und Verkauf Wochen. Trotz Kühltechnik leidet dabei die Qualität, oder die Früchte reifen ungleichmäßig nach. Eine Art Schlafmittel für Mangos & Co soll die Lösung bringen, denn der Transport per Flugzeug ist keine echte Alternative.
Zwar kann die Flugware bereits sechzig Stunden nach der Ernte im Handel sein – frisch und auf den Punkt gereift. Doch der Importbranche „schmeckt“ die Fruchtfliegerei nicht mehr. Thomas Bittel vom Deutschen Fruchthandelsverband bilanziert: „Der Trend geht ganz klar weg von der Luftfracht, das ist auch eine Imagefrage. Wir haben das Thema Nachhaltigkeit auch im Lebensmitteleinzelhandel sehr stark fokussiert, und die Luftfracht spielt nicht mehr die Rolle die sie einmal hatte.“
Flugtransporte verursachen bis zu siebzig Mal höhere CO2-Emissionen als der Schiffsimport – und sind rund dreimal so teuer. Auch klagen Importeure über Engpässe und Ausfälle im Luftverkehr – auch wenn die Ware schon zum Abheben bereit steht. So sagt Enrique Nebot, Einkäufer der auf Exotikobst spezialisierten Hamburger Fruchtimportfirma Inter Weichert: „Wir müssen irgendwelche anderen Alternativen des Transports sehen und suchen. Man kann wirklich mit vielen Faktoren rechnen – nur nicht damit, dass man wirklich eine hundertprozentige Garantie von Seiten der Fluggesellschaften bekommt, dass man dann auch seine Ware transportiert bekommt.“
Mehr Flugobst aufs Schiff, das ist also der Trend. Doch wie können immer neue exotische Sorten Langzeittransporte ohne Qualitätseinbußen überstehen? Um den Transport zu optimieren, studieren Ernährungswissenschaftler das Nachreifen von Früchten. Dazu erklärt Professor Bernhard Tauscher vom Max Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung in Karlsruhe: „Nach der Ernte nimmt die Qualität nur ab - sie kann nicht besser werden. Unsere Aufgabe war jetzt, diesen Qualitätsverlust möglichst zu minimieren. Und dazu haben wir Techniken angewendet, oder wenden Techniken an, wie zum Beispiel die kontrollierte Atmosphäre während der Lagerung.“
„Controlled Atmosphere“ (CA) ist eine Technik, um Früchte effektiv in den „Tiefschlaf“ zu versetzen: Dabei wird der Stickstoffgehalt der Luft extrem erhöht. Die Früchte produzieren dann kaum noch ihr eigenes Reifungsgas Ethylen. In stationären Lagern wird diese Technik schon lange angewandt – allerdings: die Geräte sind groß, schwer, energieaufwändig - und für den mobilen Einsatz auf hoher See zu anfällig. Seit Jahren wird deshalb versucht, die Technik für die Seefracht zu optimieren.
Bei CA-Containern versteckt sich die Technik platzsparend hinter der Abdeckung der hinteren Containerwand. Statt schwerer Tanks mit Flüssigstickstoff erzeugt dort eine spezielle Membran die kontrollierte Atmosphäre. Das Prinzip: Luft aus der Umgebung wird angesaugt und von der Membran in die Bestandteile Sauerstoff und Stickstoff getrennt. Der Sauerstoff entweicht nach außen, der Stickstoff wird ins Innere geleitet. Nur ein bis zwei Prozent Sauerstoff verbleiben im Container, damit das Obst nicht „erstickt“ und vergärt.
Mangos haben schon siebenwöchige Testtransporte im CA-Container überstanden. Qualität und Reifegrad nach dem Auspacken waren angeblich hervorragend. Das Kunststück bei der CA ist, die erzeugte Gasatmosphäre im Container immer im Griff zu haben, so Prof. Tauscher: „Ich muss das Gas dauernd steuern, denn meine Früchte da drin leben ja noch. Die schlafen zwar, aber sie leben. Und was machen die? Die verbrauchen mir meinen Sauerstoff und produzieren Kohlendioxid – das heißt, sie verändern die Atmosphäre selbst. Und das muss gemessen und gegengesteuert werden.“
Gute Regeltechnik, Robustheit, Energieeffizienz – damit punkten die neuen Container. Kommt nun der Durchbruch auf dem Markt? Noch werden viele Massenprodukte wie Bananen fast ausschließlich in herkömmlichen Kühlschiffen transportiert. Doch da die CA-Technik lange Reisen bei hoher Qualitätssicherung erlaubt, horchen Reedereien und Importeure auf. Die „kontrollierte Atmosphäre“ hat Potential, davon ist auch Importeur Enrique Nebot überzeugt: „Sie wird auch für uns Teil der Zukunft darstellen können, weil wir denken, dass sich das dann in den Größenordnungen einiger - sagen wir mal zweistelliger Prozenteinsparungen bewegen könnte, wenn wir jetzt auf diese CA-Technologie umsteigen könnten.“
Doch auch das Umrüsten kostet Geld. Mancher Importeur nimmt da lieber Qualitätseinbußen in Kauf. Denn gerade in Deutschland findet auch schlechte Ware noch guten Absatz, so Thomas Bittel vom Deutschen Fruchthandelsverband: „Das macht uns schon traurig und das führt einfach dazu, dass wir im Discountbereich, und auch generell, oft schwächere Qualitäten bekommen - speziell in abgepackter Form, in Schalenware, Schalenpfirsiche - weil natürlich der Preis gesucht wird. Und das ist natürlich nicht immer optimal für den Verbraucher.“
Verhindert die Billig-Mentalität den Fortschritt? Könnte der Kunde Innovationen fördern, wenn er mehr Geld für bessere Ware ausgeben würde? Bei den Importeuren herrscht Skepsis: Der Preiskampf unter Handelsketten und Discountern sei inzwischen fast Selbstzweck; der Kunde habe mit seiner Kaufentscheidung kaum noch Einfluss auf die Qualität – diese trübe Bilanz jedenfalls zieht Thomas Bittel.
Hoffnungsvoll nimmt dagegen der Ernährungsforscher Bernhard Tauscher den Bürger in die Pflicht: „Wir Verbraucher - Sie und ich und alle - wir bestimmen was in den Regalen liegen bleibt und was nicht liegen bleibt. Wenn wir in der Lage und Willens sind, höhere Preise für Früchte zu bezahlen, dann kann ich auch teuerere Techniken anwenden, um zum Beispiel die Mangos in solchen Spezialbehältern von Südamerika nach Europa zu transportieren.“
Der Weg zur guten Ware wäre demnach also nicht nur eine Frage der Technik. Auch der Verbraucher bestimmt ein wenig mit, wie der Fruchtimport der Zukunft aussehen wird. Denken Sie daran, wenn sich unter Ihren Einkäufen wieder einmal eine steinharte Frucht ohne Geschmack befindet...
Letzte Änderung am: 26.11.2009, 12.54 Uhr