aus der Sendung vom Donnerstag, 26.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Gammelfleisch, Dioxin, Melamin - immer wieder erschüttern Lebensmittelskandale das Vertrauen der Verbraucher. In den letzten Jahren schien es so, als würde die Kette der Skandale gar nicht mehr abreißen, dabei erfahren wir als Verbraucher von vielen Missständen nichts oder erst sehr spät. So kam beispielsweise erst vor kurzem kam ans Licht, dass bulgarische Händler zwischen 2004 und 2006 mehrere hundert Tonnen chinesisches Geflügel- und Kaninchenfleisch nach Deutschland schmuggelten, das mit verbotenen Antibiotika hoch belastet war. Die ahnungslosen Konsumenten haben es gegessen. Und nicht nur das: Die Händler kassierten sogar noch Fördergelder der EU. Ein Beispiel dafür, dass Behörden und Kontrolleure im Kampf gegen die kriminellen Machenschaften der Lebensmittelmafia oft einen Schritt zurückliegen, selbst wenn sie noch so gewissenhaft arbeiten. Aber haben die Kontrolleure gegen die kriminellen Machenschaften und illegale Schadstoffe im Essen überhaupt eine Chance?
Veterinäramt Grenzdienst, Hamburg. Wenn an einem gewöhnlichen Januarmorgen im größten Frachthafen Deutschlands die Sonne aufgeht, sind Grenzveterinär Dr. Peter Mielmann und seine Kollegen schon zwei Stunden im Dienst. Fast zehn Millionen Container passieren den Hamburger Hafen jährlich – etwa 130 davon gehen täglich durch die Hände der Grenzveterinäre. Sie kontrollieren alle Lebensmittelcontainer die aus Nicht-EU-Ländern kommen. Bei tierischen Produkten öffnen sie jeden Container, bei pflanzlichen machen sie zumindest Stichproben.
Bis zu 200 Ladungen Lebensmittel ziehen die Grenzveterinäre dabei jedes Jahr aus dem Verkehr – weil sie illegal, vergammelt oder gesundheitsgefährdend sind. An der Fuhre Rindfleisch, die sie an diesem Morgen zuerst kontrollieren, gibt es für sie nichts zu beanstanden. Trotzdem schauen die Kontrolleure auch dieses Mal ganz genau hin, denn oft genug werden sie fündig, gerade weil sie ihre Arbeit nicht auf die leichte Schulter nehmen.
So entdeckten sie zum Beispiel vor fünf Jahren Schmuggelfleisch mit Verdacht auf Maul- und Klauenseuche. Peter Mielmann erinnert sich noch gut an diesen bisher größten Schmuggelfall seiner Dienstzeit: „Dabei handelte es sich am Schluss um insgesamt 115 Container mit Büffelfleisch, Wasserbüffelfleisch aus Indien, das aber etikettiert war als Rindfleisch aus Australien. Und dieses Büffelfleisch ist am Schluss in die Vernichtung gekommen.“
Etwa 3.000 Tonnen Büffelfleisch mussten Peter Mielmann und seine Kollegen 2004 vernichten. Wenn von den Lebensmitteln eine Gesundheitsgefahr für Mensch oder Tier ausgeht, bleibt den Veterinären oft nichts anderes übrig.
Häufiger als solche großen Schmuggelfälle entdecken sie bei ihren Kontrollen allerdings schlichtweg ungenießbare oder schadstoffbelastete Lebensmittel: „Wir haben verdorbenes Kaninchenfleisch gehabt, in dem dann sehr viele Maden zu finden waren. Wir hatten verschimmelten Fisch, wir hatten Parasiten, Schadstoffe wie Schwermetalle, Tierarzneimittelrückstände oder Hormone“, zieht Peter Mielmann die Bilanz der letzten Jahre.
Manchmal birgt die Schmuggelware auch gleichzeitig Gesundheitsrisiken, wie bei zwei illegalen Containern, die den Grenzveterinären vor kurzem in die Hände fielen. Der Inhalt: Fässer mit Rinderdärmen aus dem Libanon, die zum Beispiel als Wurstpelle beim Verbraucher gelandet wären. Dabei ist die Einfuhr wegen BSE-Gefahr verboten. Möglicherweise waren deshalb Schafsdärme angemeldet. Einem von Peter Mielmanns Mitarbeitern fiel auf, dass Papiere und Ladung nicht übereinstimmen, als er bei einer Routinekontrolle etwas tiefer in die Fässer mit den Därmen griff und unter einer Deckschicht Schafsdärme auf einmal die Rinderdärme entdeckte.
Für die Kontrolleure in den letzten Jahren war dies nicht die einzige verdächtige Fracht aus dem Großraum Asien. Zwar sind die asiatischen Länder in ihren Augen längst nicht die einzigen schwarzen Schafe im internationalen Handel, doch bei einigen Orten in Ländern wie Indien und China sind die Grenzveterinäre trotzdem vorsichtig geworden: „Es gibt Häfen in Asien, die in der Vergangenheit immer wieder aufgefallen sind, und wo wir jetzt entsprechend sorgfältiger hinkucken. Zum Beispiel dass wir aus einem chinesischen Hafen Geflügelfleisch bekommen haben, das schon in argentinisch aufgemachten Kartons ankam - also mit argentinischen Logos, argentinischer Veterinärkontrollnummer drauf.“
Ob wegen Tierseuchen, wie Vogelgrippe und Schweinepest, oder wegen hoher Schadstoffwerte - schon oft mussten die Veterinäre chinesisches Fleisch stoppen. Röntgenbilder eines LKW zeigen, wie Händler dennoch versuchten, das Schweinefleisch über Hamburg einzuschmuggeln – unter einer Deckladung Gemüse.
