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Fernsehen im SWR

Wann beginnt das Sterben?

aus der Sendung vom Donnerstag, 26.3.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Viele Menschen fürchten sich davor, im Falle eines Falles wehrlos einer ungewollten medizinischen Behandlung ausgesetzt zu sein. Eine Patientenverfügung soll genau davor schützen, indem sie etwa den Satz enthält: „Bin ich einwilligungsunfähig und hat mein Grundleiden einen irreversiblen tödlichen Verlauf angenommen, so müssen lebenserhaltende oder -verlängernde Maßnahmen unterbleiben.“ Soweit die Theorie. Die Praxis ist allerdings viel komplizierter:

„Was heißt das eigentlich, eine aussichtlose Erkrankung“, fragt Professor Eckhard Nagel, Chefarzt am Klinikum Augsburg. „Wann weiß ich eigentlich, dass eine Erkrankung aussichtslos ist? Auf den Intensivstationen ist es nicht selten so, dass sich das von Stunde zu Stunde verändert.“

Aussichtslos oder hoffnungsvoll?

Dennoch - der Arzt muss sich entscheiden: Ist die Situation aussichtslos oder noch immer hoffnungsvoll? Wie am Ende die Diagnose lautet, hängt dabei nach Ansicht des Mediziners Eckehard Nagel leider nicht immer vom Zustand des Patienten ab: „Ich kann auch einfach nur feststellen, dass wir in der Medizin in den letzten Jahren oder Jahrzehnten immer weiter in eine Form gekommen sind, die ich Defensivmedizin nennen würde. Also: behandeln in Unsicherheit ist immer besser, als auf etwas zu verzichten in Unsicherheit. Denn es könnten ja der Fall eintreten, dass mein Verzicht am Ende ein juristisches Nachspiel hat.“

Eckehard Nagel ist Chefarzt, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Präsident des evangelischen Kirchentages. Es ist ein Leben im Dienste des Menschen, das der Mediziner führt. Ob in der Kirche oder auf Station ist der Tod des Menschen für ihn dennoch kein Scheitern oder Versagen des Arztes.

Verlängerung unnötigen Leidens

Eine wichtige Lehre, denn 72 Prozent der Ärzte entscheiden sich laut einer Studie für die Fortsetzung einer Therapie, selbst wenn sie erkannt haben, dass sie damit den Sterbevorgang des Patienten nur verlängern. Gerade jüngere Ärzte behandeln ihre Patienten oft länger als sinnvoll und verursachen so unnötiges Leiden.

„Ich glaube es ist ganz wichtig, eben erst mal gerade auch in der Ausbildung den jungen Kolleginnen und Kollegen beizubringen, dass der Tod kein Scheitern ist“, sagt Nagel. „Dieses Verständnis ist de facto das Erste, was ich ausbilden muss. Das ist auch nicht nur ein medizinisches Problem, sondern das ist ja letztendlich auch ein gesellschaftliches Problem insgesamt. Wie häufig haben wir heute das Problem, dass die Menschen glauben, mit dem Tod hört alles auf, Tod ist sozusagen das absolute Ende.“

Für den Christen ist der Tod ein Übergang. Eine Tür, durch die der Mensch geht und durch die Eckehard Nagel schon manchen Patient gehen lassen musste. Diese Haltung zum Leben begleitet ihn bei seiner Grundhaltung, den Tod nicht als Feind erbarmungslos zu bekämpfen, sondern als Weg jenseits der Medizin zu akzeptieren.

