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Fernsehen im SWR

Die Evolution der Käfer

aus der Sendung vom Donnerstag, 12.2.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Es gibt etwa 20 Millionen verschiedene Tier- und Pflanzenarten, aber das ist nur ein winziger Bruchteil von all denen, die bereits auf Erden gelebt haben. Die allermeisten Arten sind bereits wieder ausgestorben. Evolution bedeutet Kommen und Gehen, nichts ist fertig. Und vor allem heißt es: ökologische Nische besetzen. Die, die das am erfolgreichsten tun, sind die Käfer. Mindestens 360.000 Käferarten gibt es. Das heißt: Wer verstehen will, wie sich das Leben entwickelt, muss Käfer sammeln und studieren. Das tut man zum Beispiel am Naturkundemuseum in Berlin.

Das Museum beherbergt einen unglaublichen Schatz: 30 Millionen tote Tiere. Vom Urvogel Archeopterix bis zum weltweit größten Dinosaurierskelett. Und: Matthias Glaubrecht. Evolutionsforscher, Darwinkenner, Schneckenexperte, Forschungskoordinator. Kein Wunder also, dass er mich davon überzeugen will, dass hier nicht nur Tierleichen gesammelt werden.

Lücken in Darwins Theorie

„Herr Glaubrecht, Darwin hat doch eigentlich so viel rausgekriegt. Wofür brauchen wir diese Sammlung. Wofür brauchen wir überhaupt noch Evolutionsforschung?“ „Na ja - er hat schon sehr viel rausgekriegt. Und das Erstaunliche ist ja auch, dass seine Theorie nach 150 Jahren immer noch Bestand hat. Aber es gibt ein paar Lücken in der Beweisführung. (...) Er konnte nicht wirklich die Frage beantworten, warum es so viele verschiedene Tierarten gibt.“ „Und dafür brauchen wir die Sammlung?“ „Dafür brauchen wir die Sammlung. Weil wir nämlich hier eine Referenzsammlung haben: Immer wenn wir neue Arten finden, müssen wir erst einmal vergleichen mit den Arten, die wir im Museum haben.“

Und das sind viele. Sehr viele. Allein 130.000 Fische gibt es hier. Manche der Gläser, in denen die Tiere aufbewahrt werden, haben einen roten Punkt. Das sind die Typusexemplare: Mit ihnen wurde die Art definiert. Ihr Wert ist unschätzbar.

Der Inhalt der Gläser ist gruselig, faszinierend – und: extrem alkoholisiert. Denn nur der Alkohol bewahrt alles vor dem Verfall. Zum Teil seit Jahrhunderten. Aber lassen wir das. Ich war ja eigentlich wegen der Käfersammlung hergekommen: Sechs Millionen Käfer, die größte Käfersammlung Deutschlands.

Der Raum, in dem die Sammelwut ihren Höhepunkt erreicht hat: 12.000 Schubladen, randvoll mit den unterschiedlichsten Käfern. Da muss man doch einfach….

„Keiner da, dann schauen wir mal.“

Die Vielfalt der Käferarten

Prachtkäfer, Goliathkäfer, Rosenkäfer, mattfarbener Teichkäfer, großer Kolbenwasserkäfer, Taumelkäfer, Dungkugelkäfer, Nashornkäfer!: Mit geschätzten 360.000 Arten leben wir eigentlich im Zeitalter der Käfer. Und der Zoologe Dr. Johannes Frisch kennt sie alle: „Die Käfer haben eine sehr, sehr reichhaltige ökologische Radiation, Aufspaltung, erfahren. Es gibt die unterschiedlichsten ökologischen Typen. Es gibt einerseits Prädatoren, also Jäger. Phytophargafamilien, das sind Pflanzenfresser, die beispielsweise von außen an Blättern fressen, wie die Blattkäfer. Es gibt Minierer, die minieren, das heißt die Larven fressen im Gewebe. Von Früchten, von Stängeln, von Wurzeln. Sie können sich vorstellen, es gibt eine ganz große Zahl ökologischer Nischen, die von Käfern besiedelt worden sind.“

Käfer nennt man alle Insekten, die ihre Flügelchen unter Flügeldecken schützen. Soweit so einfach. Die einzelnen Käferarten aber voneinander zu unterscheiden, ist eine Kunst. Meistens verrät den Experten erst die Untersuchung der Geschlechtsorgane, wer im Käferreich wirklich zusammen gehört. Und Käferforscher wie Johannes Frisch schleppen ständig neue Käferarten an. Einige haben verblüffende Fähigkeiten.

