aus der Sendung vom Donnerstag, 19.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Biokraftstoff als Mittel im Kampf gegen CO2 Emissionen. Mit diesem Argument werben Politiker und Autoindustrie für den angeblich umweltfreundlichen Sprit. Umweltschützer sehen die steigende Nachfrage nach Treibstoff aus Pflanzen dagegen als neue Bedrohung. Ihrer Meinung nach geht die Produktion von Biodiesel nur zu Lasten der Umwelt.
Die Anbauflächen für Raps oder andere Pflanzen, aus denen bisher Biosprit gewonnen wird, sind in der EU äußerst begrenzt. Schon jetzt werden allein in Deutschland auf 12 Prozent der Ackerflächen Ölpflanzen angebaut und geerntet. Viel mehr geht nicht. Da nur ein kleiner Teil der Rapspflanze - das Samenkorn - zur Spritgewinnung verwendet wird, und der große Rest im Müll landet, ist die Ausbeute gering: Ein Hektar Raps bringt gerade einmal 1.000 Liter Biodiesel. Mit dem so genannten Biokraftstoff der zweiten Generation soll sich das künftig ändern.
In einer Versuchsanlage im sächsischen Freiberg wird Biomasse aller Art verarbeitet. Anders als beim herkömmlichen Biodiesel werden dabei nicht nur Teile, sondern die ganzen Pflanzen verwendet. Maximale Ausbeute also. Aber selbst das kann nach Meinung des Greenpeace Verkehrsexperten Günther Hubmann die Probleme nicht lösen: „Das Problem mit dem Sundiesel ist, dass die Kosten ein Vielfaches, also das Drei- bis Fünffache, höher sein werden als die von herkömmlichen Mineralölkraftstoffen. Das wird verschwiegen. Und zweitens: Die Biomasse reicht nicht aus, um auch nur annähernd 25 Prozent des Marktes, also der Fahrzeuge die heute fahren, damit betanken zu können.“
Ohne zusätzliche Importe hat Biodiesel bei uns also wenig Zukunft. Doch es gibt ja die Möglichkeit, in fernen Weltgegenden produzieren zu lasen. Aussichtsreichstes Land ist Indonesien. Dort wird immer mehr Palmöl für den Export produziert. Ölpalmen erzielen den höchsten Pflanzenölertrag pro Hektar und bilden damit eine ideale Grundlage für die Biosprit-Gewinnung.
Hinzu kommt: Die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in Indonesien machen den Anbau und die Produktion des Palmöls sehr günstig: Die Arbeiter auf den Plantagen bekommen wahre Hungerlöhne, der Verbrauch natürlicher Ressourcen und die negativen Auswirkungen auf die Umwelt werden nicht gerechnet.
Die Vertreter verschiedener Nichtregierungsorganisationen warnen vor den Folgen für Menschen und Natur. „Die zunehmende Nachfrage auf dem globalen Markt, sowohl nach Biokraftstoff als auch nach Nahrungsmitteln, bedeutet auch eine zunehmende Ausweitung der Palmöl-Plantagen - was sehr problematisch ist, nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die dort lebenden Menschen“, sagt Nur Hidayati von der indonesischen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation "Sawit Watch".
In Erwartung des steigenden Bedarfs plant Indonesien einen weiteren Ausbau der Palmölproduktion. Auf Borneo, am Grenzverlauf zu Malaysia, sollen in den nächsten Jahren auf einer Länge von 850 km neue Palmölplantagen entstehen. Das sind rund 2 Millionen Hektar, so viel wie das Bundesland Sachsen-Anhalt.
Doch das ist längst nicht alles: Insgesamt will Indonesien 26 Millionen Hektar - eine Fläche so groß wie Großbritannien - an Palmöl-Monokulturen anlegen. Zwar behaupten die Verantwortlichen, dafür werde kein Regenwald gerodet, doch das ist, wie Umweltorganisationen ermittelt haben, eine Lüge. In Wahrheit zerstört Indonesien immer größere Teile des Waldes. Dadurch entweichen große Mengen CO2, die bisher im Urwaldboden gespeichert waren.
Die Früchte der Ölpalme werden dann In Fabriken verarbeitet und der Biosprit hergestellt. Der Widersinn dabei: der Strom dafür wird aus fossilem Diesel erzeugt. So setzt die Produktion einer Tonne Biodiesel doppelt so viel CO2 frei wie das Verbrennen einer Tonne normalen Dieselöls.
Noch negativer wird die Bilanz, wenn der Urwald durch Brandrodung beseitigt wird, um Platz für Ölplantagen zu schaffen. Durch diese Praxis wurde Indonesien zum weltweit drittgrößten Luftverschmutzer durch CO2-Emissionen. Und schließlich leidet auch die Bevölkerung unter dem Bio-Diesel-Boom: „Der Ausbau der Plantagen vertreibt die eingeborenen Gemeinden von ihrem Land. Und dann haben diese Menschen ihre Lebensgrundlage verloren“, so Nur Hidayati.
Viele indonesische Gemeinden leben noch immer traditionell vom Wald. Ein Hektar Regenwald ernährt aber wesentlich mehr Menschen als ein Hektar Ölpalmen. Die Plantagenwirtschaft treibt viele Menschen in die Armut.
Fazit: Umweltfreundlich Autofahren mit Biosprit – das gibt es nur in der Werbung…
Nadia Salem
Letzte Änderung am: 19.11.2009, 18.39 Uhr