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SENDETERMIN Do, 26.3.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Spiel auf Zeit

Wer todkrank ist und zu Hause sterben möchte, hat ein Recht auf palliative Betreuung durch speziell ausgebildete Kräfte. Ziel dieser besonderen Betreuung ist nicht die Verlängerung der Überlebenszeit um jeden Preis, sondern das Leiden zu lindern und dem Sterbenden in den verbleibenden Tagen die größtmögliche Lebensqualität zu schenken. Der Gesetzgeber hat dieses Recht bereits vor zwei Jahren festgeschrieben. Doch noch immer tun sich viele Kassen schwer, das auch umzusetzen - weshalb immer noch 95 Prozent der Betroffenen zum Sterben in die Klink gebracht werden.

Otmar D. liegt im Sterben. So wie die meisten Todkranken möchte er in dieser schweren Situation in seiner vertrauten Umgebung sein, mit vertrauten Menschen um sich herum. Sein Wunsch konnte erfüllt werden: Er lebt bei der Familie seiner Schwester, die ihn auch pflegt. Regelmäßig bekommt der Schwerkranke Besuch von dem Palliativ-Mediziner Thomas Sitte. Der Arzt ist Teil eines Teams, das Todkranke zu Hause behandelt und betreut: „Wir versuchen im Team mit Ärzten, Pflegenden, Hospizlern, Krankengymnasten und vielen anderen, den Patienten eine Therapie zu ermöglichen, die ihnen die Tage, die sie noch haben, verbessert.“

Zuhause sterben

Gesunde Hand hält Hand eines sterbenden Menschen

Wunsch vieler Sterbenden: am Ende des Lebensweges nicht alleine zu sein.

Seit 2007 hat jeder das Anrecht auf palliativ-medizinische Versorgung in den eigenen vier Wänden. Laut Gesetzgeber müssen die Krankenkassen dafür aufkommen. Doch die Umsetzung läuft schleppend. Dabei ist es eigentlich ganz klar, wie die gesetzlichen Vorgaben in die Praxis umgesetzt werden sollen, erklärt der Frankfurter Sozialrechtler Professor Hermann Plagemann: „Das geschieht mit Hilfe ganz speziell ausgebildeter Teams. Dazu mussten zunächst Qualitätsstandards festgelegt werden. Das ist geschehen in einer Richtlinie des gemeinsamen Bundesausschusses. Nun existieren diese Teams. Und nun, das hat auch der Gesetzgeber angeordnet, müssen die Teams, Einrichtungen, Ärzte oder was das immer sind, mit den Krankenkassen in Verhandlungen zu Verträgen gelangen, die nicht nur die Qualitätssicherung beinhalten sondern auch die Vergütung.“

Angemessene Honorare

Streit um die Vergütung ist der Grund, warum einige der großen gesetzlichen Kassen bislang noch keine Verträge mit Palliativteams abgeschlossen haben. Nur die Ersatzkassen verhandeln derzeit in Hessen.

Deren Sprecher Hubert Schindler hofft auf eine einvernehmliche Lösung für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung, kurz SAPV: „Die neue Leistung für SAPV ist sehr komplex und die Palliativmediziner, die mit sehr viel Engagement und Menschlichkeit unsere Versicherten in der Vergangenheit versorgt haben, waren jetzt in einer Zwischenphase mit den Versorgungsverträgen, vereinbart mit 1.600 Euro pro Fall. Das ist für diese hochspezialisierte Versorgung für die Leistungserbringer nicht ausreichend. Die Forderung besteht bei 200 Euro pro Tag für die Vollversorgung.“

Hausärzte versus Palliativ-Mediziner

Das wäre sehr viel mehr als bisher, und auch sehr viel mehr als normale Hausärzte bekommen, die bislang überwiegend die Betreuung Todkranker zu Hause übernehmen. Die Palliativ-Teams, etwa in Gesundheitszentren, verweisen jedoch auf ihre besondere Qualifikation und darauf, dass sie einen ganzen Stab von Mitarbeitern beschäftigen.

Das sieht auch Dr. Jörg Simon so, der als Vorsitzender des Verbundes Hessischer Ärztenetze sowohl Hausärzte als auch Palliativärzte vertritt: „Der Gesetzgeber hat eine Lücke in der Versorgung einer bestimmten Patientengruppe schwerstkranker sterbender Menschen entdeckt. Der Hausarzt, der diese Menschen bisher flächendeckend versorgt hat, ist in solchen Situationen häufig überfordert. Diese Menschen leiden unter schwersten Schmerzen, Luftnot, Depressionen und Ängsten...“

... weshalb der Gesetzgeber vorgeschrieben hat, wie die Qualifizierung der ambulanten Palliativärzte aussehen soll. Dazu gehört beispielsweise die Fähigkeit große Wunden zu versorgen oder Lungenpunktionen und Bluttransfusionen zu Hause durchführen zu können. Auch die psychosoziale Betreuung erfordert spezielles Know-how.

Patienten klagen die Leistungen ein

Da etliche Kassen diese Leistungen nicht wie gewünscht bezahlen, ermutigen viele Palliativärzte ihre Patienten oder deren Angehörige, den vollen Leistungsanspruch einzuklagen. Denn wenn die Kassen diesen nicht zahlt, sind die Palliativteams gezwungen, umsonst oder gar nicht zu arbeiten. Zumal viele Versicherten die Differenz nicht selbst bezahlen können.

So war es auch bei Rainer Kaufhold. Seine Ehefrau starb vor einem Jahr. Bis zu ihrem Tod kämpften sie gemeinsam um Übernahme der gesamten Kosten des Palliativ-Teams. „Die Krankenkasse, die die zusätzlichen Kosten übernehmen sollte, lehnte ab. Obwohl die Ablehnung da war hat das Palliativzentrum weiter die Versorgung übernommen, um dem Wunsch meiner Frau zu entsprechen. Und deshalb klage ich jetzt vor dem Sozialgericht, um die zusätzlichen Kosten von der Krankenkasse erstattet zu bekommen“, erzählt Rainer Kaufhold.

Streit ums Geld

Dazu erklärt Dr. Thomas Sitte: „Die Kassen wissen, dass wir die Patienten nicht im Stich lassen. Jedes zweite Palliativ-Care-Team arbeitet auch, wenn die Kassen nicht zahlen. Die Unterfinanzierung, die Verluste werden immer größer. Wir versorgen die Patienten auf wirklich höchstem Niveau, da wo es überhaupt gemacht wird. Und einige Teams gehen mittlerweile schon pleite und müssen zumachen.“

Ein Streit ums Geld, der schnellst möglich beigelegt werden muss. Denn er belastet die Patienten und ihre Angehörigen. Otmar D. weiß, dass er von seinem Palliativteam bis zuletzt gut versorgt wird. Er wird zu Hause sterben, so wie er und seine Familie sich das gewünscht haben.

Nachtrag: Otmar D. ist einen Tag nach den Dreharbeiten gestorben. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, die Leistung der Palliativteams und seinen Anspruch auf diese Leistung öffentlich zu machen.

aus der Sendung vom

Do, 26.3.2009 | 22:00 Uhr

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