aus der Sendung vom Donnerstag, 4.6.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Dass es in der Pharmabranche immer um große Summen geht, zeigt sich auch bei der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Diese erste Impfung überhaupt gegen Krebs, für die der deutsche Krebsforscher Harald zur Hausen einen Nobelpreis bekommen hat, wurde mit hohen Erwartungen eingeführt. Jetzt muss dieser Schutz vor Krebs nur noch finanziert werden. Wir haben hinter die Kulissen geschaut um herauszufinden, wie die Pharmaindustrie dabei ihre Pfründe sichert.
In einem Werbespot des Deutschen Grünen Kreuzes blickt Jette Joop dem Zuschauer tief in die Augen und sagt: „Als Mutter erlebe ich, wie schnell meine Tochter groß wird. Ich will nicht, dass Gebärmutterhalskrebs dieses Leben in Gefahr bringt. Deshalb schütze ich meine Tochter schon heute vor dem Virus, das den Krebs verursachen kann. Tun Sie es auch! Fragen Sie ihren Arzt!“
Der Spot lief wochenlang zig mal pro Tag auf nahezu allen Privatkanälen im Fernsehen. Eine teure Angelegenheit – wie viel genau das gekostet hat, will mir das Grüne Kreuz aber nicht sagen. Jette Joop, die verantwortungsbewusste Vorzeigemutti mit einer klaren Botschaft: Mütter, rettet eure Töchter! Dieser TV-Spot ist Teil einer groß angelegten Kampagne für ein Produkt, das Leben retten kann. Die Impfung gegen Krebs – so wird sie beworben.
Der Impfstoff schützt vor sogenannten Humanen Papillom Viren, kurz HPV. Diese Viren verursachen Zellveränderungen an der Gebärmutter, die zu Gebärmutterhalskrebs führen können. Der Impfstoff schützt vor einigen dieser Viren – nicht vor allen. Geimpft werden sollen Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Das Problem: die drei notwendigen Spritzen kosten rund 450 Euro - es ist die teuerste Impfung aller Zeiten. Wie bringt man so ein Produkt - mit einem so extrem hohen Preis - erfolgreich auf den Markt?
Rolf Rosenbrock ist Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit, einer hochkarätige Expertenkommission, die die Bundesregierung berät. Er beschreibt die Strategie der Impfstoffhersteller bei der Einführung der HPV-Impfung so: „Es ist zweifellos so, dass die Pharmafirmen, wie das in vielen anderen Fällen auch immer wieder dokumentiert worden ist, dafür gesorgt haben, dass nur positive Studienergebnisse in den wissenschaftlichen Journalen erschienen sind,“ sagt Prof. Rolf Rosenbrock. „Wir wissen auch, dass sie natürlich Druck machen, Zeitdruck machen, und sagen: jeder verlorene Tag sind neue verhinderte Krebsfälle. Dass sie dann in der Öffentlichkeit Druck machen und dadurch auch die Gremien unter Druck setzen, schnell zu entscheiden und das ist ihnen offensichtlich in diesem Fall auch gelungen.“
Die Pharmaindustrie macht diesen Druck nicht alleine. Staatlich geförderte Organisationen wie das Grüne Kreuz oder auch die Projektgruppe Zervita aus Tübingen propagieren ebenfalls massiv die HPV-Impfung. Für ihre Kampagnen bekommen die Organisationen Geld von der Industrie. Zahlreiche Seiten, die im Internet über die HPV-Impfung informieren sind gesponsert. Und sogar Info-Veranstaltungen an Schulen werden von der Pharmaindustrie finanziell unterstützt.
Aber es regt sich Widerstand gegen die HPV-Impfung. Eine Gruppe von Experten hat kürzlich eine Neubewertung der Impfung gefordert. Prof. Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft sagt: „Gegen die Impfung spricht derzeit, dass wir die Wirksamkeit langfristig nicht beurteilen können. Gegen die Impfung spricht auch, dass wir nicht wissen wie lange die Immunität, dass heißt die Abwehr gegen diese Virusinfektion anhält, und gegen die Impfung spricht insbesondere der sehr hohe Preis, der enorme Ressourcen in unserem Gesundheitssystem bindet.“
Wenn alle Mädchen in Deutschland, für die die Impfung empfohlen wird, tatsächlich geimpft werden, kostet das rund eine Milliarde Euro - und dann weitere 180 Millionen - jedes Jahr. Viel zu viel, sagen die Kritiker. Die Hersteller sehen das anders: „Der Preis ist tatsächlich in diesem Fall ein Preis, der es wert ist gezahlt zu werden,“ sagt Gundula Schneidewind von der Impfherstellerfirma Sanofi-Pasteur MSD. „Denn wir haben es ja hier nicht mit einer Bagatelleerkrankung zu tun sondern es geht hier tatsächlich um Krebs.“ Aber um einen seltenen. Knapp 100.000 Frauen sterben jährlich an Krebs – weniger als zwei Prozent davon an Gebärmutterhalskrebs.
