aus der Sendung vom Donnerstag, 5.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Eine Reihe von Skandalen hat gezeigt, dass in manchen Pflegeheimen Psychopharmaka viel zu großzügig ausgestellt werden. Alte Menschen werden ruhig gestellt anstatt sie zu betreuen. Doch wie steht es generell um die Medikamenten-Versorgung älterer Menschen?
Schlecht, meint Professor Martin Wehling. Der Direktor am Institut für klinische Pharmakologie Mannheim kämpft seit Jahren um eine dringend notwenige Verbesserung der Situation: „Die Alten sind die am stärksten und schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in der gesamten westlichen Welt. Und sie haben eigentlich keine richtige Lobby, die für sie kämpft. Im Bereich der Arzneimittelversorgung ist sicher die Fehlversorgung dieser Gruppe ein wesentlicher Beitrag zu etwa 20.000 Arzneimittel-Toten pro Jahr, die wir in Deutschland annehmen müssen. Vergleichen Sie das ’mal mit 5.000 Verkehrstoten pro Jahr.“
Von 100.000 Toten sprechen Studien aus den USA. Und nach skandinavischen Schätzungen sterben 60.000 Menschen pro Jahr durch eine falsche Medikamentenversorgung. Für Martin Wehling ein unhaltbarer Zustand. Denn obwohl ältere Menschen die Hauptkonsumenten von Medikamenten sind, werden die Mittel in ihrer Wirkung oft gar nicht an dieser Patientengruppe getestet, so Wehling. „Das ist natürlich ein riesiger Misstand, weil wir wissen, dass der alte Organismus sich deutlich ändert. Die Ausscheidungsfunktionen, aber auch die Zielorgane verändern sich - und das muss man berücksichtigen.“
Fast täglich erfährt Martin Wehling auf der Station seines Kollegen Heinrich Burkhardt, wie der Körper im Alter auf Arzneimittel reagiert: Der Leberstoffwechsel ist verringert. Das führt zu einer Anhäufung von Wirkstoffen. Verwirrtheit und Stürze sind eine häufige Folge. Ein lebensbedrohlicher Zustand, wenn viele Medikamente gleichzeitig gegeben werden. Die hochempfindlichen Nieren älterer Patienten können durch Schmerz- und Entzündungshemmer zum Erliegen kommen. Für die Altersmedizin alltägliche Fallgeschichten älterer Patienten, verursacht durch einen gefährlichen Medikamentencocktail.
„Das heißt, viele Medikamente werden in einen Patienten hineingeben, weil viele Diagnosen bei dem Patienten zusammenkommen und man jeweils drei Medikamente pro Diagnose gibt. Und dann kommen 20 Tabletten raus,“ erklärt Martin Wehling.
Das Dilemma: Medikamente sind für viele der alten Patienten lebenswichtig. Denn schließlich sind Alte auch häufiger krank. Doch ab fünf Präparaten kann es gefährlich werden, so Wehling: „Wir müssen sagen, es gibt faktisch keine Daten für ein Medikament an fünfter oder sechster Stelle. Da fängt es eigentlich schon an, in jedem Fall die evidenzbasierte Medizin zu verlassen. Wir sind dann immer auf Extrapolationen angewiesen, das tun wir den ganzen Tag in der Medizin, weil es gar nicht genug Evidenz gibt. Andererseits, wenn Sie auf Therapien mit zehn oder fünfzehn Arzneimitteln schauen, dann kann nicht mal mehr ein Computer alle möglichen Interaktionen und Wechselwirkungen ausrechnen. Vor allem kann er nicht bewerten, welche wichtig sind.“
Achtzig Prozent der älteren Patienten sind falsch mit Arzneimitteln eingestellt, so die Ergebnisse von Martin Wehling. Welche Gefahr von ihrem Pillenkörbchen ausgeht, ist den Wenigsten bewusst. Ein unhaltbarer Zustand. Aus diesem Grund hat Martin Wehling eine Medikamenten-Sprechstunde ins Leben gerufen. Eine Beratung die Leben retten kann. Doch der Arzt muss sich die Zeit nehmen, um die Geschichte des Patienten zu erfassen.
Sonst wird die immer häufiger werdende Blitz-Sprechstunde zum Vergiftungstermin. „Im Laufe der Jahre türmen sich Geschichten auf, die extrem umfangreich werden. Wenn man das hinsichtlich der Arzneimitteltherapie richtig bewerten will, mit dem Patienten zusammen, dann dauert das. Ich brauche, obwohl ich vielleicht nicht der langsamste Arbeiter bin, ein bis zwei Stunden, um einen schwierigen Fall aufzulösen. Stellen Sie sich das mal in einer ‚fünf-Minuten-Praxis’ vor“, gibt Wehling zu bedenken.
Die Mediziner Wehling und Burkhardt wollen ihren Hausarzt-Kollegen den richtigen Weg zeigen. Denn Therapie bedeutet auch, Mittel abzusetzen und die Medikation individuell einzustellen. Dafür sitzen sie nun an ihrem gemeinsamen Lehrbuch zur richtigen Medikation im Alter. Bleibt zu hoffen, dass ihr Werk zahlreiche Leser findet.
Letzte Änderung am: 05.11.2009, 11.56 Uhr