aus der Sendung vom Donnerstag, 22.10.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Lange Zeit hat sich die Psychologie nur mit den Abgründen und dunklen Seiten unserer Seele beschäftigt. Die Positive Psychologie dagegen nutzt die guten Charaktereigenschaften des Menschen, um psychische Blockaden zu lösen. Ihre Vertreter gehen davon aus, dass Zufriedenheit und Glück für jeden erlernbar ist. Wer seine Schwächen kennt, und ihnen seine guten Charaktereigenschaften und Tugenden gezielt entgegensetzt, lebt demnach besser, länger und zufriedener.
Die positive Psychologie ist kein Schnellkurs im positiven Denken, kein Coaching-Programm und Allheilmittel, sondern ein recht neuer wissenschaftlich-fundierter Therapieansatz. Ihr Ziel ist nicht das pure Glück. Die Positive Psychologie will festgefahrene Verhaltensmuster aufbrechen, Gefühls- und Verstandeskonflikte schlichten. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch über brachliegende und unbewusste Ressourcen verfügt.
Um herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen, haben US-Forscher den sogenannten Values-in-Action-Test entwickelt. Der fragt 24 Charakterstärken ab und erfasst die Eigenschaften Kreativität, Neugier, Urteilsvermögen, Liebe zum Lernen und Weisheit sowie Tugenden wie Freundlichkeit, Bindungsfähigkeit und soziale Intelligenz, Teamwork und Führungsvermögen.
Das Problem ist nur: wir sind in der Regel für unsere Stärken betriebsblind. Unser Blick klebt an allem was gerade schief läuft. Frank Krause und Maja Storch von der Universität Zürich haben deshalb ein Selbstmangement-Training entwickelt. Ihr Züricher Ressourcen-Modell „ZRM“ baut auf den Erkenntnissen der Psychoanalyse, der Motivationspsychologie und der Neurowissenschaften auf. Es beinhaltet eine Reihe von Übungen die helfen, den Selbstblick auf das Wesentliche zu fokussieren. „Was ein Mensch braucht, damit er, wenn er stirbt, rückblickend sagen kann, ich habe ein gutes Leben gehabt, ist nicht ein besonders häufig aufgetretenes Glück, sondern das Gefühl der Zufriedenheit und die Gewissheit, dass er Dinge getan hat, die er im Nachhinein auch richtig findet und denen er einen Sinn abgewinnt“, sagt Maja Storch.
Mit dem Züricher Ressourcen Modell arbeitet auch der Psychotherapeut, Glücksforscher und Schulrektor Ernst Fritz-Schubert. Er hat zusammen mit Professor Wolfgang Knörzer von der Universität Heidelberg das „Schulfach Glück“ entwickelt und an seiner Schule - dem Willi-Hellpach Gymnasium und Berufskolleg - seit 2007 eingeführt: „Wir versuchen, den Jugendlichen Instrumente an die Hand zu geben, die sie stabiler und selbstbewusster machen. Sie sollen lernen, sich in der Welt zu orientieren“, sagt Fritz-Schubert.
Den Unterricht gestalten speziell ausgebildete Lehrer, die von Neurolinguisten, Theaterwissenschaftlern und Motivationstrainern unterstützt werden. Die Schüler lernen in Rollenspielen sich einmal anders wahrzunehmen und erfahren die Kraft des Teamgeists. Sie üben mentales Training. Die Konzentrations- und Wahrnehmungsübungen sind so konzipiert, dass sie schon bei der nächsten Klassenarbeit erfolgreich eingesetzt werden können. Inzwischen haben weitere Schulen in Baden-Württemberg und Hessen das Modellprojekt übernommen und das Fach „Glück“ auf den Stundenplan gesetzt. Fortbildungskurse für interessierte Lehrer sind in Arbeit.
Doch was ist eigentlich Glück? Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi, neben Martin Seligman einer der Mitgründer der Positiven Psychologie, setzt Glück gleich mit dem Fluss der Dinge, dem „Flow“. Jeder der sich schon einmal beim Sport und Spiel, bei der Arbeit und dem Hobby, bei der Liebe und dem Sex selbst vergessen hat, kennt dieses Gefühl. Es ist dieser Moment, in dem man sich keine Sorgen mehr macht und unser Verstand nicht mehr ständig kontrolliert, was wir gerade tun. Diesen Zustand kann man gezielt trainieren.
„Es ist heute nicht mehr so wie zu Freuds Zeiten, wo man sich auf eine Couch legen und erzählen musste, wie oft die Mami einen aufs Töpfchen gesetzt hat“, sagt Maja Storch. „Die moderne Psychologie ist ähnlich weiter vorangekommen wie die Medizin. Man kann heutzutage mit präzise geplanten Interventionen in ganz kurzer Zeit wunderbare Effekte hinkriegen.“
Eine Reihe von internationalen Studien belegen, dass die Positive Psychologie sehr effektiv ist und hilft, langfristig Lebenskrisen zu meistern. Einige Vorrausetzungen müssen allerdings immer erfüllt sein: Die Ursache des Problems muss einem klar bewusst sein. Es müssen Bewältigungsstrategien entwickelt werden, die eine Klärung herbeiführen. Und dem Training müssen Taten folgen. Bei schwerwiegenden Problemen und psychischen Krankheiten – wie zum Beispiel der Depression – sollte auf jeden Fall immer ein Therapeut hinzugezogen werden.
Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen die Positive Psychologie an ihre Grenzen stößt. Denn unsere Psyche wird auch durch genetisch-biologische Faktoren geprägt. Und nicht jeder ist von Natur aus eine Frohnatur.
Michael Ringelsiep
Letzte Änderung am: 22.10.2009, 19.05 Uhr