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Fernsehen im SWR

Krankheit Willkommen!?

aus der Sendung vom Donnerstag, 8.10.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Von einem Arzt wollen wir eigentlich: Gesundheit. Das wäre ein System, bei dem die Ärzte daran verdienen, wenn wir es erst gar nicht krank werden. Beispiel Diabetes: Zuckerkrank zu sein verursacht unendliches Leid und kostet das Gesundheitssystem zig Milliarden. Dabei wäre es recht einfach, den meisten Menschen das zu ersparen. Wenn man vorher eingreift. Und es ist längst klar, die Zahl der Diabeteskranken wird gewaltig zunehmen. Eine solche Kehrtwende zur Prävention in unserem Gesundheitssystem, das von Lobbyinteressen dominiert wird, wird schwer zu erreichen sein. Aber viele sind davon überzeugt, dass es sein muss.

Er ist ein Erneuerer von Berufs wegen: Dr. Bernhard Bührlen, Psychologe am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe, will unsere Gesundheitsversorgung ändern.

„Dafür brauchen wir ein Gesundheitssystem das diesen Namen verdient, kein Krankheits- und Krankenversorgungssystem, sondern ein System, das sich an Gesundheit orientiert, an Gesundheitsgewinnen, also an Gesundheitsergebnissen.“ Doch wer wie er den Blick mehr auf das Thema „Gesundheit“ lenken will als auf „Krankheit“, hat einen sehr beschwerlichen Weg vor sich. Denn unser Gesundheitssystem ist eigentlich ein Krankheitssystem, das mit Krankheit Kasse macht. Ein System aus Krankenkassen, Kranken, Ärzten, Apothekern, Pharmaindustrie und Politik.

Mit Krankheit Kasse machen

„Dieses System ist auf Pathogenese aufgebaut, das heißt auf der Krankheit, auf der Krankheitsentwicklung. Und wenn Krankheit auftritt, dann wird dieses System tätig und dann verdienen natürlich die, die im System anbieten.“ Diese kritische Perspektive kann sich Professor Gerd Glaeske leisten, denn er ist unabhängiges Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung.

Aber auch seine Forderungen, etwa nach einem Präventions-Gesetz das auf die Vermeidung von Krankheiten abzielt, treffen stets auf Widerstände. Auch aus der Politik. „Wir vermissen wirklich schmerzlich ein Präventionsgesetz, was schon lange in der Diskussion war“, sagt Glaeske, „insofern sehen wir auch in der Verteilung auf der einen Seite das kurative System, das Behandlungssystem, was etwa 166 Milliarden Euro wert ist, und auf der anderen Seite sehen wir die Prävention, die sich allenfalls im hunderte Millionen Bereich abspielt, also ein Bereich der deutlich weniger im Mittelpunkt steht als das, was wir im Behandlungsbereich haben. Das ist, glaube ich, das Problem: dass es hier zu einem Umdenken kommen muss.“

Fokus auf Gesundheit verlagern

Doch das System in Richtung Gesundheit zu bewegen ist eine heikle Mission, die von Bernhard Bührlen verlangt, mit und doch gegen den Strom zu schwimmen. Mit seinen Innovationen will er die erstarrten Strukturen aufweichen. Etwa bei den Krankenkassen, die aus seiner Sicht „Krankheit im Auftrag des Staates abwickeln“. „Krankenkasse klingt schon ganz stark nach einer staatlich beschränkten und regulierten Einrichtung“, sagt er. „Und tatsächlich sind die Krankenversicherungen, die gesetzlichen wie auch die privaten, stark in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt.“

Manche Kasse fördert zwar bereits ihre Versicherten, wenn sie beispielsweise mit Fitnesstraining etwas zum Erhalt ihrer Gesundheit tun. Solche Bonus-Programme sind aber nur ein erster Schritt hin zum „Gesundheitssystem“. Doch diese Maßnahmen greifen nicht wirklich - weil, so meint Gerd Glaeske, die Organisation der Kassen selbst den Erfolg verhindert: „Eine Kasse denkt in Haushaltsplänen, sie denkt in Jahresplänen, sie denkt sozusagen daran, wie man über das Jahr bestimmte Maßnahmen auch finanzieren kann. Da sind natürlich Versicherte, die ich in diesem Jahr mit Präventionsmaßnahmen beglücke, im Prinzip vielleicht Versicherte, die dies wahrnehmen und annehmen, aber im kommenden Jahr die Kasse wechseln. Das heißt, ich investiere in die Gesundheit eines Versicherten, der im nächsten Jahr gar nicht mehr bei mir ist. Ich habe gar nichts mehr davon, dass dieser Mensch Präventionen durchgeführt hat und gesünder ist oder wird.“