Nicht nur die Hamburger Grenzveterinäre, auch Verbraucherschützer wie Cornelia Ziehm von der Organisation Foodwatch beobachten asiatische Lebensmittelimporte deshalb immer wieder kritisch: „In China und anderen asiatischen Ländern haben wir längst noch nicht dieselben hohen Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit wie wir sie beispielsweise in Deutschland haben“, bilanziert Cornelia Ziehm die internationale Situation: „Zum Beispiel gibt es in China keinerlei Rückstandskontrollen für die Milch, weshalb es auch möglich war, dass Melamin monatelang in Milchprodukten in China im Handel war, ohne dass man das entdeckt hat. Es werden in asiatischen Ländern Pestizide eingesetzt, die bei uns schon längst verboten sind, es werden andere Chemikalien eingesetzt, und deswegen müssen hier strenge Standards für die Kontrollen beim Import gelten.“
Doch die Standards der Kontrollen sollen nicht etwa strenger werden, sondern lockerer. Mit Sorge beobachtet Peter Mielmann Bestrebungen der EU, die ihm in Zukunft nicht mehr erlauben würden, an der Grenze jeden Container aus Nicht-EU-Ländern zu öffnen. Schon bald, so fürchtet er, soll sich Deutschland bei den Kontrollen von Lebensmitteln aus Drittländern dem Standard anderer europäischer Länder anpassen: An einigen EU-Grenzen werden schon heute häufiger nur noch Plomben und Papiere der Container überprüft. Und das könnte bald auch im Hamburger Hafen gelten. Ähnlich wie heute schon bei pflanzlichen Waren üblich, würden dann auch tierische Lebensmittel nur noch stichprobenartig kontrolliert. In den Augen von Peter Mielmann ein Schritt in die falsche Richtung: „Unter der Überschrift ‚risikoorientierte Kontrollen’ will man erheblich weniger kontrollieren. Aber viele unserer Funde sind halt nur durch systematische Kontrollen zustande gekommen. Wenn wir jetzt einen risikoorientierten Ansatz hätten, dann hätten wir vieles gar nicht entdeckt“, warnt Mielmann.
Für die Zukunft kann das heißen: Wenn er bald nicht mehr wie heute in jeden Container hineinschauen darf, tut es keiner. Beim Zoll, wo die Container schon kurze Zeit später ankommen, ist dafür jedenfalls keine Zeit. Von 1.000 Containern, die täglich die Einfuhr passieren, können die Zollbeamten nur etwa sechs öffnen und begutachten. Das ist also die absolute Ausnahme. Wenn sie mehr tun wollten, kämen sie hier mit den Grenzkontrollen kaum mehr nach, schließlich ist der Verbraucherschutz nicht die Hauptaufgabe der Zollbeamten.
Der Großteil der Kontrollen läuft elektronisch, oder auf dem Papier. Doch gerade weil die Ware immer seltener begutachtet wird, nehmen illegale Importe laut Foodwatch in den letzten Jahren zu, kritisiert Cornelia Ziehm: „Dadurch macht es das System natürlich sehr einfach, oder relativ einfach, dass illegale Importe stattfinden können, weil man Dokumente vergleichsweise einfach, mit geringem Aufwand fälschen kann.“
Doch wenn gefälschte Lieferungen beim Zoll durchrutschen, sind sie kurz darauf auch schon auf dem Weg zum Verbraucher. Beispielsweise über den Hamburger Fischmarkt. Ab jetzt können nur noch die Lebensmittelkontrolleure in den Bezirken die Verbraucher schützen. Doch jeder von ihnen kontrolliert 600 Firmen – zu viele, um jeden Betrug aufzudecken.
Kürzlich verkaufte ein Händler auf dem Fischmarkt billige Barschfilets als teuren tropischen Steinbutt. Oft genug kommen die Täter mit so etwas durch, selbst wenn sie entdeckt werden, meint Foodwatch-Expertin Cornelia Ziehm: „Diese illegalen Lebensmittelimporte sind möglich, weil die Strafrahmen die wir haben, und die durchaus auch gar nicht schlecht sind, in der Praxis im Prinzip nicht ausgeschöpft werden. Das heißt: wenn Strafen verhängt werden, dann eher im unteren Bereich - die sind nicht abschreckend.“
Dazu kommt, dass Lebensmittelhändler und Hersteller im weit entfernten Ausland für die deutschen Behörden so gut wie unerreichbar sind. Auch heute können Peter Mielmann und sein Team also nur die illegale Ware stoppen, nicht aber die Händler und Hersteller. Die Grenzveterinäre können die Verbraucher nur schützen, wenn sie weiterhin sorgsam prüfen dürfen. Doch das neue EU-Kontrollrecht, so fürchtet Peter Mielmann, wird dem bald ein Ende setzen.
Scarlet Löhrke
Letzte Änderung am: 25.11.2009, 12.05 Uhr