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Fernsehen im SWR

Der Mensch entwickelt sich weiter

aus der Sendung vom Donnerstag, 12.2.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Wenn wir ein Baby aus der Zeit von vor 100.000 Jahren nehmen könnten, und es heute aufziehen würden: wir könnten keinen Unterschied feststellen. Die menschliche biologische Evolution ist schon lange abgeschlossen. Und doch nicht. Wissenschaftler in Schweden haben vor wenigen Jahren eine Sensation gefunden: Ob jemand an Diabetes leidet, so die Forscher, hängt stark davon ab, ob der Großvater in Zeiten des Überflusses aufgewachsen ist. Wenn der Opa darben musste, waren die Enkel eher gesund. Kann das sein? Bestimmt unsere Lebenssituation in bestimmten Phasen das Erbgut?

In die Freude auf das entstehende Leben mischen sich bei werdenden Eltern auch sorgenvolle Gedanken: Was geben sie als Eltern dem Nachwuchs mit? Was können sie beeinflussen? Wird das Kleine vielleicht die Veranlagung zu Herz- und Kreislauferkrankung aus einer früheren Generation erben? Oder: Wird das Essen der Mutter seine Eigenschaften prägen?

Die Zukunft der Dicken

Immerhin geben aktuelle Studien Grund zur Sorge: Die Zahl der übergewichtigen Kinder nimmt zu. Und Wissenschaftler warnen eindrücklich vor einer Zukunft der Dicken.

Eine Vorhersage, die Hollywood nur zu gerne weiterspinnt. In dem Animationsfilm Wall-E ist der Mensch der Zukunft zu einem bewegungsarmen und überfetteten Wesen degeneriert. Doch wie realistisch sind die Gedankenspiele der Science- Fiction Experten?

Prof. Peter Nawroth, Endokrinologe an der Uni Heidelberg: “Also Science-Fiction ist und bleibt Science-Fiction. Es ist Fakt, dass es immer mehr Kinder und Erwachsene gibt, die übergewichtig sind. Man muss aber nicht dramatisieren und überlegen, was sind die Ursachen? Und eine solche Science-Fiction Idee ist ja nur dann korrekt, wenn alle Ursachen zutreffen. Die Ursache die auf alle zutrifft, ist, dass wir eine technisierte Gesellschaft werden, die sich weniger bewegen muss. Die Ursache, die auf unsere westliche Industrienationen zutrifft, ist, dass Nahrung ausreichend verfügbar ist. Wir wissen aber auch, dass sowohl das Übergewicht als auch die Möglichkeiten, sich gegen das Übergewicht zu wehren, höchst unterschiedlich sind.“

Einfluss der Umwelt

Denn wir können immer noch entscheiden, ob wir Fast Food oder frisches Obst wählen. Dagegen können wir als Einzelne nur begrenzt unsere Umwelt beeinflussen. Dabei haben sowohl die Ernährung, als auch die Umwelt mehr Einfluss auf unseren Nachwuchs als lange Zeit angenommen wurde.

Das zeigt ein Sprung ins Labor: Ende der 90er Jahre machen Wissenschaftler der Uni Heidelberg einen erstaunlichen Versuch: Sie setzen die Larven von Fruchtfliegen einem Wärmebad von 37 Grad aus. Das Ergebnis: Die erwachsenen Fliegen haben danach rote Augen – davor waren sie weiß. Die Forscher wollen wissen: was ist mit dem Nachwuchs? Schließlich hatten ihre Eltern ja weiße Augen, und nur das Experiment veränderte deren Farbe. So verrückt es erscheint: die Kinder haben die neue Augenfarbe geerbt. Selbst Generationen später haben die Nachwuchsfliegen rote Augen. Die Lösung: nicht das Erbgut, also das Genom, der Fliegen hat sich verändert, sondern dessen Funktion.

Der Genetiker Prof. Thomas Jenuwein: „Es ist quasi so, dass (...) wenn man sagt, es gibt einen Grundbauplan für ein Haus, und das ist fixiert durch die DNA-Sequenz, durch die Genetik. Und jedes Haus hat ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche. Auch das ist fixiert. Wie ich aber diese Gefäße - die Zimmer - einrichte, ob ich mir eine Designerküche einbaue oder ein großes Bett, oder einen großen Stuhl oder einen kleinen Stuhl, das hängt in großem Maße davon ab, wie man es selbst bestimmt. Und ich würde sagen, es hängt sogar in großem Maße davon ab, wie die Umwelt, oder wie die Prägungsmechanismen, das bestimmen.“

Angeeignete Fähigkeiten können weitervererbt werden

Eine ganze Fachrichtung ist mit diesem Modell der Evolution auf der Spur: Die epigenetische Forschung. Die Wissenschaftler stoßen in ihren Experimenten immer auf das gleiche Ergebnis: die Tiere können angeeignete Eigenschaften an den Nachwuchs weitergeben. Ob nun Fettleibigkeit oder Fellfarbe.

Überträgt man solche Erkenntnisse auf den Menschen, bedeutet das: Die kommenden Generationen müssen nicht auf so einschneidende Prozesse wie etwa Mutationen warten, um sich zu verändern. Stattdessen werden die Kinder durch Umwelt und Verhalten der Eltern mitgeprägt.

Prof. Thomas Jenuwein vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie: „Es geht ja immer darum, dass bestimmte Merkmale auch gewinnbringend anzubringen sind. Dass man einen Vorteil hat. Entweder es macht mehr Spaß, sich in dem Umfeld zu erleben, oder Interaktionen können gestärkt werden. Es geht um eine Verschärfung der positiven Eigenschaften. In einem guten Umfeld. Wenn das Umfeld schlechte Bedingungen liefert, dann hat man einen ganz starken Antrieb dem entgegenzusteuern.“

Positives Lebensumfeld wirkt auf Nachwuchs

Im Klartext: sind Umwelt und Verhalten bei den Eltern positiv, geht es dem Nachwuchs besser – und umgekehrt. Mehr Verantwortung also. Das gilt auch für die Väter. Ihr Verhalten bestimmt das Schicksal des Nachwuchses genauso wie die Mütter. Stellt sich die Frage, was man überhaupt noch tun darf, um die Entwicklung zukünftiger Generationen nicht zu schädigen. Doch keine Panik: der Einzelne ist nicht allein für deren Wohlergehen zuständig, auch die Gesellschaft ist es.

Prof. Peter Nawroth: „Hier gibt es eine sehr gute Studie aus England, wo man unabhängig von der genetischen Ausstattung zeigen konnte, dass die Mütter, die in sozial schlechten Vierteln wohnen, häufiger Babys bekommen die bei Geburt unter 2,94 Kilogramm haben - das scheint da wohl eine Schallmauer zu sein. Diese Kinder dann bis 11Jahre an Größe und Gewicht mit den anderen Kindern aus besseren Stadteilen gleichziehen, und das aber auch genau die Kinder sind, die später vermehrt Übergewicht und Diabetes bekommen. Das heißt: diese sozialen und auch diese psychischen Dinge verändern uns, und diese Veränderungen tragen wir nicht nur über die Jahre unseres Lebens mit uns herum, sonder wir geben sie auch an die nächsten Generationen weiter.“

Es sind Mäuse, die uns zeigen was geht. Sorgt die Mäusemutter liebevoll für die Jungen, so wachsen besonders gesunde und selbstbewusste Mäuse heran. Es ist also gar nicht so schwer, die Entwicklung zukünftiger Generationen positiv zu beeinflussen.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 12.02.2009, 21.34 Uhr