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Fernsehen im SWR

Alt-für-Alt

aus der Sendung vom Donnerstag, 5.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Wer eine neue Niere braucht, muss meist jahrelang auf eine Transplantation warten. Denn Spenderorgane sind Mangelware. Besonders schlimm ist die Situation für ältere Menschen, denen oft nicht mehr die Zeit bleibt, auf eine passende Niere zu warten. Doch auch ihre Situation ist nicht aussichtslos. Ein - wenig bekanntes - Programm bietet alten Menschen die Chance auf ein neues Leben: mit einer Organsspende von einem Altersgenossen.

Auch Ingrid Ramhold verdankt diesem Programm eine neue Niere. Die 71-Jährige war schwer nierenkrank. Das bange Hoffen und Warten auf eine Transplantation dauerte zwei Jahre – eine Zeit, an die sie sich nicht gern erinnert. Denn ihre körperliche Verfassung verschlechterte sich rapide. Bis in einer Septembernacht 2006 der rettende Anruf aus der Berliner Charité kam: eine neue Niere, sofortige Operation.

Schnelle Hilfe für alte Menschen

Noch vor zehn Jahren hätte Ingrid Ramhold vermutlich sehr viel länger auf diesen Anruf warten müssen. Dass es so schnell ging, verdankt sie dem Europäischen Senioren Programm und Professor Ulrich Frei. Der Leiter der Berliner Charité rief vor zehn Jahren trotz vieler Widerstände das sogenannte old-for-old, also „Alt-für-Alt-Programm ins Leben. Für einige seiner Patienten ging es damals um Leben oder Tod: „Die Wartezeiten betrugen damals wie auch heute in der Größenordnung von vier bis sieben Jahren. Und wenn man 65 oder 70 Jahre alt und Dialysepatient ist, dann ist das zu lange. So lange lebt man gar nicht mehr.“

Unkenrufe unbegründet?

So startete ein Projekt, das bis heute fast 3.000 Menschen zu einer neuen Niere verhalf. Das Prinzip ist einfach: Für Patienten über 65 werden auch Organe älterer Spender genutzt. Das war bis dahin nicht üblich. Man fürchtete Komplikationen und nahm lieber jüngere Organe. Prof. Frei erinnert sich: „Als wir das Programm zum ersten Mal vorgestellt haben, hat man uns für ziemlich verrückt erklärt. Also die Amerikaner haben gesagt, wir würden die schlechtesten Nieren in die schlechtesten Patienten transplantieren und haben uns ein Desaster vorausgesagt. Aber wir hatten einen anderen Ansatz.“

Und der hieß: Für eine Organspende gibt es keine Altersgrenze. Allein der Zustand des Organs ist entscheidend. Stirbt beispielsweise ein 70jähriger an einem Hirnschlag, sind Leber oder Nieren oft noch tadellos in Ordnung und können noch Jahrzehnte ihren Dienst tun. Lang genug für einen Organempfänger im entsprechenden Alter.

Zustand entscheidet – nicht das Alter

Und die Berliner Spezialisten behielten recht. Die Skepsis der Fachwelt schwand. Denn heute weiß man, dass eine gesunde Niere etwa 80 bis 110 Jahre lang arbeiten kann und dass sich die Leber ständig regeneriert. Deshalb lassen sich diese Organe problemlos von Älteren für Ältere verwenden. Für Patienten wie Ingrid Ramhold verkürzte sich so die Wartezeit auf weniger als zwei Jahre. Positiver Nebeneffekt: es bleiben mehr jüngere Organe für jüngere Menschen.

Mittlerweile haben Kliniken in ganz Europa das Projekt übernommen. Auch Adina Voiculescu, Nierenspezialistin an der Düsseldorfer Uniklinik, hat schon vielen Senioren ein „lebenserfahrenes“ - also altes - Spenderorgan eingepflanzt. In einer Studie mit 1.200 Patienten hat sie jetzt die Langzeitergebnisse des Alt-für-Alt-Programms untersucht. Ihr Resümee: „Die Ergebnisse sind durchaus vergleichbar mit anderen Transplantationen. Es gibt sicherlich eine Phase direkt nach der Transplantation, die dauert auch mal zwei, drei oder vier Monate, in denen sich vieles verändert und es schwierig wird, mit möglichen Komplikationen. Ist diese Phase überstanden, haben die Patienten einen deutlichen Benefit was das Sozialleben und die Gesundheit betrifft. Auch das Gesamtüberleben wird verlängert.“

Abstoßungsreaktionen unterschätzt

Als falsch erwies sich jedoch die ursprüngliche Annahme, das Immunsystem alter Menschen reagiere nur noch schwach. Es gab mehr Abstoßungsreaktionen als erwartet. Die Studie verdeutlichte: bestimmte Gewebemerkmale müssen zusammenpassen, damit die Transplantation ein Erfolg wird. Dann können auch Senioren bis ins hohe Alter Organe spenden oder empfangen.

Ulrich Frei ist stolz auf sein Projekt: „Die alten Patienten wissen, dass ihnen dieses Programm eine Chance gibt. Die wissen, dass sie mit dem 65. Geburtstag in ein anderes Verteilsystem kommen. Und ich habe nicht nur einmal von einem Patienten gehört: Doktor, im Oktober werde ich 65 und dann bekomme ich ein neue Niere – und das hat häufig gestimmt.“

Ingrid Ramholds Niere, das hat die jüngste Kontrolluntersuchung gezeigt, funktioniert einwandfrei. Die Seniorin ist glücklich: „Ein zweites Leben habe ich bekommen. Und immer wenn der Tag der Transplantation kommt, dann feiere ich immer zweiten Geburtstag. Immer wieder. So dankbar ist man.“

Lisa Rest

Letzte Änderung am: 04.11.2009, 18.54 Uhr