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Fernsehen im SWR

Gefälschte Medikamente

aus der Sendung vom Donnerstag, 7.5.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Immer mehr Menschen kaufen Pillen im Internet: weil sie billig sind oder weil man kein Rezept braucht, um an bestimmte Mittel zu kommen. Doch sie riskieren damit ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben. Denn die Hälfte aller Lifestyle-Pillen beispielsweise, die im Internet angeboten werden, sind gepanscht und gefälscht - ihre Risiken und Nebenwirkungen sind unberechenbar. Für die Fälscher ist es ein lohnendes Geschäft: Die Gewinnspannen sind zum Teil höher als im üblichen Drogenhandel. Mit Rohstoffen im Wert von 100 Euro lassen sich bis zu 10.000 Euro verdienen. Kein Wunder also, dass immer neue Arzneimittelfälschungen im Internet auftauchen.

Das Problem: Original und Fälschung sind meist nicht zu unterscheiden. Doch schon eine einzige solche Pille kann schlimmste Folgen haben, weiß Professor Andreas J. Gross, Chefarzt der Asklepios Klinik Hamburg-Barmbek: „In letzter Konsequenz können solche Medikamente alle erheblichen Krankheiten nach sich ziehen. Und diese Krankheiten können in letzter Konsequenz tödlich sein.“

Markenmedikamente für wenig Geld

Medikamente sind in der Apotheke relativ teuer. Eine Bestellung im Internet könnte da viel Geld sparen. Zum Beispiel das Schmerzgel Voltaren: In der Apotheke kostet eine Tube 12;95 Euro, im Internet 9,85. Das Erkältungsmittel Meditonsin kostet in der Apotheke 17,98 Euro, im Internet nur 12,65. Die Billigangebote sind verlockend, aber das Risiko ist groß: zehn Prozent aller Internet-Medikamente sind gefälscht. Skepsis ist also angebracht.

Besonders betroffen sind so genannte Lifestyle-Medikamente zur Rauchentwöhnung, gegen Haarausfall sowie Schlankheits- und Potenzmittel. Davon ist sogar jedes zweite Angebot im Internet eine Fälschung. Das hat das Zentrallabor Deutscher Apotheker ermittelt. Und die Zahl der Fälschungen nimmt weiter zu.

Die Hälfte der bestellten Mittel war gefälscht

Die Tester haben bei ausländischen Internet-Versand-Apotheken Potenz- und Haarwuchsmittel bestellt. Das Ergebnis fasst Dr. Mona Tawab vom Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker so zusammen: „Davon waren die Hälfte gefälschte Präparate insofern, dass in vier Präparaten überhaupt kein Wirkstoff enthalten war und in zwei Präparaten der Wirkstoff in zu geringer Dosierung.“

Gefälschte Medikamente sind nur durch Laboruntersuchungen zu erkennen. Aber es gibt Indizien: Wenn verschreibungspflichtige Medikamente ohne Vorlage eines ärztlichen Rezeptes verschickt werden, stimmt etwas nicht. Oder wenn Tabletten einfach in Plastiktüten verschickt werden, ohne Packung und ohne Beipackzettel. „Oftmals ist es auch so, dass die Fälscher sehr geschickt vorgehen. Und zwar verpacken sie die Tabletten in so eine Art Aluminiumfolie, die oftmals auch noch mit einer schwarzen Pappe umhüllt ist. So dass man eigentlich auch mit Röntgenkontrollen diese Tabletten überhaupt nicht erkennen kann“, erklärt Dr. Mona Tawab.

Postsäcke voller gefälschter Medikamente

Trotzdem hat der deutsche Zoll allein im vergangenen Jahr 3.200 verschiedene Sendungen mit gefälschten Arzneimitteln beschlagnahmt – überwiegend diskret verpackte Medikamente, die an deutsche Abnehmer verschickt wurden. Dazu Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt Köln: „Es ist so, dass wir Medikamente vor allen Dingen auf dem Postweg sicherstellen. (...) Hier kommen ganze Postsäcke mit einzelnen Medikamenten an; hier beispielsweise ein schmerzstillendes Medikament: Die werden vor allem aus asiatischen Bereichen angeboten...“

Die meisten Fälschungen werden unter katastrophalen hygienischen Umständen produziert. Ein lukratives Geschäft: Geschätzter Umsatz weltweit pro Jahr: 26 Milliarden Dollar. „Diese 26 Milliarden Dollar durch Personen geteilt – dann muss das eine irrsinnige Zahl von Menschen sein, die mit diesen falschen Medikamenten ’rumlaufen, hantieren und spielen – und die spielen mit dem Feuer“, so Prof. Andreas J. Gross.

Schutz vor Fälschungen?

In den regulären Apotheken ist die Gefahr, Fälschungen zu bekommen, gering. Der Vertriebsweg vom Hersteller zur Apotheke sei sicher, so die Apotheker. Außerdem gebe es Vorkehrungen gegen Fälschungen, erklärt Apotheker Andreas Hintz: „Es gibt eine Reihe von verschiedenen Sicherheitsmerkmalen. Die betroffenen Hersteller haben sich früh darauf eingestellt, ihre Produkte original zu kennzeichnen. Eigentlich kann man per se schon ’mal sagen: so lange Tabletten eingeblistert sind, das heißt in solche Aluminiumfolien verpackt sind, ist das schon ein weiterer Schritt, wo eine Fälschung erschwert wird. Zum zweiten gibt es auf den Packungen Hinweise für den Patienten, dass nur Originalschachteln, die nicht geöffnet wurden, benutzt werden sollen; und einige Hersteller haben ihre Packungen zum Beispiel mit einem Hologramm versehen.“

Renommierte Internet-Apotheken wie der Versender Doc Morris, der seinen Sitz in den Niederlanden hat, erklären, ihre Medikamente seien genauso sicher wie die Pillen aus der Apotheke an der Ecke. Aber: wie kann man im Internet erkennen, ob ein Arzneiversand seriös ist?

Die Antwort: Er muss bestimmte Bedingungen erfüllen. Er braucht...

  • eine Erlaubnis zum Versandhandel,
  • ein Impressum mit Namen und Adresse,
  • ein Gütesiegel,
  • und er muss bei rezeptpflichtigen Medikamenten ein Rezept verlangen.

Nur wer beim Arzneimittelkauf per Internet auf diese Anforderungen achtet, hat eine Chance, den gerissenen Medikamentenfälschern zu entgehen und dadurch schwere gesundheitliche Schäden zu vermeiden.

Rainer Müller-Delin, Birgit Wärnke

Letzte Änderung am: 07.05.2009, 11.44 Uhr