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SENDETERMIN Do, 5.2.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Der Weichmacher-Skandal

Weichmacher in PVC sind schon lange in der Kritik. Verdacht: Krebsfördernd. Einige Weichmacher wurden daraufhin verboten. Neue Studien zeigen auch für die Ersatzstoffe Alarmierendes: Die im menschlichen Körper hormonähnlich wirkenden Substanzen verringern die Fruchtbarkeit von Männern, verursachen offenbar Übergewicht und begünstigen Diabetes. Unser Reporter hat recherchiert, wie brisant die Forschungsergebnisse wirklich sind:

Wurst- und Käsescheiben in Folie abgepackt

Praktisch, aber gesundheitlich bedenklich: Folienverpackungen enthalten Weichmacher.

Neulich im Supermarkt. Das Einkaufen hier: superpraktisch. Alles gibt’s fein portioniert. Hygienisch in Plastik abgepackt. Aber als ich diesmal die Salamischeiben in der durchsichtigen Kunststoffhülle in der Hand habe, kommen mir Zweifel: Ist Plastik da wirklich das beste Material? Gab es nicht schon viele negative Schlagzeilen über gesundheitsgefährdende Stoffe im Kunststoff?

Ich erinnere mich an Berichte über Weichmacher. Kinderspielzeug aus PVC war besonders hoch belastet. Aber habe ich nicht kürzlich von einer Studie gehört, die Weichmacher auch in Lebensmitteln nachgewiesen hat?

Funktion des männlichen Hoden wird gestört

Für unsere Redaktion fliege ich nach Berlin. Denn diese Studie wurde von Wissenschaftlern des dortigen Umweltbundesamtes durchgeführt. Die Biologin Marike Kolossa erklärt mir, welche gefährlichen Effekte Weichmacher im Tierversuch gezeigt haben: „Beispielsweise wird die Funktion und auch der Aufbau des Hodens gestört. Das kann einerseits zu einer Abnahme der Spermaqualität führen, andererseits aber auch zu einer verstärkten Zunahme von Hodenkrebs. Und da wir außerdem wissen, dass die Männer in Deutschland eine zunehmende Verschlechterung der Spermaqualität aufweisen, machen wir uns natürlich Sorgen, wenn wir diese Effekte im Tierversuch beobachten.“

Ein schlimmer Verdacht: weil Weichmacher ähnlich wie weibliche Hormone wirken, könnten vor allem Jungs dauerhaften Schaden nehmen. Sie könnten körperlich verweiblichen. Um die tatsächliche Belastung zu ermitteln, ließ Marike Kolossa die Abbauprodukte der Weichmacher im Urin von Kindern untersuchen. Die bisher größte Studie dieser Art weltweit, wie sie betont: „Im Kinder-Umweltsurvey haben wir 1.790 Kinder aus 150 verschiedenen Orten in Deutschland untersucht - Hälfte Jungs, Hälfte Mädchen, Altersgruppe drei bis 14-Jährige.“

Weichmacher allgegenwärtig

Die Ergebnisse sind alarmierend. Alle Kinder hatten hohe Werte. Zum Teil deutlich über den gesetzlich zugelassenen Höchstwerten. Und Marike Kolossa hat dieses Ergebnis eigentlich gar nicht überrascht.

Denn Weichmacher sind praktisch allgegenwärtig. Sie machen das Plastik PVC geschmeidig. Mit 100.000 Tonnen pro Jahr allein in Europa. Manche Produkte bestehen zu 70 Prozent daraus. Die geschmeidigen Dildos aus PVC zum Beispiel. Gefährlich ist das vor allem, weil Weichmacher - Fachbegriff: Phthalate - nicht fest mit PVC verbunden sind. Sie sind wie ein Schmiermittel in PVC eingelagert – und sickern ständig heraus. Besonders angezogen von fetthaltigen Lebensmitteln.

Bedenkliche Dosen in Nahrungsmittel

Dr. Marike Kolossa vom Umweltbundesamt nennt Beispiele für besonders belastete Nahrungsmittel: „Zum Beispiel in Nudelsoßen gab es Phthalatfunde. Die sind dann aus diesen Gummidichtungen oben an den Deckelchen rausgewandert, in die Nahrungsmittel rein. In Milch - übrigens auch in Biomilch – haben wir Phthalate gefunden. Und der Spitzenreiter war eine vegetarische Lasagne. Ein Fertiggericht. Und bei Fertiggerichten muss man natürlich bedenken, dass die in vielfacher Weise behandelt werden. Da werden Massen hergestellt, durch Schläuche gedrückt, wiederholt abgefüllt. Und da gibt es sehr viel Gelegenheit zu Kontakt mit weichem Plastikmaterial. Und in sofern natürlich auch immer Gelegenheit zur Kontamination.“

Beunruhigend. Bisher hieß es, Weichmacher stecken in Kunststoffen, mit denen wir täglich zu tun haben. Bodenbelag, Strukturtapeten, Plastiktüten. In der Luft in Räumen und im Hausstaub finden sich oft hohe Werte. Schwer zu sagen, wie viel aus diesen Quellen in unseren Körper gelangt. Aber wenn die Weichmacher in Lebensmitteln stecken, gibt es kein Entkommen. Marike Kolossa hat mich auf einen Leipziger Forscher hingewiesen, der die Folgen von Weichmachern in Lebensmitteln genauer untersucht. Und dabei weitere schädliche Wirkungen entdeckt hat.

