aus der Sendung vom Donnerstag, 8.10.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Norweger besuchen den Arzt im Schnitt nur vier Mal pro Jahr. Die Deutschen sind dagegen mit 18 Arztbesuchen pro Jahr Weltmeister. Was für ein gewaltiger Unterschied! Kritiker sprechen von der Medikalisierung unseres Alltages. Man könnte auch sagen, die Deutschen sind Gesundheitshysteriker. Der Hausarzt Harald Kamps hat zwanzig Jahre als Mediziner in Norwegen gearbeitet. Sein Blick auf das deutsche Gesundheitssystem entlarvt den überbordenden Aktivismus.
Kurt S. ist Diabetiker. Seit Jahren kommt er zu Harald Kamps in die Praxis, weil er dessen Gelassenheit und zugewandte Art schätzt: Der Rentner sagt: „Man weiß, dass er einem zuhört. Und sich in die Belange des Patienten gut einfühlt und dass dann auch gut gemeinter Rat, also ein guter Rat dabei herauskommt. Man hat also volles Vertrauen zu ihm.“
Kurt S. weiß: Hier wird eine für Deutschland ungewöhnliche Medizin gepflegt. Das zeigt schon ein Warnhinweis, der im Wartezimmer hängt. Auf der Tafel steht: „Vorsicht! Sie verlassen ihr persönliches Lebensumfeld und betreten das Gesundheitssystem. Das birgt Risiken und Nebenwirkungen. Sprechen Sie darüber mit Ihrem Arzt.“
Harald Kamps weiß noch genau, wie er das deutsche Gesundheitswesen empfand, als er vor sieben Jahren aus Norwegen hierher zurückkam: „Was einen überrascht, ist die hohe Temperatur im deutschen Gesundheitswesen. Also wie hektisch es ist und wie viel passiert. Ich finde es schon ärgerlich, weil die Patienten auch nicht das bekommen was sie suchen. Sie bekommen zum Teil Steine für Brot: Sie bekommen viele Untersuchungen, sie bekommen viele Proben, sie bekommen viele Röntgenaufnahmen, aber sie bekommen nicht die Gespräche, die sie eigentlich vermissen. Das merke ich ja, dass viele Patienten sehr froh sind, wenn man sich die Zeit nimmt und mit ihnen darüber spricht, was sie tatsächlich belastet.“
Genau deshalb kommt Kurt S. so gerne in diese Praxis. Harald Kamps nimmt sich 15 bis 20 Minuten Zeit für ein Gespräch mit den Patienten. Seine Kollegen in Deutschland im Schnitt acht Minuten. Zu wenig, sagt Harald Kamps, um sich ein Bild von den Problemen der Patienten zu machen. Zu kurz, um gemeinsam Lösungen zu suchen. Oft stellt sich nämlich im Gespräch heraus, dass das vermeintliche medizinische Problem ganz andere Ursachen hat als befürchtet: „Deutsche Menschen als Patienten sind dazu ermahnt, hinter jedem Symptom eine Krankheit zu vermuten. Und mit dieser Angst dann auch zum Arzt zu gehen.“
Und dieses Konzept, dass eigentlich Krankheiten gehandelt werden und nicht Personen, ist das, was den Heimkehrer nach Deutschland eigentlich am meisten verstört: „Weil ich denke, dass hinter jedem Symptom auch ein Mensch mit seinem Leben und seinen Sorgen und Nöten steckt. Und die gilt es genauso auszuloten wie mögliche Hinweise auf eine gefährliche Erkrankung.“
In Norwegen, wo die Menschen vier Mal weniger zum Arzt gehen als in Deutschland, sieht in der Medizin vieles ganz anders aus. Das fängt schon bei der Bezahlung der Hausärzte an. Die norwegischen Hausärzte bekommen einen guten Teil ihres Honorars - nämlich ein Drittel - als Grundgehalt. Das bringt Ruhe in die Praxis. Anders in Deutschland: Hier bekommen Hausärzte ihr Honorar nur für Leistungen an Patienten. Das, sagen Kritiker, verleitet sie dazu, ihre Praxis immer „gut zu füllen“. So entstehen unnötige Arztbesuche.
