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Fernsehen im SWR

Zeitreise: Hygiene

aus der Sendung vom Donnerstag, 8.10.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Ob wir gesund bleiben oder nicht, hat auch viel mit Hygiene zu tun, vor allem natürlich mit der medizinischen Hygiene. Doch damit ist es in Krankenhäusern oft nicht weit her. Ärzte und Pflegepersonal haben oft nicht die Zeit, sich zwischen den Patienten 30 Sekunden lang die Hände zu waschen oder das Stethoskop zu desinfizieren. Etwa 1.500 Menschen sterben bei uns deshalb jährlich an Infektionen. Doch auch die persönliche Hygiene spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit. Heute haben wir eher die Tendenz, es mit Sauberkeit und Hygiene zu übertreiben. Doch das war nicht immer so:

Im Mittelalter waren öffentliche Badehäuser nach dem Vorbild der Antike die Hauptreinigungsstätten für die Menschen. Ein hygienischer Gegenpol zum Unrat und Schmutz, der damals die Strassen verdreckt. Hausmüll und Exkremente flogen oft kurzerhand auf die Straße. Eine Kanalisation oder fließendes Wasser im Wohnbereich suchte man vergebens. Doch als im Spätmittelalter die Pest wütete, wurde gerade das Wasser als Krankheitsüberträger verteufelt. Pest und Syphilis wurden mancherorts dem zu häufigen Baden zugeschrieben. Man glaubte, dass Keime durch das Wasser in die Haut eindringen und so Krankheiten verursachen.

Renaissance

In der Renaissance zählte das Aussehen viel, Hygiene dagegen wenig. Der Körper wurde mit einer dicken Puderschicht eingestäubt. Scheinbar ein Mittel, den Schmutz fernzuhalten. Doch so wurde er nur überdeckt, genau wie üble Körpergerüche.

Mit Spezialbesteck, beispielsweise einem zierlichen Utensil zum Auslöffeln von Ohrenschmalz, entfernte man gröbste Verunreinigungen. Ebenso beliebt war die mit Lockstoffen gefüllte Flohfalle, die man am Körper zu tragen pflegte. Die einfachen Leute mussten Ungeziefer dagegen regelmäßig auskämmen. Auch alte Heringsköpfe dienten seinerzeit hygienischen Zwecken. Ihr Gestank, so meinte man, vertreibe das Ungeziefer im Bett.

Hygieneforschung

Anfang des 18. Jahrhunderts blickte Antoni van Leeuwenhoek als einer der Ersten mit seinem einfachen Mikroskop in die Welt von Krankheits- und Gestankserregern wie Bakterien und anderen Mikroorganismen. Mit seinen Beobachtungen, die er wissenschaftlich dokumentierte, legte er den Grundstein zur Hygiene-Forschung: Bakterien galten damals noch als Produkte einer Urzeugung, die spontan stattfindet. Doch schon bald wurden die Keime als Krankheitserreger entlarvt, die über Luft übertragen werden und sich rasant ausbreiten.

Auch eine Methode zum Abtöten durch Erhitzen wurde entwickelt - die Pasteurisierung, benannt nach ihrem Erfinder Louis Pasteur. Im 19. Jahrhundert wurden Impfungen entwickelt, die den Keimen Einhalt geboten. Cholera- und Tuberkuloseerreger entdeckte Robert Koch, Nobelpreisträger von 1905. Er entwickelte auch das Nachweismittel Tuberkulin.

Wie lebenswichtig auch medizinische Hygiene ist, zeigt die Ursache des Kindbettfiebers. Die Ärzte selbst übertrugen die Krankheit, da sie nach dem Umgang mit infektiös Erkrankten und Leichen ihre Hände nicht desinfizierten. Das änderte sich erst mit der Einführung von Hygienevorschriften durch den Arzt Ingnaz Semmelweiß.

Gammler

In den 50er Jahren blitzte und blinkte es. Sauber, geradezu keimfrei musste alles sein. Ob Wohnung oder Körper, Hygiene wurde damals ganz groß geschrieben. Da waren die „Gammler“ und ihr entspannter Umgang mit Hygiene spätestens in den 60ern ein öffentliches Ärgernis. Ihr Aufbegehren gegen jegliche Zwänge provozierte die bürgerliche Ordnung und wurde zum Symbol einer neuen Zeit.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 08.10.2009, 11.45 Uhr