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SENDETERMIN Do, 17.9.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wenn Trinken tödlich ist

Für unseren Wasserhaushalt und unser Wohlbefinden ist es wichtig, viel zu trinken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt mindestens anderthalb Liter täglich, bei Hitze oder körperlicher Anstrengung natürlich mehr. Was viele jedoch nicht wissen: zu viel Wasser in zu kurzer Zeit kann unter Umständen fatale Folgen haben.

Ein tragisches Beispiel ist das der 28-jährigen Jennifer Strange. Im Januar 2007 beteiligt sie sich an einem Wasser-Wett-Trinken, das ein kalifornischer Radiosender veranstaltet. Den ersten Preis, eine Computer-Spielekonsole mit Sportprogramm im Wert von 250 Dollar, will sie für ihre drei Kinder gewinnen. Die Aufgabe ist skurril: Die Teilnehmer sollen für die Dauer der Sendung so viel Wasser trinken wie sie können, aber nicht auf die Toilette gehen. Das Wett-Trinken, auch ein beliebter Spaß unter amerikanischen College-Studenten, kommt Jennifer leicht vor. Sie hält gut mit und hat Chancen auf den Sieg. Doch nach einiger Zeit fühlt sie sich unwohl - ihr Körper kämpft gegen das viele Wasser.

Erste Warnsignale

Frau trinkt aus Wasserflasche

Ein Wassertrinkwettbewerb mit böser Überraschung.

Jennifer klagt über Bauchweh, Übelkeit, Kopfschmerzen - die Moderatoren witzeln darüber. Keiner nimmt die Symptome ernst. Während ein Teilnehmer nach dem anderen aufgibt, hält Jennifer Strange - trotz zunehmender körperlicher Probleme - durch. Innerhalb von drei Stunden trinkt die junge Frau vermutlich fast acht Liter. Am Ende wird Jennifer nur Zweite. Fünf Stunden nach dem Wettbewerb ist Jennifer Strange tot. Todesursache: Wasservergiftung.

Unter Medizinern ist das ein bekanntes Problem: Bei einem Übermaß an Wasser in kurzer Zeit wird der Körper buchstäblich überflutet. Etwa zwei bis maximal drei Liter über den Tag verteilt, also im Zeitraum von etwa 16 Stunden, reichen absolut aus. Wer fünf und mehr Liter in wenigen Stunden aufnimmt bringt seinen Salzhaushalt durcheinander, denn:

Körper versucht Salzkonzentration auszugleichen

In allen Körperzellen und auch im Zellzwischenraum sind Wasser, Salze und Mineralstoffe die die Zellen für ihre Funktion brauchen, sogenannte Elektrolyte. Besonders wichtig sind Natrium und Kalium. Kommt in kurzer Zeit zu viel Wasser ins Gewebe, strömt es schnell in die Zelle ein. Denn dann besteht ein Unterschied in der Salzkonzentration zwischen dem Wasser außerhalb und innerhalb der Zelle. Dieses Gefälle wird aus physikalischen Gründen ausgeglichen – Flüssigkeiten streben nach einer gleichmäßigen Konzentration von gelösten Stoffen. Aus der Zelle wandert dann Salz in den Zellzwischenraum und in die Zelle strömt mehr Wasser ein als sie verkraften kann. Insgesamt verringert sich die Salzkonzentration.

Notprogramm

Das kann zu Herzrhythmusstörungen führen, und die Nieren hören irgendwann auf zu arbeiten. Da nämlich die Salzkonzentration im ganzen Körper sinkt, stellt der Organismus auf ein Notprogramm um: Bloß keinen Urin produzieren, damit nicht noch mehr Salze verloren gehen. Schließlich gerät auch der Kopf unter Druck: Wasser sammelt sich im Hirngewebe an.

