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Fernsehen im SWR

Würdig sterben

aus der Sendung vom Donnerstag, 26.3.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Palliativ-Medizin: der Begriff leitet sich vom lateinischen ‚pallium’, Mantel, ab. Die Idee: einen Schutzmantel um die unheilbar erkrankten Patienten zu legen. Ein Mantel, der möglichst alle Unannehmlichkeiten von den Todkranken fernhält, um ihnen am Ende so viel Lebensqualität zu bieten, wie es eben geht.

Die Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik in Aachen. Die Medizinerin Dr. Linda Bertram sitzt am Bett einer betagten Frau, die sich noch vor drei Wochen in ihrer Wohnung selbst versorgen konnte. Jetzt hat sie Mühe, einfache Sätze zu sprechen. Langsam kommen die Worte über ihre Lippen: „Jedes Leben hat‚ mal ein Ende. Und meins, hab ich das Gefühl, ist bald da.“ „Macht Ihnen das Angst?“, fragt Linda Bertram. Die Patientin antwortet ohne zu zögern: „Nein. Ich habe mein Leben gelebt. Das wär’s dann, was soll ich anderes dazu sagen.“

Worte, die Linda Bertram häufig hört. Von Patienten, die – wie Mediziner sagen – „austherapiert“ sind. Wo alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden – letztlich ohne Erfolg. Wo keine Heilung in Sicht ist, wird auch nicht mehr versucht, das Leben um jeden Preis zu verlängern.

Lebensqualität sichern

Linda Bertram erklärt die konkreten Ziele der Palliativ-Medizin: „Das viel wichtigere in der Palliativ-Medizin ist, dass man den Focus auf die Lebensqualität des Patienten legt. Dass man schaut, was für Symptome - Luftnot, Schmerz, Übelkeit, Erbrechen - was stört, was den Patienten in seiner individuellen Lebensqualität stört. Und das dann behandelt.“

Jeden Morgen um neun trifft sich das Team zur Besprechung im Stationszimmer. Der Nachtdienst berichtet, welche Besonderheiten bei den neun Patientinnen und Patienten aufgetreten sind. Auch der soziale Hintergrund wird besprochen. Etwa ob Angehörige imstande wären, die Pflege zu Hause fortzuführen, wenn die Patienten mit Arznei optimal „eingestellt“ sind und eigentlich keine Veranlassung mehr für eine Pflege in dem Klinikum besteht. Dann die Visite.

Vitalität statt Schmerzmittel

Bei Patient F. hat der Prostatakrebs gestreut. Heilung ist nicht mehr möglich. Er klagt häufig über Unterleibsschmerzen, aber auch eine Hautkrankheit macht ihm zu schaffen. Linda Bertram überprüft in Gesprächen mit ihm immer wieder, ob die Medikamente die unangenehmen Symptome zuverlässig unterdrücken. Die Medikamente gegen die Schmerzen von Herpes Zoster sind andere als die zur Behandlung der Bauchschmerzen. Mehr Schmerzen, mehr Schmerzmittel?

So einfach ist es nicht, erklärt die Medizinerin: „Wenn man Schmerzmittel gibt, kann es sein, dass die Nebenwirkungen zu gravierend sind. Man erlebt es zum Beispiel bei einem bislang jungen, vitalen Patienten, dass die Nebenwirkungen so stark sind, dass die Müdigkeit, die Abgeschlagenheit, so stark ist, dass dieser Preis für den Patienten zu hoch ist. Wir erleben auch Patienten die eher den Schmerz tolerieren, aber dann vitaler sein möchten, sich besser bewegen können.“

Aber natürlich wird auf der Station auch medizinisch untersucht, wird abgeklärt, wodurch Beschwerden verursacht werden. Da der Patienten mit Prostatakrebs über Bauchschmerzen klagt, untersucht Linda Bertram per Ultraschall seine Bauchorganen und den Darm nach Anzeichen für eine Verstopfung oder einen Darmverschluss.

Fachwissen im Dienste des ganzen Klinikums

Nur neun Betten haben die Palliativ-Mediziner auf ihrer Station, doch sie stellen ihre Kompetenz dem ganzen Uniklinikum zur Verfügung. Mit einer Kollegin besucht Linda Bertram die Urologie. Ein Krebspatient dort leidet sehr unter den Nebenwirkungen der Chemotherapie. Die Ärztin fragt zunächst nach der Übelkeit, die dem Patienten das Essen unmöglich macht. Daran hat auch die letzte Umstellung der Medikamente nichts geändert. Nicht mal Wasser trinken kann der Patient, ohne dass ihm übel wird. Flüssigkeit bekommt er per Infusion. Ganz besonders leidet er unter seinem ausgetrockneten Mund. Für dieses Problem hat Linda Bertram einen Tipp, den sie in diesen Fällen schon häufig mit Erfolg empfohlen hat: kleine Eiswürfel lutschen.

„Was mögen Sie denn gerne an Säften?“, fragt sie den Patienten. Der überlegt kurz: „Am liebsten Champagner!“ Wer die beiden Medizinerinnen und den Patient in diesem Moment zusammen lachen sieht, kann kaum glauben, dass sich die Szene in einem Krankenzimmer abspielt, bei einem Tumorpatienten, der keine Aussicht auf Heilung hat. Die Übelkeit, die den Patienten plagt, könnte auch an der Vielzahl der Tabletten liegen die er bekommt. Deshalb schlägt Linda Bertram vor, die Medikamentengabe wieder auf das Phentanyl-Pflaster umzustellen, das der Patient bereits kennt. Diese Ankündigung scheint den Patienten zu erleichtern.

Fehlende klare Worte

Der behandelnde Urologe hatte ihm Hoffnung gemacht, von Heilung gesprochen. Doch der Patient glaubt nicht daran, denn: „Ich gehe ja auch von meinem persönlichen Empfinden aus. Und da merke ich, es kann nicht gelingen. Es wäre schön wenn...“. Linda Bertram vervollständigt den Satz: „ ...aber Sie spüren, dass das anders sein wird.“ Der Patient nickt: „Das denke ich.“

Ein Muster, das die Palliativ-Medizinerin häufig erlebt. Die behandelnden Ärzte scheuen sich, mit den Patienten offen über ihre schlechten Aussichten zu sprechen. Dabei sind die meisten von ihnen für klare Worte dankbar.

Dem Tag mehr Leben geben

14.00 Uhr. Wieder Teambesprechung. Die nächste Pflegeschicht muss auf den neusten Stand gebracht werden. Oft geht es in der Palliativ-Medizin gar nicht um aufwändige medizinische Maßnahmen, sondern um Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und manchmal sind es Kleinigkeiten, die am Ende wirklich helfen. Bei dem Tumorpatienten ist es die kleine Schale mit Eiswürfeln. Gierig steckt er sich einen Eiswürfel in den Mund. Seine Mine zeigt: Es ist ein Genuss - auch wenn es kein Champagner ist.

Nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben geben. Das ist das Motto der Palliativmedizin.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 26.03.2009, 12.41 Uhr