aus der Sendung vom Donnerstag, 4.6.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Die Pharmaindustrie bringt immer neue Medikamente auf den Markt. Daran ist erst einmal nichts verkehrt - vorausgesetzt sie wirken und sind sicher. Aber die neuen Wirkstoffe fordern auch eine ständige Fortbildung der Ärzte. Nur so ist gewährleistet, dass die Mediziner immer auf dem neusten pharmazeutischen Stand sind. Eine kleine aber nicht unerhebliche Frage muss in diesem Zusammenhang gut bedacht werden: Wer finanziert - und wie unabhängig ist - diese Fortbildung?
Ärzte - auch Chefarzt Wolf Dieter Ludwig von der Berliner-Helios-Klinik - sind in Deutschland verpflichtet Fortbildungspunkte zu sammeln, um medizinisch auf dem Laufenden zu bleiben. Damit soll sichergestellt werden, dass die Patienten die beste Medizin bekommen. Für uns besucht Wolf Dieter Ludwig eine Internet-Fortbildung, in der immer mehr seiner Kollegen ihre Fortbildungspunkte bequem und kostenlos sammeln.
Pro-CME heißt das Fortbildungsportal das Pharmagigant Pfizer und der Thieme-Verlag gemeinsam betreiben. Ganz offen erkennbar finanziert von der Pharmaindustrie – wie übrigens circa 90 Prozent der Internetfortbildungen. Nach einer Lehreinheit gilt es, einen Multiple Choice -Test zu bestehen.
Wolf Dieter Ludwig, Mitherausgeber des pharmakritischen Arzneimittelbriefes, sieht von der Industrie unterstützte Fortbildungsportale generell kritisch: „Ich halte das für sehr problematisch, weil die Pharmaindustrie mit dieser Internetfortbildung natürlich ihre eigenen Interessen verfolgt. Häufig unter Mitwirkung sogenannter medizinischer Experten, die ihre Interessenkonflikte nicht deklarieren, werden Botschaften verbreitet, die eindeutig für die Wirkstoffe des jeweiligen Herstellers mehr oder weniger indirekt werben. Und das wird verbunden mit dem Eindruck einer seriösen Fortbildung, die in der Regel aber keine seriöse Fortbildung ist, sondern eine reine Werbemaßnahme.“
Werbung statt Fortbildung: ein schwerer Vorwurf. Wir suchen Rat bei Dr. Wolfgang Becker-Brüser. Der Arzt und Apotheker ist seit Jahrzehnten Pharmakritiker und gibt den werbefreien Informationsdienst „Arzneitelegramm“ heraus. Der Berliner Medizinjournalist zeigt uns, dass es ein Leichtes ist, den Vorwurf fehlerhafter, ja irreführender „Fortbildung“ im Internet zu belegen. Zum Beispiel beim „Basiskurs zu Osteoporose“. In dem Fortbildungsportal EuMeCom wird der Wirkstoff Strontiumranelat vollmundig angepriesen. Er senke das Risiko für Knochenbrüche dramatisch. Allerdings, merkt Becker-Brüser an: „Es wird nicht gesagt wie gefährlich das Medikament ist, also dass lebensgefährliche Thrombosen und Lungenembolien passieren können. Dass lebensgefährliche Überempfindlichkeitsreaktionen vorkommen können. Und dass die Langzeitsicherheit nicht gesichert ist. Es gibt Hinweise aus Tieruntersuchungen, dass Krebs entstehen kann und dass sogar der Knochen geschädigt werden kann.“
Auf unsere Nachfrage gibt sich EuMeCom einsichtig und räumt das Fehlen von Hinweisen der lebensgefährlichen Nebenwirkungen ein. Das Angebot soll nun entsprechend zu korrigiert werden.
Wolfgang Becker-Brüser zeigt uns weitere Beispiele irreführender Fortbildungsinhalte. Diesmal im Portal ProCME von Pfizer und Thieme. Es geht um die Behandlung von Lungenentzündung. Hervorgerufen durch Bakterien, die gegen viele Antibiotika resistent sind. Das Pfizer-Antibiotikum Linezolid wird dort als überlegen dargestellt und sogar als Mittel der allerersten Wahl angepriesen. Objektive Information? Becker-Brüser meint: nein! „Also erste Wahl ist zu hoch gegriffen. Das Mittel ist ein absolutes Reservemittel. Es haben andere Mittel Vorrang. Und der Grund ist unter anderem, dass es Verdacht auf erhöhte Sterblichkeit bei bestimmten Anwendungen gibt, dass Schäden am Blutbild auftreten können und dass die Studien, auf die sich hier berufen wird, von Firmenmitarbeitern und bezahlten Gutachtern geschrieben worden sind. Und so etwas ist eigentlich Marketing und keine seriöse Fortbildung oder Wissenschaft.“
In einer Studie wirkte der Wirkstoff nämlich nur bei einer bestimmten Bakterienart. Diese Bakterien müssen vor der Behandlung nachgewiesen werden, sonst ist die Behandlung lebensgefährlich. Das wird in der Fortbildung nicht deutlich erklärt.
Wir haben Pfizer um Stellungnahme gebeten. Pfizer stellt fest, dass die Darstellung dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entspricht. Und dass es im Fortbildungstext heißt, der Wirkstoff ist, Zitat: „ ..zur Behandlung von schweren Haut- und Weichteilinfektionen nur dann angezeigt, wenn ein Test ergeben hat, dass die Infektion durch empfindliche gram-positive Erreger verursacht ist.“
Die Landesärztekammer Nordrhein hat dieses Fortbildungsangebot zertifiziert, also amtlich abgesegnet. Ohne jedoch wirklich hinter dem Modell zu stehen. Das zeigt das Statement des Geschäftsführers Dr. Robert Schäfer: „Ich denke, dass die Fortbildung, die eine bestimmte Finanzierung braucht, denn sie kostet Zeit und damit Geld, nicht den Umweg über die Pharmaindustrie oder andere Formen der Industrie nehmen muss, um beim Arzt anzukommen. Wir halten es für vertretbar, dass diese Fortbildungen aus unabhängiger Quelle finanziert werden.“
Dr. Becker-Brüser freut sich über diese Aussage: „Den Herrn kann man nur unterstützen. Und ihm sagen: dann soll er auch die Konsequenzen daraus ziehen und solche Fortbildung, die von der Industrie finanziert wird, grundsätzlich kippen und nicht zertifizieren.“
Aber was ist mit den Kosten für die Fortbildung, die bisher die Pharmaindustrie so großzügig übernimmt? Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Präsident der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, klärt da ein Missverständnis auf: „Diese angeblich kostenlose Fortbildung ist natürlich keineswegs kostenlos. Die pharmazeutische Industrie hat die Gelegenheit, kostenlos für Ihre Wirkstoffe zu werben, denn wir bezahlen diese Fortbildung indirekt über die hohen Arzneimittelpreise. Ganz klar. Die Industrie investiert nur dann, wenn sie auch weiß, dass sie für diese Investitionen mehr zurückbekommt als sie investiert hat.“
Bis auf weiteres sind also kritische Ärzte gefragt, die sich für Ihre Patienten aus unabhängigen Quellen informieren. Und für die Zukunft ist zu hoffen, dass die medizinische Selbstverwaltung oder der Gesetzgeber dieser Pseudofortbildung möglichst bald ein Ende bereitet.
Letzte Änderung am: 04.06.2009, 14.59 Uhr