aus der Sendung vom Donnerstag, 5.3.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Es ist noch nicht lange her, da galt: Industrie ist schmutzig. Das nahm man hin, weil die Wirtschaft wichtiger war als die Umwelt. Investition in Ökologie: Ein Wettbewerbsnachteil, ein Luxus, den man sich im Wirtschaftswunderland noch nicht leisten wollte.
Aber das Bild hat sich gewandelt. Beispiele wie die Windenergietechnik zeigen: das Gegenteil ist heute richtig. Industrie mit ökologischen Produkten zeigt höchste Wachstumsraten, schafft Arbeitsplätze und schützt die Umwelt. Und es gibt viele weitere Beispiele, die ihren Ökocharakter erst auf den zweiten Blick zeigen. Wie etwa die Haustechnik mit verschalteten Messanlagen und Überwachungssystemen.
Ein Beispiel: die Schwimm- und Mehrzweckhalle im badischen Weingarten. Riesige Räume, die behagliche Temperaturen bieten müssen - auch wenn nur drei Kinder Schwimmunterricht haben. Jede Menge Energie ist für die Heizung von Wasser und Luft nötig, damit die Gäste sich ganz auf ihre sportlichen Herausforderungen konzentrieren können.
Die 40 Jahre alte Halle war ein Sorgenkind von Ortsbürgermeister Scholz. Ihm war klar: Schlechte Dämmung, veraltete Energietechnik - die Sanierung wird teuer: „Zunächst einmal schreckt jeden Bürgermeister die Summe, die er aufzuwenden hat. Die Sanierung des Gebäudes war in der Kalkulation schon mit dreieinhalb Millionen veranschlagt, ohne die Energietechnik. Und deswegen haben wir uns überlegt, ob wir nicht mit einem Contracting-Modell den Invest am Gemeindehaushalt vorbeiführen können.“
Contracting heißt: die Firma, die saniert, geht in Vorleistung. Die Sanierung kostet die Gemeinde keinen Cent. Das Ganze wird in ausgefeilten Verträgen ausgehandelt. Contracting eben. Die 70.000 Euro eingesparte Energiekosten pro Jahr reichen für die Finanzierung aus.
Michael Friederich von Siemens Building Technologies, die das Contracting anbieten, schwärmt von diesem Geschäftsmodell: „Das charmante am Contracting ist ja, dass der Kontraktor - in dem Fall das Haus Siemens – erst einmal in die Vorleistung geht. Das heißt, wir investieren in ein Objekt, wie die Walzbachhalle, in der Größenordnung von einer Million Euro für die Sanierung der technischen Gebäudeausrüstung. Da kann man sich jetzt die Frage stellen: wie bekommt der Vertragspartner Siemens das investierte Geld wieder zurück? Indem 15 Jahre lang – so ist es bei der Walzbachhalle - vertraglich festgelegt die Einsparungen, die durch die Modernisierung erzielt werden, als Rückzahlungen an das Unternehmen gehen.“
Einen großen Beitrag zu den Einsparungen brachte die Holz-Hackschnitzel-Heizanlage: Den preiswerten Brennstoff liefert der Gemeindewald. Von einer rotierenden Schnecke werden die Hackschnitzel in den Ofen befördert. Billiger als Öl oder Gas, und dabei noch CO2-neutral bei der Verbrennung.
Zu der neuen Energietechnik gehören aber auch intelligente Pumpen, die weniger Strom für die Umwälzung des Badewassers brauchen: bei weniger Gästen fahren sie ihre Leistung automatisch runter. Bedarfsgerechte, sensorgesteuerte Versorgung braucht viel weniger Energie als heizen, lüften, leuchten nach festem Schema.
Über die Sensorsteuerung kann die ganze Energietechnik in den sanierten Gebäuden ständig überwacht werden. „Big Brother“ im Dienste der Umwelt? Genau! Michael Friederich von Siemens sagt: nur so kann die neue Technik optimal genutzt werden: „Siemens hat hier ein Gebäudemanagement-System installiert, damit wir die einzelnen Aggregate, die wir in das Gebäude eingebaut haben - die Lüftungsanlagen, die Heizung und die Beleuchtungstechnik - dass die alle optimal aufeinander abgestimmt energetisch sinnvoll ausgenützt werden. Dafür brauchen wir ein Gebäudeleitsystem und nur das ermöglicht es Siemens, die Einspargarantie auch wirklich zu erreichen und zu überwachen. Kontrolle ist Teil des Erfolges von Energiecontracting, ganz klar.“
Schon Hausmeister Meier kann in der Walzbachhalle seine Technik checken: Werte aus dem Brennkessel oder jedem einzelnen Heizelement am Computer abrufen. Aber alle Messwerte gehen auch in die Siemens-Zentrale nach Frankfurt. Mitarbeiter überwachen von dort aus Gebäude aus dem ganzen Bundesgebiet. Projekte mit Energiecontracting von Siemens. Denn: wer seinen Kunden 50 Prozent Energieeinsparung garantiert, muss auch sehen, ob seine Technik vom Kunden richtig genutzt wird. Nur dann funktioniert er optimal, der Trend hin zu Öko.