Krankheit behandeln statt verhindern

Bernhard Bührlen steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Gemeinsam mit seinen Kollegen des Fraunhofer Institutes ist er auf der Suche nach Anreizen, welche die Gesundheit fördern. Eine Mammutaufgabe, denn wie ein System verändern, in dem ganze Berufsgruppen mit Krankheit und nicht mit Gesundheit Geld verdienen?

Beispiel Ärzte: Erst wenn eine Krankheit schon eingetreten ist, kommt der Arzt auf seine Kosten. Ein Dilemma, wie Gerd Glaeske meint: „Im ärztlichen Bereich wird die Behandlung bezahlt, aber es wird nicht die Vorbeugung und die Prävention bezahlt. Und das ist ein Punkt, wo der Anreiz im System falsch gesetzt ist. Der Anreiz läuft auf Krankenbehandlung und nicht auf Verhinderung raus. Das ist etwas was ich sogar nachvollziehen kann, wenn Ärzte sagen: wenn sich dies nicht verändert, sind wir eher diejenigen, die die Krankheit vernünftig behandeln, aber weniger die die darüber nachdenken, wie ich diese Krankheit vermeiden kann.“

Gesundheit ohne Lobby

Ein fataler Kreislauf, denn Volksleiden wie Diabetes müssen mit Hilfe des Arztes verhindert werden bevor sie auftreten. Sonst hilft oft nur noch der Weg in die Apotheke, wo ebenfalls mit Krankheit Geld verdient wird. Wenn die Arzneimittel dort über den Tresen gereicht werden, haben auch andere schon kräftig mitverdient. Etwa die Hersteller, die die Arzneimittelpreise Preise mitbestimmen. Doch es gibt noch mehr Verdiener.

Ein Beispiel: Zum Herstellerpreis eines bestimmten Präparates von beispielsweise drei Euro 36 kommen acht bis zwölf Prozent Großhandelsmarge. Dann folgen drei Prozent Bewirtschaftungspauschale des Apothekers und ein Fixaufschlag von acht Euro zehn für rezeptpflichtige Medikamente, bei rezeptfreien 20 bis 60 Prozent. Noch einmal 19 Prozent Mehrwertsteuer von Vater Staat, und fertig ist der Preis.

Der Staat verdient mit

Auch Suchtmittel wie Zigaretten oder Alkohol – obwohl nachweislich Krankheitsauslöser – werden besteuert. Der Staat nimmt so die Krankheit in Kauf, denn es geht um ein lukratives Geschäft. Allein die Tabaksteuer brachte 2008 Einnahmen von rund 13,6 Milliarden Euro!

„Wenn ich das insgesamt bezogen auf die Summen sehe, bezogen auf die Einnahmen, verdient der Staat natürlich mit“, meint Gerd Glaeske. „Ich habe auf der einen Seite die Mehrwertsteuer, auch bei Arzneimitteln den hohen Mehrwertsteuersatz, ich habe die Steuern bei Tabak oder Alkohol und in beiden Bereichen verdient der Staat mit. Insofern könnte man in der Tat sagen, der Staat verdient letzten Endes auch an der Krankheit mit, weil er nicht genügend tut, nicht genügend re-investiert, um die Prävention zu fördern und die Präventionsmaßnahmen auch wirklich in die Bevölkerung einzubringen.“

Gesundheitssystem nicht Krankheitssystem

Innovationen für mehr Gesundheit brauchen solch deutliche Worte. Doch nötige Veränderungen alleine auf dem Papier zu formulieren ist nicht genug. Bernhard Bührlen kann nur Erfolg haben, wenn die Wandlung vom Krankheits- zum Gesundheitssystem in der Praxis umgesetzt wird. Das heißt aber auch, dass jeder - ob beruflich oder privat - selbst versucht alles für die Gesundheit zu tun.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 08.10.2009, 12.37 Uhr