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Fernsehen im SWR

„Gütesiegel“ Energiesparausweis?

aus der Sendung vom Donnerstag, 24.9.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

"Energieeffizienz" ist seit der Einführung des Energiesparausweises ein Schlagwort erster Güte für Häuslebauer und -besitzer. Doch ist ein Zertifikat mit positiver Energiebilanz auch ein Gütesiegel? Das Dokument ist mittlerweile Pflicht in Deutschland: Mieter sollen bereits vor der Schlüsselübergabe künftige Energiekosten abschätzen können und potentielle Immobilienkäufer, wie teuer die Sanierung eines Gebäudes werden. Und für Hausbesitzer fließen bei Bauvorhaben nicht zuletzt Fördermittel der staatlichen KfW-Bank – vorausgesetzt, die Zahlen im Ausweis stimmen. Doch wie genau sind die Angaben und wie werden sie überprüft? Ist eine bescheinigte auch eine reale Energieeffizienz?

Diese Frage stellt sich für Klaus Dieter Lauer nicht mehr. Seine Antwort: Nein. Er hat sich eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus gekauft. Das Haus wirkte hübsch, der ausgehändigte Energieausweis sah gut aus.

Pfusch am Bau = Pfusch im Ausweis?

Als Laie traute er den Zahlen – doch der Schein trügt. Die Beton-Außenwand hat nur vier Zentimeter Wärmedämmung, der Fensterrahmen ist nur eingeputzt und außen nicht überdämmt. Kein Wunder, dass dort ständig Wärme entweicht. Die Folge: Innen entsteht Schimmel. Und auch im Estrich findet sich Schimmelbildung - und zwar im Schlafzimmer der Lauers. Gesund ist das nicht. "Das ist absolut kein Einzelfall. Ich denke, in fünfzig Prozent der Fälle ist irgendetwas nicht in Ordnung", sagt Klaus Kellhammer, Architekt und Spezialist für Dämmungsmaßnahmen. Er kennt die Unterschiede zwischen Versprechen im Ausweis und Wirklichkeit am Haus. Klaus Dieter Lauer fürchtete diesen Pfusch am Bau und bestellte ihn daher als Gutachter. Das Ergebnis: Grobe Dämmungsmängel. Fehler in der Energieberechnung.

Ständig entdecken Gutachter die gleichen Fehler

Das Hauptproblem in Lauers Wohnung lautet im Fachjargon "Wärmebrücken". Die und andere Probleme in Sachen Energieeinsparung kennt man im Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Bauphysik nur zu gut: „In der Regel treffen zwei Bauteile aufeinander, zum Beispiel ein Fenster auf eine Wand. Wenn dort der Übergang der Wärmedämmung nicht sauber gelöst wird, dann passiert es, dass die Wärme ausweicht und genau über diese Schwachstelle das Gebäude verlässt", erläutert Hans Erhorn, der am Institut arbeitet. Das ist auch das Hauptproblem in der Wohnung der Lauers. In dem Energieausweis, den Dieter Lauer vom Verkäufer erhielt, schlägt sich das aber nicht nieder. Experte Kellhammer ist sich sicher: Es wurden falsche Angaben gemacht. Laut des Zertifikats gebe es quasi keine Wärmebrücken, alles scheint wunderbar gelöst. Das nicht überdämmte Fenster der Lauer'schen Wohnung aber spricht eine andere Sprache.

Energiesparen nur auf dem Papier

Was nutzt also ein solches gefälschtes "Gütesiegel" für Energieeffizienz? Zumindest gibt es bei bestimmten Angaben Geld von Seiten der KfW-Bank - für Baumaßnahmen, Sanierungen und Modernisierungen. Sind Energiesanierungen tatsächlich aber nur auf dem Papier effektiv, bedeutet das: Veruntreuung von Fördermitteln. Doch richtige Kontrollen der Ausweise gibt es nicht. „Die Bauämter interessieren sich überhaupt nicht dafür", weiß Kellhammer. Der Bauherr fürchtet natürlich, dass die KfW von den falschen Angaben erfährt und Kredit oder Zuschuss nicht bewilligt. Die räumt in der Tat Unregelmäßigkeiten ein: „Es gibt Einzelfälle, in denen es möglicherweise größere Probleme gegeben hat oder gibt“ so Markus Schönborn, Abteilungsdirektor der KfW Privatkundenbank. Aber es gebe auch viele Fälle, in denen lediglich kleine Probleme aufgetreten seien. Im Hinblick auf die Energieeffizienz des Gebäudes würde man dann nicht sagen, dass die Förderkriterien nicht erfüllt seien. Nicht jeder Fehler führe dazu, dass es sich nicht um ein energieeffizientes Gebäude handele.

Am Ende bleibt Enttäuschung

Doch: Scheinbar kleine Fehler können sich zu großen Problemen ausweiten. Das zeigen Modellrechnungen der Stuttgarter Wissenschaftler. Neue, effektivere Dämm-Materialien jedoch, beispielsweise mit Aluminium verstärkte Vakuumwände, kommen in der Praxis wenig zum Einsatz - auch nicht in der Wohnung von Klaus Dieter Lauer. Die sind da eher von gestern, obendrein nur auf dem Papier in Ordnung und in Wirklichkeit Pfusch. Bei einem Verkauf müsste er jetzt höllisch aufpassen. Lauer dürfte über diesen Mangel nämlich kein Stillschweigen bewahren - das wäre juristisch eine arglistige Täuschung. "Ich erlebe immer wieder den Fall", sagt Klaus Kellhammer. "Ich erklären den Bauherren das natürlich. Die würden dann am liebsten abbrechen und sagen: 'Ich möchte es gar nicht wissen'.“ Für Klaus Dieter Lauer war die Aufklärung durch den Architekten jedenfalls ein böses Erwachen: „Wir sind davon ausgegangen, dass wir in ein Niedrigenergiehaus eingezogen sind. So haben wir es gekauft. Das ist jetzt schon enttäuschend.“ Die Enttäuschung wäre ihm erspart geblieben, hätte er sich von einem Energie-Sachverständigen beraten lassen – allerdings vor dem Kauf.

Axel Wagner, Carola Hilbrand

Letzte Änderung am: 24.09.2009, 18.04 Uhr

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