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Fernsehen im SWR

Disneyland Natur

aus der Sendung vom Donnerstag, 28.5.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Bundesgartenschauen sind bei Bürgermeistern beliebt: Sie locken Millionen Besucher und noch mehr Fördergelder in die Stadt. Doch der schöne Schein hat dunkle Schattenseiten: Wo die konservative Gartenlobby hinkommt, gibt es keinen Platz für moderne ökologische Konzepte. Und: während die Gartenbauer garantiert auf ihre Kosten kommen, bleiben immer mehr Städte auf ihren Schulden sitzen.

In diesem Jahr ist der Schlosspark von Schwerin Mittelpunkt der Bundesgartenschau. Es ist die dreißigste in der Geschichte der Bundesrepublik, die mit Natur aus dem Katalog Besuchermassen anlocken soll. Auch Schwerin setzt auf diese traditionelle Masche: Ein Disneyland für Gartenfreunde.

Die Kahlschlagmethode

Dafür wird im Vorfeld einer Bundesgartenschau mit Maschinen erst einmal „gründlich aufgeräumt“. Auch in Schwerin fielen schöne alte Bäume der Kettensäge zum Opfer, um „planvoller Gestaltung“ Raum zu geben. „An dieser Stelle hat man über 200 alte Linden gefällt - zur BUGA waren sie angeblich nicht mehr standortgerecht. Man hat sie durch junge ersetzt. Warum man sich so entschieden hat, ist nicht nachvollziehbar", beklagt Arndt Müller vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Die Kahlschlagmethode soll auch dem bayerischen Städtchen Kitzingen ein neues Outfit verleihen. Dort bereitet man sich auf die Landesgartenschau 2011 vor. Die Bürger sind empört. Für sie macht es keinen Sinn, gewachsene Natur platt zu machen um dann Natur aus dem Ikea Katalog her zu zaubern.

Gewachsenes optimieren

Solche radikalen Eingriffe in die Natur haben System. Das weiß Gartenbauexperte Professor Jürgen Milchert aus langjähriger Erfahrung und merkt an: „Die Gärtner glauben, von ihnen würde erwartet, in relativ kurzer Zeit mit gewaltigem Technikeinsatz immer etwas Neues zu erstellen. Viel spannender wäre es, man würde in ökologischer Weise mit den Dingen umgehen. Man würde sich eben sorgfältig den Bestand angucken, würde dann die alten Bäume auch mit in die Gestaltung einbauen, um damit auch so ein gegenseitiges Wachsen zu ermöglichen.“

Die erste Bundesgartenschau

1951 fand in Hannover die erste Bundesgartenschau statt. Im Stadthallengarten, dem heutigen Stadtpark, konnten die Menschen der Tristesse des Nachkriegsdeutschlands entfliehen. Die Anlagen kamen ihrer Liebe zum geordneten Gartenidyll - ohne störenden Wildwuchs – entgegen. Diese Liebe ist offenbar etwas typisch Deutsches, glaubt Prof. Jürgen Milchert: „In der Gartenkultur gibt es Mentalitätsunterschiede zwischen den Völkern, und die deutsche Gartenkultur scheint mir besonders prägnant darauf ausgerichtet zu sein - auf Schrebergärten und auf Gartenschauen. Beides sind eigentlich Formen, die so eine vereinsmäßige Organisation haben und beides ist eigentlich auch einmalig in der Welt.“

Kniefall vor der Gartenlobby

Bei der Eröffnung der Bundesgartenschau 1967 in Karlsruhe verkündete der damalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Hans Filbinger, das Credo solcher Veranstaltungen: „Sie wissen, dass der Mensch nicht allein in der Welt der Kräne und Öltanks, der Kontore, der Hafenanlagen und Raffinerien leben kann. Dass er das Schöne, die Freude, die Harmonie braucht. Diese beseelte und beseelende Schönheit findet er hier in den neu gestalteten Grünanlagen.“

Doch hinter der „Blümchenromantik“ steckt bis heute ein knallhartes Geschäft. Davon profitieren in erster Linie die Garten- und Landschaftsbaubetriebe, ist ihnen doch der Geldsegen aus öffentlichen Mitteln sicher. „Also es ist so, dass eine Gartenschau eine Werbeveranstaltung des Gartenbaus ist. Und das Interessante für den Gartenbau ist dann natürlich auch das Gartenschauprogramm, das immer gleich ist. Also es fängt irgendwann mit den Tulpen an und hört mit den Dahlien auf. Die Schwierigkeit in finanzieller Hinsicht liegt darin, dass das finanzielle Risiko ausschließlich bei der Stadt hängen bleibt, dass damit die Bürger letzten Endes auch das finanzielle Risiko tragen“, kritisiert Landschaftsarchitekt Jürgen Milchert.

Beton statt Natur

Die Schweriner Stadtväter haben sich eine rund zehn Millionen Euro teure Betoninsel aufschwatzen lassen - gepriesen als modernes Landschaftsdesign. Die Oberbürgermeisterin findet dafür überschwängliche Worte: „Wir haben den Burgsee durch eine, finde ich, sehr intelligente, kreative aber auch moderne Architektur erweitert. Und eine schwimmende Wiese geschaffen, die natürlich nicht schwimmt, sondern einen festen Block bildet.“

Von diesem festen Block ist Prof. Milchert alles andere als begeistert: „Also diese Insel in Schwerin, die finde ich einfach daneben, weil sie so den Archetypus einer Insel nicht widerspiegelt. Eine Insel hat etwas Schwebendes und durch den Beton hat das eher so etwas Massives.“

Fehlplanungen auf Kosten des Steuerzahlers

Gartenschauen erweisen sich häufig als finanzielle Abenteuer. Rainer Holznagel vom Bund der Steuerzahler bringt es auf den Punkt: „Man kann nicht negieren, dass viele Projekte in Gänze sehr teuer für den Steuerzahler geworden sind und dass oftmals die Nachnutzung nicht da ist. Das heißt, wir haben für einen kleinen Zeitraum eine BUGA die sehr viel Geld kostet, und am Ende ist nichts gewesen außer Spesen.“

Auslaufmodell Gartenschau?

Gartenschauen nach Schema F haben längst an Attraktivität verloren. Neue Konzepte sind gefragt, meint Prof. Jürgen Milchert: „Wenn man jetzt versucht, die wirklich relevanten Themen in die Gartenschauen hineinzubringen, also zum Beispiel das Thema der Ökologie oder das Thema eines Mehrgenerationengartens oder das Thema eines gesundheitlich orientierten Gartens, dann würde man eben viel mehr Leute erreichen und man könnte das durchaus Positive am Garten herausstellen. Der Garten ist ein Bereich der alle Schichten interessiert. Und das ist ein Pfund mit dem man viel stärker wuchern muss.“

In Deutschland haben Gartenschauen eine lange Tradition. Es ist längst an der Zeit, dass sie sich endlich vom einfallslosen „Disneylandimage“ verabschieden.

Hans Jürgen von der Burchard

Letzte Änderung am: 28.05.2009, 00.35 Uhr

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