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Fernsehen im SWR

Migräne – die Hölle im Kopf

aus der Sendung vom Donnerstag, 27.5.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Bis vor gut 15 Jahren hielten die meisten gesunden Menschen starke Kopfschmerzen wie Migräne für eine eingebildete Krankheit und die betroffenen Personen für Drückeberger. Doch dieses Vorurteil konnte inzwischen gründlich wiederlegt werden. Wer Migräne hat, leidet unter einer Erkrankung des Gehirns – und die muss von Schmerzspezialisten behandelt werden.

Dr. Arne May forscht seit gut zwei Jahrzehnten zum Thema Migräne. Um den Ursachen der Erkrankung auf den Grund zu gehen, schaut er den Patienten während ihrer Migräneattacken mit Hilfe eines Kernspintomographen ins Gehirn. Dabei hat der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Migräne und Kopfschmerz zusammen mit anderen Forschern entdeckt, was die Migräne antreibt: „Wir konnten zeigen, dass Migränepatienten ein ganz bestimmtes Areal im Gehirn haben, das darüber entscheidet, wann jemand eine Migräneattacke bekommt. Früher hat man immer gedacht, dass Migräne etwas mit Gefäßen zu tut hat, die entweder aufgehen oder zugehen. Heute weiß man, dass dieses Areal aktiv ist, wenn jemand eine Migräne hat, während dies bei Gesunden nicht der Fall ist.“

Migränepatienten haben geringeres Schmerzempfinden

Das Gehirn eines Migränekranken reagiert also anders als das eines Gesunden. Um herauszufinden warum das so ist, haben Arne May und seine Kollegen die Gehirnstruktur von Migränepatienten untersucht: Dabei stellten die Forscher Erstaunliches fest: Patienten, die länger als drei Jahre unter chronischer Migräne leiden, haben weniger graue Gehirnsubstanz als gesunde Menschen, das heißt, sie haben etwas weniger Nervenzellen in den Hirnregionen, in denen der Schmerz verarbeitet wird.

Arne May erklärt, dass man „nach heutigem Wissensstand davon ausgehen muss, dass ein chronischer Schmerz Umbauvorgänge im Gehirn zur Folge hat. Das Geheimnis von chronischem Schmerz ist wohl, dass diese Umbauvorgänge selbst wiederum Schmerzen zur Folge haben können. Das letzte Wort ist nicht gesprochen, aber es ist sicher so, dass chronische Schmerzpatienten ein etwas anderes Gehirn haben als Menschen die keinen chronischen Schmerz haben.“

Migräne – eine biologische Erkrankung

Diese Umbauvorgänge im Gehirn, beziehungsweise der Verlust an grauer Hirnsubstanz, scheint also nicht die Ursache, sondern eher eine Folge der Migräne zu sein. Doch wie können Migräne-Geplagte von all diesen Erkenntnissen profitieren? Für Arne May ist dies eine ganz entscheidende Frage. Solange man nicht verstehe, wie Migräne funktioniere, könne man keine neuen Medikamente erfinden und den Patienten schlechter helfen: „Stellen Sie sich vor, dass man vor 15 Jahren noch gesagt hat, Migräne ist psychisch, solche Menschen möchten nicht arbeiten. Und dass sogar heute noch Menschen mit diesem Vorurteil konfrontiert werden. Wenn wir also verstehen, dass das eine biologische Erkrankung ist die genetisch bedingt ist, wenn wir den Finger drauf legen und sagen können, hier ist der Motor, hier geht es los, dann hilft das enorm beim Verständnis und später auch bei der Therapie.“

Ausdauersport und Entspannungstraining

Noch kann man Migräne nicht heilen. Doch Dr. Charly Gaul, Oberarzt am Westdeutschen Kopfschmerzzentrum in Essen, weiß, dass man Patienten mit chronischer Migräne dennoch effektiv helfen kann, wenn sie die richtige Therapie erhalten: „Wir legen großen Wert auf die nichtmedikamentösen Verfahren, Ausdauersport, Entspannungstraining als einen Bestandteil. Das Zweite ist die medikamentöse Therapie zur Prophylaxe und zur Akuttherapie. Eine Migränetherapie die nur aus Medikamenten besteht, funktioniert nach unserer Überzeugung meistens nicht gut, so dass man sich da sehr viel intensiver beschäftigen muss.“

Aufwändige Analyse

Am Beginn steht die richtige Diagnose. Und die kann kompliziert und zeitaufwändig sein, denn Migräne ist individuell ausgeprägt. Deshalb sind die Ärzte vor allem auf die Beschreibungen der Patienten angewiesen, um herauszufinden, ob es sich bei den Kopfschmerzen tatsächlich um eine Migräne handelt.