Ingenieur Martin Quednau gehört zu den Technikern, die die Daten aus dem Gebäudemanagement-Systemen überprüfen. Er sagt, dass es in der Abteilung Building Technologies bei Siemens – ausgelöst durch Kundennachfrage – einen Wandel gegeben hat. Die Kunden wollen „hin zu Energieeffizienz, hin zu wirtschaftlichem Gebäudebetrieb. Wie kann ich meine Anlagen wirtschaftlich fahren? Wie kann ich Energie einsparen? Da ist ein ganz starker Wandel zu spüren, bei uns im Unternehmen, dem wir alle sehr positiv entgegensehen und der uns sehr viel Spaß macht.“
Spaß macht auch Windkraftnutzung auf See. Windkraft gehört – im Gegensatz zur Gebäudetechnik – zu den Klassikern der Ökoindustrie. Die Windmühlen stecken voller ausgeklügelter Technik. Zentral: Getriebe, welche die langsamen Flügeldrehungen in schnelle Rotationen übersetzen. Nur so kann der Generator zur Stromerzeugung effizient arbeiten.
Die Firma Bosch Rexroth in Witten gehört zu den Global Players in diesem ökologischen Geschäft. Sie verkaufen ihre Getriebe weltweit. Wer nun denkt: Strom aus Windkraft - das funktioniert so ähnlich wie bei einem Fahrraddynamo, nur eben ein bisschen größer, der trifft die Sache nicht, sagt Fertigungsleiter Thomas Brückner: „Der wesentliche Unterschied von Windkraftanlagen im Vergleich zu Getrieben im Industriebereich ist der, dass die ganze Anlage in Bewegung ist: Hohe Windböen, starke dynamische Kräfte. Und bei all dem hat sich in den letzten Jahren die Leistung der Getriebe von anfänglich 100 Kilowatt auf heute über zweieinhalbtausend Kilowatt, und schon bald auf über fünftausend Kilowatt gesteigert.“
Die Zahnräder in den Windkraftgetrieben sind riesengroß. Trotzdem müssen sie auf wenige tausendstel Millimeter geschliffen, oder einige hundertstel Millimeter genau gefräst werden. Schließlich sollen sie mindestens 20 Jahre zuverlässig laufen. Für das Auge sind die riesigen Getriebe ein Fest. Immer wieder Tests, Qualitätskontrollen: greifen die Räder sauber ineinander? Läuft alles glatt?
Tonnenschwer sind die Elemente des Getriebes, die bei der Endmontage aufeinander gehievt werden. Tim Kremer bugsiert die mächtigen Teile mit viel Fingerspitzengefühl ineinander. „Hochzeit“ heißt die Montage der Schwergewichte. Und dann der finale Check des 15 Tonnen schweren Getriebeblocks: alles läuft rund bei der Übersetzung der langsamen Flügeldrehung in die 1.500 Umdrehungen pro Minute für den Stromgenerator.
Dr. Thomas Brückner, Fertigungsleiter bei Bosch Rexroth, kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken, wenn er an die jüngste Geschichte der Windkraftnutzung denkt: „Ja das hätten viele nicht gedacht, vor 20 Jahren, dass sich die Windenergiebranche weltweit zu einer bedeutenden Wirtschaftsbranche und zu einem Jobmotor entwickelt. Wir haben hier in Witten 550 Mitarbeiter mehr als 2005. So wird es uns weiterhin gelingen, mit dem Know-how unserer Mitarbeiter den Wachstumsmarkt Energie aktiv mit zu gestalten.“
Die Sauberindustrie ist im Kommen. Schafft Arbeitsplätze und schont die Umwelt. Der ökologische Strukturwandel hat begonnen.
Letzte Änderung am: 05.03.2009, 17.54 Uhr