Weichmacher verursacht Übergewicht?

Wissenschaftler entfernt Deckel eines transparenten Mäusekäfigs mit Mäusen

Mäuse wurden darauf untersucht, wie sie auf geringe Mengen an Weichmacher im Trinkwasser reagieren.

Professor Matthias Blüher forscht besonders auf dem Gebiet der Adipositas - er ist Experte für krankhaftes Übergewicht. Und er hat alarmierende Hinweise gefunden, dass Übergewicht und Weichmacher in einem Zusammenhang stehen.

Der Wissenschaftler hat eine Vergleichsstudie mit Mäusen durchgeführt, und dazu die Mäuse in zwei Gruppen aufgeteilt. Er zeigt mir die Mäuse, die keine Weichmacher in ihrem Trinkwasser hatten. Sie haben Normalgewicht, sind fit und schlank. Anders sieht es bei den Tieren aus, denen Matthias Blüher Weichmacher zugeführt hat. Sie haben zugenommen, sind zehn bis zwanzig Prozent schwerer geworden als die Vergleichsmäuse. Obwohl sie nur – sozusagen – ganz normale Mengen der Weichmacher bekamen.

Matthias Blüher betont das, weil sonst in Studien auf der Suche nach den Wirkungen von Schadstoffen oft eine vielfach höhere Dosis eingesetzt wird, als sie im Alltag tatsächlich von Menschen aufgenommen wird:„Wir haben den Tieren soviel Weichmacher zugesetzt, wie es auch für uns Menschen realistisch ist. Also die Konzentrationen waren durchaus vergleichbar mit dem, was wir Menschen auch mit der Nahrung und über das Trinkwasser aufnehmen. Übersetzt hießen diese tierexperimentellen Daten für den Menschen, dass zwischen sieben und zehn Kilogramm zuviel an Fettgewebe allein durch die Weichmacher erklärbar ist. Das heißt, dass durch die Weichmacheraufnahme ein Teil des Übergewichtsproblems in der industrialisierten Welt erklärt werden kann.“

Gefahr der Diabetes

Vergleich: Fettzellen von Mäusen unter dem Mikroskop

Vergleich von Mäusefettzellen.

Matthias Blüher hat diese Ergebnisse in Versuchen mit menschlichen Fettzellen bestätigt. Mit Weichmachern wuchsen die Fettzellen – im Mikroskop ist das für mich deutlich sichtbar, weil rot eingefärbt – auffällig schnell. Fettzellen ohne die Weichmacher erreichten in dem Versuch nur einen Bruchteil der Größe der belasteten Zellen. Der Unterschied ist enorm.

Und eine weitere Zivilisationskrankheit wird bei Mäusen durch die Weichmacher begünstigt: die Tiere entwickelten eine Insulinresistenz – sprich: sind auf dem besten Wege, Diabetiker zu werden.

Reagiert der Gesetzgeber gar nicht auf solche Erkenntnisse, ist da meine Frage an den Leipziger Wissenschaftler.

Offene Lebensmittel bevorzugen

Matthias Blüher weist darauf hin, dass diese Forschungsergebnisse noch ganz neu sind, und dass der Gesetzgeber beim Thema Weichmacher schon tätig wurde: „Der Gesetzgeber hat bereits auf solche Forschungsergebnisse reagiert, und die gefährlichsten Weichmacher aus Verpackungen, vor allem in der Lebensmittelindustrie, verbannt. Das heißt, er hat sie verboten. Unsere Forschungsergebnisse beziehen sich allerdings auf eine neuere Generation von Weichmachern, von denen bisher nicht bekannt war, dass sie auch schädigende Wirkung für uns Menschen haben können. Das heißt, das gesundheitsschädigende Potential dieser neuen Weichmacher muss zusätzlich Einfluss nehmen auf die Gesetzgebung. Sie sollten verboten werden, soweit das möglich ist. Möglichst auf europäischer – wenn nicht auf weltweiter Ebene.“

Hand mit Handschuhen greift nach den ausgelegten Schinkenspeck-Scheiben

Wurst von der Fleischtheke ist weniger bedenklich.

Und was kann ich bis dahin tun, um Weichmachern aus dem Weg zu gehen? Keine Fertignahrung kaufen. Denn die ist oft hoch belastet. Und Wurst und Käse an der Theke holen. Es stimmt natürlich: auch dort gibt’s Plastikfolien. Aber ich kann mir die Lebensmittel aussuchen, die nicht schon Tage oder Wochen darin eingepackt waren.

aus der Sendung vom

Do, 5.2.2009 | 22:00 Uhr

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