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Fernsehen im SWR

Kampf gegen das Virus

aus der Sendung vom Donnerstag, 12.2.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Wenn sich Bakterien und Viren evolutionär verändern, ist das häufig zu unserem Nachteil. Diese kleinsten Lebensformen vollziehen Evolution im Zeitraffer: Sie haben viele Nachkommen, kurze Lebenszyklen und vor allem werden die Fehler und Veränderungen in ihrem Genom nicht, wie beim Menschen, immer wieder repariert. Das heißt, es entstehen ständig neue, veränderte Bakterien, die manchmal auch viel bessere Angriffswaffen haben.

Beispielsweise die Bakterien, die plötzlich jedem Antibiotika trotzen. Aber wir erleben es auch bei Viren, die plötzlich eine andere Tierart oder auch uns Menschen befallen können. Wie etwa das gefährliche Lassa-Virus. Das Virus kommt, wie beispielsweise die Viren „Ebola“ oder „Marburg“ auch, typischerweise aus Entwicklungsländern. Menschen, die sich mit einem solchen Virus infiziert haben, gelangen deshalb nur in Einzelfällen in die Spezialkliniken westlicher Länder.

Lassa-Fieber

Eine solche Ausnahme ereignet sich am 20. Juli 2006. Der Patient, der sich mit dem Lassa-Fieber infiziert hat, wird per Krankentransport aus der Klinik in Münster auf die Isolierstation der Uniklinik Frankfurt verlegt. Der Arzt aus Sierra Leone liegt mit 40 Grad Fieber im Koma. Lassa gehört zu den Klasse 4-Erregern. Das bedeutet: lebensgefährlich und hochinfektiös.

Ein Spezialanzug schützt den behandelnden Arzt Timo Wolf vor dem gefährlichen Virus. Er verkabelt den Koma-Patienten mit medizinischer Überwachungstechnik, um eine genaue Kontrolle seiner körperlichen Verfassung zu gewährleisten.

Virus übersprang Artgrenze

Für den Virologen Hans W. Doerr sind solche extrem gefährlichen Infektionen häufig ein Zeichen dafür, dass das Virus erst vor kurzem eine Artgrenze übersprungen hat, einen neuen Wirt, und damit eine neue Evolutionsstufe, erreicht hat: „Also es handelt sich um Infektionserreger, die normalerweise im Tierreich weit verbreitet sind und nur versehentlich auf den Menschen übertragen werden. Das berühmteste Beispiel ist ja der Übergang des AIDS-Virus vom Affen auf den Menschen, das ist in der Vergangenheit wahrscheinlich schon mehrfach vorgekommen. Weil nun diese Erreger nicht adaptiert sind, nicht angepasst sind an den Menschen, kommt es zu massiven Ausbreitungen des Erregers. Der Mensch erkrankt und stirbt.“

Blutgefäße gehören zu den Zielen des Virus. Das Lassa-Virus dringt in die Zellen der Adern ein, streift seine Hülle ab und entlädt lebensbedrohliche Fracht: sein Erbgut. Im Kern der gekaperten Zelle lässt es seinen Virenbauplan tausendfach kopieren. Eine enorme Belastung für den Körper des Patienten.

Erster Hoffnungsschimmer

Der Arzt aus Sierra Leone muss mittlerweile künstlich beatmet werden. Timo Wolf entnimmt dem Patienten eine Blutprobe. Jetzt ist der Schutzanzug besonders wichtig, denn in einem Tropfen Blut befinden sich Millionen der tödlichen Lassa-Viren.

Die Analyse zeigt, dass das Virus Entzündungen in der Leber und im Gehirn des Patienten ausgelöst hat. Ein Hoffnungsschimmer: Im Blut gibt es erste Antikörper gegen das Virus. Wenn sie an die Viren andocken, können sie die Vernichtung der Eindringlinge einleiten.