Betriebsblindheit der Gerätemedizin

Die Alternative - moderne Gerätemedizin dem Tod in den Weg zu stellen - verlängert womöglich nicht nur Leiden, sondern verursacht eine Betriebsblindheit für typische Anzeichen des Sterbens, so Nagel. „Wenn sich durch irgendwelche kleinen Parameter zum Beispiel das Blutbild verbessert, dann kann es manchmal nur eine Reaktion, ein letztes Aufbäumen des Organismus sein. Und wenn man das falsch interpretiert und sagt, hier scheint doch ganz offensichtlich eine Option der Behandlung gegeben zu sein, aus diesem Gefühl heraus ‚ich will mich einfach als Arzt noch nicht damit abfinden, dass der Mensch stirbt’, dann therapiert man unter Umständen einfach zu lange oder unterstützt etwas, was eigentlich begleitet gehört.“

Doch die Begleitung und das Erkennen des Todes hat in der Medizin keine Tradition. Typische Sterbeanzeichen wie Durst, weil die Nieren ihre Arbeit einstellen, oder Atemnot, wenn Teile des Hirns absterben, werden deshalb manchmal noch am Sterbenden behandelt. „Aber dann gibt es natürlich auch noch eine ganz große Bandbreite von physiologischen Abschiedsszenarien, die die Leute, die das untersuchen und sich ganz speziell mit Sterbephasen beschäftigen, und diese gut einordnen können, kennen. Die aber - ich würde mal sagen 90 Prozent - auch der erfahrenen Medizinerinnen und Mediziner so gar nicht kennen“, meint Nagel.

Tod - der große Unbekannte

Wenn 90 Prozent der erfahrenen Mediziner das Sterben nicht als solches erkennen, besteht Ausbildungsbedarf zum Wohle des sterbenden Patienten. Denn den nicht zuletzt in der Patientenverfügung zitierten „tödlichen Verlauf“ diagnostizieren womöglich manche Ärzte gar nicht als solchen. Demnach ist die Sorge, zu lange einer unsinnigen Behandlung ausgesetzt zu werden, nicht unberechtigt.

Hinzu kommt die persönliche Beziehung: Das Verhältnis Patient – Arzt ist gerade bei längeren Leiden von Gefühlen geprägt. Eine sachlich-medizinische Analyse, etwa dass ein Behandlung sinnlos geworden ist, wird dann von Emotionen verdeckt. „Ich glaube, es gibt immer wieder Situationen in denen man im Nachhinein sagen würde, dieser Therapieschritt, das war wahrscheinlich zuviel. Und es gibt selten natürlich die Situation in der man denkt, da hätte ich besser noch weiter gemacht und einen Erfolg erzielt. Manchmal, dann, wenn Patienten sagen: ‚Ich möchte nicht mehr!’, trifft man auf eine solche Situation, dass man gerne den Patienten überreden würde, und sagen würde: ‚Ich würde Sie gerne noch operieren, ich glaube mit der Operation gibt es noch einen Fortschritt’. Und der Patient dann sagt: ‚Nein, ich möchte nicht. Für mich sind wir an einen Punkt gekommen!’ “, offenbart Eckhard Nagel.

Den letzten Weg des Patienten mitgehen

Auch für ihn ist es nicht leicht, einen Patienten zu verlieren. Und dennoch unterstellt er seinen Wunsch, als Arzt wo immer es geht dem Menschen zu helfen, nicht alleine dem medizinisch Machbaren. Sein Credo: „Die Erfahrungsentscheidung, die Expertise, liegt beim Arzt. Und in unklaren Situationen soll er sagen: da geht’s lang! Aber wenn, aus welchen Gründen auch immer, ich als der Patient den Eindruck habe, diesen Weg gehe ich nicht mit, dann ist für mich als Arzt klar, dann wird dieser Weg nicht gegangen.“

Eckhard Nagel ist ein Mediziner, der den letzten Weg des Menschen nicht aufzuhalten versucht, sondern ihn mit Wissen und Gewissen begleitet.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 26.03.2009, 16.28 Uhr

Interview zum Thema Fragen an Prof. Eckhard Nagel

Eckhard Nagel ist Ordinarius an der Universität Bayreuth und Direktor des dortigen Instituts für Medizin- Management und Gesundheitswissen- schaften, ferner leitet er das Transplantations- zentrum am Klinikum Augsburg.

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