Für das Gehirn ist die Überschwemmung besonders kritisch, denn der knöcherne Schädel lässt keinen Platz zum Ausdehnen. Deshalb treten bei einer Wasservergiftung Kopfschmerzen auf. Gleichzeitig führt der Hirndruck zu einem Lungenödem. Die Lungenbläschen füllen sich mit Wasser, Atemnot ist die Folge. Das Wasser im Gehirn löst Schwindel, Erbrechen und Krämpfe aus - in schweren Fällen führt es zum Koma oder gar zum Tod.

Unerfahrene Läufer sind gefährdert

Wasservergiftungen kommen auch bei Ausdauersportlern vor. Vor allem unerfahrene Läufer trinken öfter über den Durst, weiß der Sportmediziner Johannes Scherr von der TU München, der viele Marathonläufer und Triathleten betreut: „Bei einem mittelgroßen Marathon von ungefähr 10.000 Läufern kommt es bei einem Drittel, also 3.000 Leuten, zu messbaren Störungen durch zu viel Wasser. Bei 50 davon kommt es sogar zu lebensbedrohlichen Veränderungen. Manche müssen auf die Intensivstation und künstlich beatmet werden. Gerade Anfänger sind einfach nicht richtig informiert. Die meinen, sie müssten für so einen Lauf auf Teufel komm raus trinken. Aber das ist falsch.“

Beim Marathon verliert ein Läufer zwischen einem halben und anderthalb Liter Wasser, und bis zu drei Gramm Salz pro Stunde – je nachdem wie heiß es ist, wie stark man schwitzt und wie lange man läuft. Daher müssen die Sportler sowohl vor dem Wettkampf als auch während des Laufes zwischendurch trinken. Doch manche glauben, dass sie Zeit sparen, indem sie vorher schon sehr viel trinken. Andere wollen bei Hitze ihre Körpertemperatur absenken, indem sie möglichst viel während des Laufs trinken – beides funktioniert nicht und kann den Elektrolythaushalt gefährden.

Lauftraining ist Trinktraining

Sportler mit Wasserflasche in der Hand und ein Wissenschallter, der Notizen macht.

Unverzichtbar für Sportler: Trinktraining.

Deshalb nehmen Dr. Scherr und seine Kollegen den Wasserhaushalt speziell von Ausdauersportlern genau unter die Lupe – damit die nicht zu viel trinken. Das müssen Sportler allerdings häufig erst lernen – in einer speziellen Trainingseinheit, so der Mediziner: „Wir raten da zum Teil auch zu einem Trinktraining: Man würde sich vor dem Lauf wiegen, dann würde man eine lange Laufeinheit machen und sich dann nach dem Lauf wiegen. Man würde sich dann immer notieren was man während diesem Lauf getrunken hat und dann sieht man, wie viel Gewicht man zu- oder abgenommen hat. Also optimal wäre, wenn man gar keine Gewichtszunahme hätte oder ein bisschen Gewichtsabnahme im Rahmen eines solchen Laufes. Und wenn man das dann trainiert hat, kann man im Endeffekt sein Durstgefühl richtig einschätzen und wissen, wann man richtig trinkt.“

"Isotonische" Getränke genügen meistens nicht

Übrigens reicht es nicht, nur das Wasser zu ersetzen. Auch Salze und Mineralstoffe müssen wieder in den Körper gelangen. Aber die üblichen isotonischen Sportdrinks reichen bei extremen Anforderungen wie Marathon und Triathlon - besonders im Sommer - nicht immer aus. In Spezial- und Sportgeschäften gibt es dafür spezielle Getränke und Gels zum Schlucken. Sie heißen „hypertonisch“, weil sie eine besonders hohe Konzentration der nötigen Salze und Mineralstoffe enthalten, die ein Extremsportler braucht.

Wer sich nicht ganz so viel abverlangt und sein Trinktraining gemacht hat, kommt mit einfachen Mitteln zurecht: Ein paar Salzbrezeln nach dem Lauf tun es auch.

aus der Sendung vom

Do, 17.9.2009 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

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