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Fernsehen im SWR

Zweifel an Tamiflu

aus der Sendung vom Donnerstag, 30.4.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Als Wundermittel gegen Grippeviren wird Tamiflu angepriesen. Der Herstellerfirma Roche bringt es bei jeder Grippewelle – wie im vergangenen Jahr bei der Vogelgrippe-Pandemie – einen Absatzrekord und einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Schweizer Franken.

Doch Kritiker bezweifeln, ob Tamiflu tatsächlich hält, was Roche verspricht. "Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft empfiehlt keinen generellen Einsatz von Tamiflu im Zusammenhang mit der Grippe. Es gibt keine kontrollierten Studien, die belegen, dass Tamiflu oder andere Neuraminidase-Hemmer die Sterblichkeit verringern, erklärt der Vorsitzende Prof. Wolf-Dieter Ludwig. Und ob es überhaupt einen Personenkreis gibt, der von dem Medikament profitiert, ist die Meinung des Experten klar: "Im Zusammenhang mit der Grippebehandlung: Nein."

Risiken und Nebenwirkungen

Der Hersteller Roche dagegen wirbt in einer Patientenbroschüre im Internet für den Einsatz seines Umsatzbringers gegen die normale Grippe – frei nach dem Motto: "Das Übel an der Wurzel packen". Arzneimittelfachleute sehe diese Werbung als problematisch an. "Es wird vor allem nicht erwähnt, dass zum Beispiel auch die Symptome einer Grippeerkrankung durch Tamiflu nur um ein bis zwei Tage verkürzt werden," bemängelt Wolf-Dieter Ludwig, "Nebenwirkungen werden, wie immer bei derartigen Internetportalen, überhaupt nicht erwähnt. Es gibt Nebenwirkungen, auf die wir unsere Patienten hinweisen müssen."

Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. In Japan soll es 16 Fällen gegeben haben, in denen Jugendliche nach Einnahme von Tamiflu Selbstmord begangen hätten. Seit kurzem muss Roche vor solchen Risiken ausdrücklich in der Gebrauchsinformation warnen.

Nur schwach wirksames Mittel

Tamiflu soll jedoch auch vor Ansteckung mit Grippeviren im Fall einer weltweiten Pandemie schützen - dann, wenn ein hochansteckendes Virus millionenfach den Menschen angreift. Doch auch hier bezweifeln Kritiker, ob Tamiflu das leisten kann.

Peter Schönhöfer, Mitherausgeber der unabhängigen Pharmazeitschrift "arznei-telegramm", sagt: "Es müssen 15 Leute behandelt werden, um einen Infektionsfall zu verhindern. Es ist ein sehr schwach wirksames Mittel, aber da gar nichts vorhanden ist, zieht das Argument 'besser als gar nichts'."

Grippemittel für den Ernstfall

Trotz aller Kritik haben die Bundesländer Tamiflu für fast 200 Millionen Euro gebunkert. Die Hoffnung: Damit könne die Ausbreitung der Viren so lange verzögert werden, bis ein Impfstoff hergestellt ist.

Spitzenreiter Nordrhein-Westfalen hat für 30 Prozent seiner Bevölkerung eingelagert. "Es ist das beste im Moment Verfügbare, was wir haben," erklärt der Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium, Stefan Winter. "In der Medizin können Sie nie mit einer Hundertprozentwahrscheinlichkeit sicher sein, aber Sie haben auch einen Airbag im Auto, um einen schweren Unfall zu vermeiden und wissen auch nicht, ob da nicht doch etwas Schlimmeres passiert, als Sie wollen."

Andere Bundesländer sind da viel kritischer. Das Land Bremen und weitere nördliche Bundesländer haben viel weniger eingelagert, für nur 11 Prozent der Bevölkerung - wegen der Zweifel an der Wirksamkeit. Matthias Gruhl, Abteilungsleiter im Gesundheitsressort des Landes Bremen glaubt: "Wir sollten uns auf das beschränken, was zwingend notwendig ist und alles andere nicht für zweifelhafte Therapien einlagern." Die Tamiflu-Einlagerungen in NRW hält er für "sehr üppig".

Nur begrenze Haltbarkeit

Für eine zweifelhafte Sicherheit wird viel Steuergeld ausgegeben. Zudem ist Tamiflu nur begrenzt haltbar, und schon bald müssen die Länder Altbestände ersetzen. NRW will dann weitere Millionen ausgeben. Bremen müsste laut Matthias Gruhl in zwei bis drei Jahren beginnen, das Medikament zu ersetzen, aber: "Ich würde das sehr gerne in zwei Jahren diskutieren, wenn wir wissen, ob sich die Expertenmeinungen zur Vogelgrippe nicht inzwischen etwas verändert haben."

Auf Anfrage gibt selbst die Firma Roche zu: "Die verfügbaren Hinweise über die klinische Wirksamkeit von Oseltamivir (Tamiflu) gegen Vogelgrippe bestehen (...) aus Fallberichten, die sich auf kleine Patientengruppen beziehen. Bis dato konnte die Wirkung (...) nur in eingeschränktem Umfang untersucht werden."

Kein Wundermittel

Peter Schönhöfer vom "arznei-telegramm" befindet: "Bei dem geringen Ausmaß der Wirksamkeit wird durch die Einlagerung eine Sicherheit vorgespiegelt, die faktisch nicht da ist, denn es wird ja nur eine geringe Zahl an Infektionen tatsächlich verhindert."

Tamiflu ist kein Wundermittel. Weder gegen Grippe noch gegen Vogelgrippe. Es kann höchstens einige wenige Menschen vor Infektion bewahren. Mehr nicht.

Herbert Stelz

Letzte Änderung am: 30.04.2009, 10.51 Uhr

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