Die spanische Fliege

„Herr Frisch, die Kleinen hier sind jetzt giftig?“ „Ja, das ist die sogenannte spanische Fliege. Die gehört zur Familie der Ölkäfer. Und die Ölkäfer haben eine giftige Substanz in ihrer Körperflüssigkeit, in ihrer Hämolymphe, und zwar das Kantharidin.“ „Aber Herr Frisch, die spanische Fliege ist ja für was ganz anderes bekannt.“ „Ganz genau: Potenzmittel. Das ist genau diese spanische Fliege. Die wurden schon in der Antike zermahlen, verkauft, als Aphrodisiakum eingenommen. Über die Wirkung kann ich nichts sagen.“ „Wurde das denn nicht wissenschaftlich erforscht?“ „Es wurde sicherlich wissenschaftlich darüber geforscht. Aber soweit mir bekannt, ist da keine Wirkung zu sehen.“

Und viel wichtiger, so der Evolutionsforscher, sei ja auch die Frage, wie sich die (schier unglaubliche Zahl von) Arten entwickeln konnte. Um das Rätsel zu knacken, bin ich jetzt bei den Süßwasserschnecken gelandet, den Lieblingstieren von Mathias Glaubrecht. Was sich liebt und paart, gehört zu einer Art, sagen die Biologen. Aber wie entstehen denn neue Arten?

„Geografische Faktoren spielen eine Rolle. Also die Trennung durch Gebirge, durch eine Landzunge“, erklärt Matthias Glaubrecht. „Das hatte Darwin ja schon vermutet“, werfe ich ein. „Er hat es vermutet, aber nicht wirklich zu Ende gedacht.“

Darwin konnte ja auch im 19. Jahrhundert noch keine genetische Analyse durchführen. Tausende von Süßwasserschnecken haben Glaubrecht und seine Forscherkollegen auf Sulawesi gesammelt und festgestellt: In den Seen haben sich überraschend schnell neue Schneckenarten gebildet. Einziger Unterschied: ihr Speiseplan.

Anpassung an bestimmte Lebensräume

„Ich glaube, dass wir die Ökologie nicht unterschätzen dürfen. Also die Anpassung an bestimmte Lebensräume kann eine sehr große Rolle spielen. Wir untersuchen das an diesen Schnecken, weil wir festgestellt haben, dass einzelne Formen nur auf bestimmten Substraten leben und ihre Reibezunge, also ihre Radula, also der Apparat mit dem sie sich ernähren, an dieses jeweilige Substrat angepasst ist.“

Ich frage nach: „Das heißt die suchen sich etwas neues zu fressen, und schon ist da ne neue Art?“

„Es könnte so sein, dass sich bestimmte Schnecken immer nur untereinander paaren, die auf demselben Substrat sitzen. Und das bedeutet, dass selbst wenn die noch in einem räumlichen Zusammenhang sind, dass man zwar denkt: was kann denn die da auseinander bringen? - dann bringt die Ökologie, also die Anpassung an bestimmte Ernährungsweisen, sie möglicherweise auseinander. Aber erst in der Gesamtschau, wenn wir alles zusammenbringen, können wir diese Frage nach der Entstehung und der Vielfalt der Arten beantworten.“

Auch wenn die Tiere alle tot sind, das Museum ist eine Schatzkammer des Lebens. Wer seine Vielfalt verstehen und auch schützen will, der muss sammeln.

Ingolf Baur, Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 12.02.2009, 21.39 Uhr