Eine Gruppe von Experten aus Bielefeld und Berlin hat jüngst ein Gutachten zur HPV-Impfung vorgelegt. Für die Gesundheitsökonomen ist die alles entscheidenden Frage: Ist die Impfung kosteneffektiv, sprich: ihr Geld auch tatsächlich wert? Der Gesundheitswissenschaftler Oliver Damm erklärt mir den entscheidenden Knackpunkt dabei: wie lange hält der Impfschutz? „Wenn der Impfschutz sehr langfristig andauert, also fast lebenslang, dann ist auf jeden Fall von einer Kosteneffektivität der Impfung auszugehen,“ sagt Oliver Damm von der Universität Bielefeld. „Wenn diese Schutzdauer vielleicht nun doch nur 10 oder 20 Jahre bestehen sollte, ist diese Kosteneffektivität durchaus gefährdet.“
Wenn nachgeimpft werden muss, könnte es also zu teuer sein. Die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, hat die HPV-Impfung kurz nach ihrer Zulassung in ihren Empfehlungskatalog aufgenommen. Deshalb müssen die Krankenkassen – also wir Beitragszahler – die teure Impfung bezahlen. Der Preis hat für den Vorsitzenden der STIKO, Prof. Friedrich Hofmann, und seine Kollegen keine Rolle gespielt, sagt er.
Was die Dauer des Impfschutzes angeht, war zunächst allerdings von einer lebenslangen Impf-Effektivität die Rede. Das klingt heute anders: „Man muss bei Totimpfstoffen eigentlich immer nachimpfen,“ sagt Prof. Friedrich Hofmann. „Die Frage ist nur wann. Es gibt Impfstoffe, da muss man das nach 20 Jahren tun, vermutlich, es gibt Impfstoffe, da muss man schon nach drei Jahren nachimpfen.“
Wie es bei der HPV-Impfung ist, weiß noch niemand genau. Die Experten aus Bielfeld und Berlin schlagen in Ihrem Gutachten deshalb vor, schon jetzt für den Fall der Fälle vorzusorgen – damit die Kosten später nicht aus dem Ruder laufen: „Es wäre zu empfehlen, dass die Hersteller sich dann an den Zusatzkosten beteiligen,“ sagt der Gesundheitswissenschaftler Oliver Damm. „Beispielsweise, dass sie sich in sogenannten Risikoteilungsverträgen dazu bereit erklären würden, falls aufgrund des nachlassenden Impfschutzes weitere Auffrischimpfungen nötigt sind, dass diese dann von den Herstellerfirmen bezahlt werden.“
Auf unsere Anfrage schreibt die Herstellerfirma Sanofi-Pasteur MSD dazu: „Alle Ergebnisse aus den klinischen Studien und derzeitigen Nachbeobachtungen deuten darauf hin, dass die HPV-Impfung lang anhaltenden Schutz bietet. Sie löst ein immunologisches Gedächtnis aus, was unter Fachleuten als das Hinweis für Langzeitschutz gilt. Wir sehen deshalb keinen Grund, über eine Auffrischungsimpfung zu spekulieren.“
GlaxoSmithKline antwortet wie folgt: „Auf Grund der bisherigen Studienergebnisse ist GSK der Überzeugung, dass unser Impfstoff einen langanhaltenden Schutz bietet. Eine Auffrischimpfung ist daher bislang für Cervarix nicht vorgesehen. Sollte die zuständige Zulassungsbehörde tatsächlich irgendwann einmal eine Auffrischimpfung für Cervarix empfehlen, können wir uns für diesen Fall durchaus vorstellen, in etwaigen Vereinbarungen mit Krankenkassen eine entsprechende Bestimmung aufzunehmen.“
Bis dahin dürften die Hersteller noch satte Gewinne mit dem HPV-Impfstoff einfahren. Denn von den zuständigen Stellen wird bislang nicht am Preis gerüttelt. Eigentlich unverständlich. Die Kampagne für die HPV-Impfung dürfte nicht zuletzt deshalb so erfolgreich sein, weil sich die Impfstoffhersteller diskret im Hintergrund halten, wo sie ihre Lobby-Interessen fast unbemerkt von der Öffentlichkeit durchsetzen können. Auch dafür zahlen am Ende die Zeche wir, die Beitragszahler.
Letzte Änderung am: 04.06.2009, 12.36 Uhr