SENDETERMIN Do, 14.5.2009 | 22.00 Uhr

Kein TÜV für Prothesen – noch!

Michael Ringelsiep

Auf der Mängelliste der Medizinprodukte immer wieder ganz oben: gebrochene Hüftprothesen. Von knapp 170.000 Implantaten, die in Deutschland jährlich eingesetzt werden, sind schätzungsweise 5.000 fehlerhaft. Hinter solchen Zahlen stecken Menschen, für die ein Materialfehler nicht nur lange und mühsame Rechtsstreitigkeiten um Schadenersatz bedeutet, sondern vor allem neue Operationen und Schmerzen.

Mann lehnt sich an einer Wand eines Torbogens an

Bruch der Hüftgelenksprothese.

Einer von ihnen ist Peter K. Seine Hüftprothese hielt nicht die versprochenen fünfzehn, sondern nur drei Jahre: „Also ich bin in die Stadt gegangen, um einige Einkäufe zu erledigen. Da vorne auf der Straße hörte ich plötzlich ein Geräusch, als sei ein Hühnerbein zerbrochen. Es hat Knack gemacht und ich bin ins Schlingern gekommen. Ich habe mich an der nächsten Hauswand festgehalten. Ich habe mich dann bis zur nächsten Sitzgelegenheit vorwärtsgetastet. Als ich dann saß, habe ich gemerkt: das Gelenk läuft nicht mehr rund. Ich konnte nur noch das Bein hochhalten und dabei hat es ein Geräusch gegeben, wie in einem alten Edgar Wallace Film, als würde eine Burgtür aufgemacht.“

Häufige Materialfehler

Die linke, künstliche Hüftprothese war gebrochen. Inzwischen trägt Peter K. eine neue, zweite Prothese. Sein Anwalt vermutet, dass ein Materialfehler vorliegt. Nun versuchen Werner Kachler vom Zentrum für Werkstoffanalytik Lauf und Ulrich Holzwarth, Deutschlands einziger Gerichtsachverständiger für Prothesen, zu klären, wie es zu dem Bruch kam. Sollte der Hersteller schuld sein, will Jörg Heynemann ein Schmerzensgeld in Höhe von 25.000€ fordern: „So etwas passiert öfters. Es gibt regelrechte Serienschäden, wo es bei einem Produkt zu einer Vielzahl von Brüchen kommt. Es können auch Gießfehler zu Brüchen führen. Es ist auf jeden Fall kein Einzelfall“, so der Anwalt für Medizinrecht.

Rund 170.000 Hüftprothesen wurden 2007 eingesetzt - etwa 5.000 davon waren fehlerhaft. Das sind allerdings nur Schätzungen. Denn es gibt in Deutschland kein Prothesenregister das den Operationsverlauf und den Austausch gebrochener Implantate zentral erfasst.

Große Auswahl an Prothesentypen

Dabei ist der Markt gigantisch. Es gibt über 180 Hersteller weltweit. Hunderte von Prothesentypen stehen den Chirurgen zur Auswahl. Rein theoretisch. Denn immer öfter entscheidet nicht der Arzt sondern die Buchhaltung, welche Prothesen für die Operationen bereitgestellt werden.

Jörg Heynemann weiß: „Manche Krankenhäuser beziehen sogar nur Produkte von einem Hersteller, weil sie von dem einen Mengenrabatt bekommen. Es gibt sogar Fälle, wo Chirurgen an der Entwicklung einzelner Produkte beteiligt sind. Das halte ich für problematisch, weil nicht alle Produkte dieses Herstellers gut sein müssen. Der Patient hat dort keine Wahl mehr.“

Intransparente Abrechnung

Nur der behandelnde Arzt und der Patient selbst wissen später, welcher Implantat-Typ bei der Operation eingesetzt wurde. Die Krankenkassen erfahren keine Details. Sie rechnen mit den Kliniken über Fallpauschalen ab, durchschnittlich rund 8.000 Euro pro Hüftgelenk-OP. Ein untragbarer Zustand, denn sollte sich später herausstellen, dass das eingesetzte Implantat aus einer Serie mit Produktionsfehlern stammt, sind die betroffenen Patienten nicht mehr zu ermitteln.

Zwei Männer vor Analyse-Geräte und drei PC-Bildschirmen mit mikroskopischen Fotos und Meßkurven

Suche nach Materialfehler

Wenn die gebrochene Prothese aufbewahrt wird, kann der Gerichtsgutachter Ulrich Holzwarth in der Regel ermitteln, ob ein Material- oder Herstellerfehler den Schaden verursacht hat. Bei der Prothese von Peter K. ist der Fall allerdings etwas komplizierter, weil nur der Schaft erhalten ist. Der Hüftkopf verschwand nach der Operation. Am Rasterelektronenmikroskop begutachten die Experten die Bruchstelle. Der Schaden wurde auch bereits beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet.

Wie viele defekte Hüftprothesen in den vergangenen Jahren eingegangen sind, weiß die Behörde nicht. Sie informiert nur den Hersteller und veröffentlicht die Mängel im Netz, zusammen mit allen anderen Eingängen. Wer sich informieren will, muss stöbern. „Im Gegensatz zu vor fünf Jahren melden die Hersteller mehr und mehr ihre Vorkommnisse. Trotzdem haben wir immer noch zu wenig Meldungen - vor allem von Seiten der Operateure, die gebrochene Implantate explantieren“, sagt Ulrich Holzwarth.

Prothesenregister soll kommen

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) - das oberste Gremium der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken - plant deshalb, ein zentrales Prothesenregister einzuführen. Als Vorbild dient Schweden. Dort werden alle Implantate in einer Datenbank erfasst. Die Zahl der Reparatureingriffe geht seitdem stetig zurück. In Deutschland wird derweil noch heftig gestritten, wie man die Daten auswertet, verschlüsselt und im Schadensfall rekonstruieren kann.

Den Schuldigen zu finden ist auch das Anliegen von Peter K.: „Mein Recht ist, dass derjenige gefunden wird, der für den Bruch verantwortlich ist. Meiner Meinung nach ist die Lebensdauer eines Hüftkopfes wesentlich länger drei Jahre. Es muss einen Verantwortlichen geben. Ich bin das nicht!“

Der Schadensersatzprozess läuft. Die Chancen stehen gut. Für Peter K. ein schwacher Trost, denn seit der zweiten OP ist sein linkes Bein kürzer und sein neues Kunstgelenk springt regelmäßig aus der Pfanne.

Stand: 14.05.2009, 15.18 Uhr

aus der Sendung vom

Do, 14.5.2009 | 22.00 Uhr

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.