Dafür gibt es Diagnosekriterien, wie zum Beispiel die Länge des Kopfschmerzes, die Art der Schmerzen oder Begleitsymptome. Wenn diese Merkmale in typischer Weise zusammenpassen, steht damit die Diagnose. Zusätzliche Untersuchungen dienen lediglich dazu andere Erkrankungen auszuschließen, damit die Ärzte keine andere neurologische Erkrankung, die durchaus ein ähnliches Erscheinungsbild haben kann, übersehen.

Stress-Situationen bewusst reduzieren

Charly Gaul gehört zu einem Team aus Neurologen, Psychologen, Schmerz- und Physiotherapeuten, die chronischen Migränepatienten ein innovatives Behandlungskonzept anbieten. Die optimale Therapie ist wie ein Puzzle, denn das Gehirn von Migränepatienten verarbeitet Reize schneller und intensiver als das von Gesunden, weshalb es den Betroffenen schwer fällt, abzuschalten. Regelmäßiger Sport kann ein erster Schritt sein, der Reizüberflutung Herr zu werden und dem Kopf eine Pause zu verschaffen.

Besonders wichtig sind Entspannungstechniken, weil die Patienten lernen, das Erregungsniveau des Gehirns auch im Alltag und in Stress-Situation zu reduzieren. Charly Gaul erläutert: „Wenn es den Patienten nicht gelingt, an der Form ihrer Lebensführung etwas zu verändern, dann wird das Problem des häufigen Kopfschmerzes bestehen bleiben. Und das lässt sich durch eine medikamentöse Therapie allenfalls etwas verschieben. Am besten profitieren die Patienten bei uns, die mitnehmen: ich muss was ändern, regelmäßige Pausen einlegen, ich muss vielleicht auch das eine oder andere Problem beruflich oder privat tatsächlich in Ordnung bringen, dann geht es mir besser.“

Medikamente kein Allheilmittel

In ausführlichen Schulungen werden die Patienten zur Selbsthilfe angeleitet und über bekannte Ursachen, schmerzauslösende Faktoren und Symptome informiert. Außerdem lehren die Essener Kopfschmerz-Spezialisten Strategien, wie sich die Häufigkeit und Intensität der Kopfschmerzen reduzieren lässt. Ebenso wichtig ist es, die geeigneten Medikamente für den jeweiligen Patienten zur Akuttherapie und Prophylaxe zu finden. Genau richtig dosiert und richtig eingenommen sind sie ein Segen. Werden sie aber zu lange eingenommen, verursachen sie paradoxerweise selbst Kopfschmerzen.

Charly Gaul betont, dass Medikamente allein daher nicht genügen, um Migräne dauerhaft zu bekämpfen und einer Attacke vorzubeugen: „Nur wenn der Patient selbst Experte für seine Kopfschmerzerkrankung ist, kann er die Wertigkeit von Therapien einschätzen, an seinem eigenen Verhalten merken, wo die Probleme liegen, sich mit seinem Kopfschmerztagebuch selbst betreuen, und feststellen, wann Risikosituationen auftreten, und individuell darauf eingehen und auch rechtzeitig zum Arzt gehen, wenn er merkt ihm entgleitet es und die Zahl der Kopfschmerztage steigt wieder rasch an.“

Deshalb wird der Erfolg der Behandlung regelmäßig per Telefon kontrolliert. Ziel des Essener Modells ist es, die Anzahl der Kopfschmerztage und Fehlzeiten am Arbeitsplatz um fünfzig Prozent zu reduzieren. Bei über der Hälfte der Patienten wird dieses Ziel erreicht. Für Migräne-Patienten bedeutet dies sehr viel weniger Schmerzen und einen enormen Gewinn an Lebensqualität.

Markus Hubenschmid

Letzte Änderung am: 16.07.2009, 11.26 Uhr

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