Doch im Moment hat das Virus eindeutig die Oberhand. Großflächige Hautschäden belegen seine zerstörerische Kraft. Der Ersatz von verlorener Flüssigkeit, auch aus den angegriffenen Blutgefäßen, ist jetzt besonders wichtig. Der Patient wird künstlich ernährt und bekommt ein Breitbandantibiotikum, damit der geschwächte Körper nicht zusätzlich von Pilzen und Bakterien angegriffen wird. Der Wirkstoff Ribavirin soll direkt gegen die Lassa-Viren wirken. Ob er allerdings in diesem fortgeschrittenen Krankheitsstadium noch hilft, ist fraglich.

An einem Impfstoff gegen Lassa wird gearbeitet. Doch den totalen Schutz wird es niemals geben, davon ist der Virologe Hans W. Doerr überzeugt: „Man kann die Sache ja so sehen: als ich studierte, glaubte man noch, euphorisch durch die modernen Errungenschaften der Medizin, man kann alle Seuchen ausrotten. Davon war man fest überzeugt. Man hatte seinen Darwin vergessen, denn in Wirklichkeit ist es immer ein Wandel. Der Infektionserreger wandelt sich, versucht neue Tierarten zu infizieren. Jeder denkt: wir haben die Seuche besiegt. In Wirklichkeit rückt die nächste an. Wir sind ständig gefährdet, wir sind ein Teil der Natur.“

Patient ringt mit dem Leben

Tag acht für den afrikanischen Patienten auf der Isolierstation der Frankfurter Uniklinik. Sein Zustand hat sich weiter verschlechtert, er blutet aus dem Ohr. Timo Wolf untersucht den Kranken, der seit einer Woche mit dem Leben ringt. Ist die Blutung lokal begrenzt, oder sind Adern im ganzen Körper vom Virus zerrüttet?

Röntgen ermöglicht den Blick ins Körperinnere. Wenn auch dort Gefäße undicht sind, wird Timo Wolf dem Kranken Blutkonserven geben. Die Behandlung des Lassa-Patienten ist ein aufwändiges Geschäft.

Von einer solchen Zuwendung können die Betroffenen in Westafrika – wo das Virus weit verbreitet ist – nur träumen. Dort erkranken jedes Jahr 100.000 Menschen an Lassa. Meistens sind die Symptome allerdings nur die einer leichten Erkältung. Ein Hinweis darauf, dass in der Bevölkerung im Laufe der Evolution schon eine Anpassung an das Virus stattgefunden hat. Doch etwa 15 Prozent erkranken schwer. Ihr Immunsystem wird kaum mit dem Virus fertig. Dann stehen, bei der schwachen medizinischen Versorgung, die Chancen für die Infizierten schlecht.

Aber auch in der Uniklinik Frankfurt kämpft der Lassa-Patient noch immer um sein Leben. Trotz modernster Medizintechnik. Letztlich muss das Immunsystem des Patienten das Virus besiegen. Kein angenehmer Job für den betreuenden Mediziner, den Patienten tage- oder wochenlang zu behandeln, ohne dass eine Besserung eintritt.

Bezwingt das Immunsystem den Lassa-Virus?

Das bestätigt auch Dr. Wolf: „Das ist schon sehr anstrengend. Nach dem letzten Isolierfall hätte ich danach gut und gerne mal anderthalb Monate Urlaub machen können. Was den Behandlungsfortschritt anbelangt, muss man sagen, dass wir mit solchen schweren Fällen auch nur sehr wenig Erfahrung haben. Dass jemand so schwer krank wird und wirklich intensivmedizinische Betreuung braucht ist eher selten. Wie lange das dauert, bis ein Kranker da wirklich Fortschritte macht, das ist schwer zu sagen. Die Verläufe sind da durchaus unterschiedlich. Aber mutlos sind wir nicht.“

Endlich! Nach zwei Wochen bessert sich der Zustand des Patienten. Timo Wolf ist erleichtert. Erstmals kann er mit dem Afrikaner sprechen, kann den Kranken informieren, wo er sich befindet. Das Immunsystem hat sich gegen das aggressive Virus durchgesetzt. Nach zwei weiteren Wochen wird der Patient gesund entlassen.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 12.02.2009, 21.39 Uhr