aus der Sendung vom Donnerstag, 5.3.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Es klingt zu schön um wahr zu sein: Eine Welt, die ohne Müll auskommt, weil die Produkte aus ungiftigen Materialien bestehen und in einem biologischen oder technischen Kreislauf wiederverwendet werden können. Verpackungen oder Kleidung beispielsweise können bedenkenlos ins Gebüsch geworfen werden, weil sie sich dort in wertvollem Kompost verwandeln. Und elektronische Geräte können, weil sie keine Schadstoffe enthalten, wieder in ihre Einzelteile zerlegt und für andere Geräte verwendet werden.
Diese Idee ist keine Utopie, aber: Unsere alltägliche Realität sieht trotzdem ganz anders aus: 1.345 Kilogramm Müll produziert eine vierköpfige Familie im Jahr. Das ist 52 Mal je eine volle Mülltonne. Der Hausmüll wird abgeholt und verbrannt – und viele Wertstoffe mit ihm. Eine grobe Verschwendung - so als gäbe es nicht eine einzige Erde und ihre knappen Ressourcen, sondern zwei oder drei.
Für den Wissenschaftler und Öko-Visionär Professor Michael Braungart dient der Kreislauf der Natur als Vorbild für eine neue industrielle Revolution. Die Natur produziert keinen Müll: „Darum ist das Denken von Müll als Konzept schon ein Problem. Es ist viel wichtiger, von vornherein alle Materialien als Nährstoffe zu denken: Also all das was verschleißt als biologischen Nährstoff, und all das was benutzt wird nur als technischen Nährstoff (...). Also sich überhaupt abzugewöhnen, Abfall zu denken.“
In biologischen Kreisläufen gibt es eben keinen Abfall. Alle Stoffe, die anfallen, lassen sich wiederverwerten, und sie werden auch von Tieren und Pflanzen immer wieder genutzt – sind wertvoller Grundstoff für neues Wachstum und neues Leben.
Eine wichtige Kulturpflanze, die sich für die Produktion in Stoffkreisläufen eignet, ist der Mais. In Mecklenburg-Vorpommern wächst er auf riesigen landwirtschaftlichen Flächen. Wenn man den Mais verarbeitet, kann man ganz verschiedene Dinge herstellen; zum Beispiel Verpackungschips. Sie sind genauso leicht und flexibel wie Styropor, aber zu ihrer Herstellung braucht man kein Erdöl. Ihr Erfinder, der ehemalige Landwirt Hubert Loick, erinnert sich: „Dann haben wir durch einen Zufall eine Mischung entwickelt, die wir durch einen Zufall in die Maschine gegeben haben, und da kam dann der heutige weiße Verpackungschip raus der leicht war – das war für uns der Durchbruch.“
Inzwischen stellt die Firma von Hubert Loick noch weitere Dinge aus Maismehl her: Einweg-Gabeln zum Beispiel. Sie sind, wie die Verpackungschips und andere Produkte seiner Firma auch, nach Gebrauch voll kompostierbar. Dennoch sind die Erzeugnisse von Loick umstritten. Sie bestehen zwar aus nachwachsenden Rohstoffen, aber es sind und bleiben Einweg-Produkte. Umweltschützer fragen: Brauchen wir überhaupt Wegwerf-Bestecke, Einweg-Teller und -Becher?
Ein weiterer Einwand: In großen Teilen der Welt hungern Menschen. Darf man da Lebensmittel für solche Zwecke verwenden? Außerdem laugen Monokulturen, in denen die Rohstoffe für die Produktion wachsen, die Böden aus und fördern die Erosion.
„Was wir nicht lösen bisher, ist, dass wir zum Beispiel 5.000 Mal mehr Humus verlieren als neu gebildet wird. Das heißt: in jedem Jahr wird in Mitteleuropa die Humusmenge verloren, die in 5.000 Jahren gebildet wurde. Und dann stellt sich heraus, dass das Energieproblem eigentlich gar kein Energieproblem ist, sondern wieder ein Materialproblem. Zwei Drittel von allem Kohlenstoff ist nicht in der Atmosphäre, nicht in den Weltmeeren, nicht in den Bäumen, sondern im Boden; und wir sind zu dumm, den Kohlenstoff, das Kohlendioxid im Boden zu halten“, so Prof. Braungart.
Kompostierung ist eine Möglichkeit, den Humus wieder zurückzugewinnen, den Böden wieder zurückzugeben, was man ihnen entnommen hat. In großen Tanks erzeugt Hubert Loick aus dem Kompost Bio-Energie in Form von Biogas; und er kann die Gärreste seiner Biogas-Anlage anschließend wieder auf seinen Äckern und Feldern verteilen: „Diese Biogasanlagen, da sehe ich die große Chance, weil wir diese Anlagen auch selber bewirtschaften. Wir Landwirte müssen zumindest ein Teil dieser Bioenergie-Industrie werden, weil das für uns die große Chance ist, da wir nicht die allerhöchsten Qualitätsstandards produzieren können. Wir können also auch Minderqualitäten in die Biogasanlage geben, und wir halten unseren Dünger auf den Feldern, unseren Humus. Wenn wir heute nur noch Weizen oder das Rapskorn verkaufen, dann verliere ich eigentlich auch Humus, ich verliere Grundrohstoffe. Und mit der Biogasgeschichte kriege ich meinen Gärrest auf meinen Acker wieder zurück.“
Der Gärrest ist ein sehr guter Dünger für neue Pflanzen, ein wertvoller Rohstoff, der auf diesem Weg zurück in den natürlichen Stoffkreislauf gelangt. Solcher Humus ist die Lebensgrundlage für zahllose Bodenorganismen: von Asseln und Regenwürmern bis zu den kleinsten Einzellern, die mit zum Ökosystem gehören und wichtige Funktionen im Boden erfüllen. Und dort, wo die Erde lebt, sind die biologischen Grundlagen auch für neue Ernten gut.
Michael Braungart ist sich sicher: „Es kommt darauf an, dass die jetzige Entscheidergeneration jetzt die Dinge ändert, und nicht sagt, oh, wir warten jetzt 10 bis 15 Jahre, sondern jetzt. Entweder wir ändern es jetzt, oder wir werden nur am abschreckenden Beispiel lernen.“
Die Kreislaufwirtschaft ist keine Utopie. Wir haben es in der Hand. Es liegt an uns, ob wir unsere Erde retten. Wir müssen uns nur genug in der Natur umsehen. Beispiele gibt es genug.
Kathrin Latsch
Letzte Änderung am: 05.03.2009, 17.57 Uhr