Kurt S. hat Schmerzen unter dem rechten Rippenbogen, besonders bei bestimmten Bewegungen. Er selbst hat aber schon die Vermutung, dass die Schmerzen von der Kanüle der Insulinpumpe kommen, die dort regelmäßig angestöpselt wird. Harald Kamps untersucht die Stelle ausgiebig. Mit dem Patienten zusammen trifft er eine Entscheidung zum weiteren Vorgehen. Das findet dieser klasse: „Ich bin jetzt beruhigt, dass der Doktor gesagt hat, dass der Blutwert in einem guten Bereich ist. Ich konnte den aktuellen Schmerz vortragen, den ich hatte. Da hat er eine manuelle Therapie - eine Art Massage - verordnet. So dass ich da optimistisch rausgehe, dass das auch erledigt ist. Ich geh also mit voller Zufriedenheit hier aus der Praxis.“
Und zwar ohne die Überweisung zu einem Facharzt für weitere aufwändige und teure medizinische Diagnostik. Harald Kamps plädiert eindringlich dafür, nicht immer gleich mit Kanonen nach Spatzen zu schießen. Wenn man die Kompetenz der Patienten ernst nimmt und sie aktiv an der Problemlösung teilhaben lässt, kommt man in der bei weitem überwiegenden Zahl der Fälle ohne High-Tech-Medizin aus, so Kamps: „Die Patienten können an sich, an ihren Körperzeichen erkennen, ob es ihnen gut geht oder nicht. Ob der Blutzucker außer Rand und Band ist, ob sie zuviel gegessen haben, ob sie zu wenig gelaufen sind. Wenn man ihnen die Kompetenz zuspricht, darauf zu reagieren. Wenn man ihnen aber sagt: Ne, der Diabetes gehört zum Facharzt, der muss regelmäßig messen, der muss regelmäßig die richtigen Zahlen dazu finden, dann wird auch sehr schnell die Verantwortung dafür an den Facharzt und an eine höhere Instanz delegiert. Von daher, glaube ich, wäre es für die Effektivität und auch für das Erleben, mit eigener Gesundheit umzugehen, richtig zu sagen: Nein, dafür, wofür man Experte ist, dafür soll man auch die Entscheidung treffen.“
Aber was ist mit den Patienten die unbedingt mehr Medizin wollen? Mehr Pillen, mehr Tests? Die sich ohne das nicht ernst genommen fühlen? Harald Kamps glaubt, dass auch diese Patienten die Fähigkeit zur Einsicht haben können: „Ich glaube auch, dass die Patienten vordergründig zufriedener sind, wenn sie die Praxis mit einem Rezept verlassen oder mit einer Überweisung zum Facharzt. Zum Röntgen. Aber ich glaube, wenn sie mal drüber nachgedacht haben, sind doch die meisten froh, ein Gespräch bekommen zu haben und kein Rezept.“
Noch ein Beispiel aus Norwegen gegen medizinischen Overkill: die Gynäkologie. Norwegische Frauenärzte bestellen ihre Kundinnen nur alle drei Jahre zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs. Ist nichts auffällig sogar nur alle fünf Jahre. Deutsche Frauen sollen dafür jährlich zum Gynäkologen kommen. Obwohl es keine Vorteile im Kampf gegen die Krankheit bringt. Das belegt der statistische Vergleich zwischen Norwegen und Deutschland eindrucksvoll.
Ähnlich sieht es bei der Antibabypille aus. Junge Norwegerinnen bekommen das Rezept für 24 Monate. Junge deutsche Frauen müssen alle drei Monate dafür zum Arzt. Ein medizinischer Sinn ist nicht zu erkennen. Höchstens ein finanzieller Sinn für den Gynäkologen. Harald Kamps sieht diese Tendenz des Gesundheitssystems, sich aufzublähen, generell kritisch: „Der Gesundheitsmarkt hat eben die böse Tendenz, immer größer zu werden. Und je mehr man verkauft, desto besser ist es für denjenigen, der da verkauft. Und manchmal ist es nicht so gut für denjenigen, der da verkauft wird.“ Ganz nebenbei: die Norweger leben im Schnitt 1,5 Jahre länger als die Deutschen.
In Norwegen geht’s bei der Medizin weniger ums Geschäft. Deshalb wäre Harald Kamps gerne geblieben. Doch die Liebe hat ihn nach Deutschland zurückgeholt. Mit seiner Medizin verdient er hier zwar etwas weniger als viele seiner Kollegen - aber: er fühlt sich gut dabei.
Letzte Änderung am: 08.10.2009, 12.35 Uhr