aus der Sendung vom Donnerstag, 22.1.2009 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen
Nicht nur wir Menschen, auch Tiere haben Gefühle und ein Bewusstsein. Menschenaffen etwa empfinden Freude, Angst, Wut, Neid und Trauer. Sie können lügen und tricksen. Frans de Waal, einer der berühmtesten Primatenforscher, hat noch weitere frappierende Ähnlichkeiten festgestellt.
Ein Beispiel aus de Waals Beobachtungen zeigt eine Schimpansin mit ihrem Baby. Das Kleine hat seit Tagen nichts mehr gefressen. Jetzt hängt es reglos in den Armen der Mutter. Es ist tot. Zärtlich und voller Mitgefühl streichelt sie ihr totes Kind. Sie trauert - wie ein Mensch.
Aber es gibt auch Grausamkeit, Blut und Gewalt. Eine Horde Schimpansen macht Jagd auf Stummelaffen. Eine regelrechte Treibjagd, ohne Ausweg. Voller Todesangst stürzen sich die Gejagten von den Bäumen in die Tiefe. Gierig fallen die Schimpansen über ihre Beute her. „Wir sprechen eigentlich nur von Mord bei Tieren, wenn wir denken, dass es intentionel ist. Wenn das Töten gemacht wird um zu töten. Bei Schimpansen denken wir, dass das möglich ist. Weil Schimpansenmänner im Feld, die nähern sich anderen Männern an, anderen Gruppen, und töten sie dann gezielt, glauben wir“, so Frans de Waal
Killeraffe, Mörder, fremdenfeindlich, fleischfressend, skrupellos - kommt uns irgendwie bekannt vor. Bei unseren nächsten Verwandten geht es zu wie bei uns Menschen auch.
Schimpansenmänner sind besessen von Macht. Sie wollen nur eins: nach oben in der Affenhierarchie. Sie prahlen, imponieren, schüchtern ein. Wenn das nicht reicht, entwickeln sie heimtückische Strategien - bei uns nennt man das Politik. Frans de Waal: „Die Politiker sind sehr auf Macht gerichtet, und erreichen ihre Macht mit Koalitionen. Die können das nie individuell machen, die brauchen andere, um die Macht zu erreichen. Das ist ganz genau das selbe wie die Schimpansenmänner das machen. Wenn die einen großen Dominanzstreit haben zwischen zwei Männern, dann gehen die Männer rum und lausen die Frauen, und spielen mit den Kindern, und versuchen sich populär zu machen.“
Vor gut 20 Jahren wurde Frans de Waal als junger Forscher im Arnheimer Zoo Zeuge einer Tragödie antiken Ausmaßes: Yeroen, der gestürzte König der Kolonie, sann seit Monaten auf Rache. Als Verbündeten bei seinem perfiden Plan wählte er Nikki, einen jungen Aufsteiger im Affenclan, einfältig und muskulös. Gemeinsam lockten sie Luit, den verhassten neuen König, in einen Hinterhalt und töteten ihn. Damit war Yeroen endlich wieder auf dem Thron. Jetzt musste nur noch der junge Verbündete beseitigt werden. Wenig später fand man ihn ertrunken im Wassergraben. Der neue König ließ es wie einen Unfall aussehen.
Tyrannen wie Yeroen bringen Unruhe in eine Kolonie. Rivalität schwächt die Gruppe, deshalb wird oft versucht, eine Eskalation zu verhindern. Frans de Waal weiß: „Es gibt ältere Frauen die eine Versöhnung zwischen Männern arrangieren. Es gibt zwei Männer die einen großen Konflikt haben. Die nicht notwendig einander beißen, aber doch ein großes aggressives Verhalten haben. Und dann, nach einigen Minuten, verschwindet sie und die Männer bleiben zusammen und lausen einander.“
Zunächst meiden die Rivalen den direkten Blickkontakt, der Ältere scheint den Jüngeren zu ignorieren. Reuebekundungen, Annäherung, dann kommt es zur Versöhnung. Und die wird mit einer Art Kuss besiegelt.
Bei den Bonobos ist alles ganz anders. Sie leben wie im Paradies. Keine Revierkämpfe und reichlich Nahrung für alle. Das Ergebnis: Die Bonobos leben vollkommen friedlich miteinander. Hier haben die Frauen das Sagen. Es gibt keine großen Machtdemonstrationen. Auseinandersetzungen werden mit Sex beigelegt - in allen Positionen, in allen Konstellationen.
Frans de Waal: „Die Frauen verbinden sich durch Sexualverhalten, bei den Männern gibt es auch von Mann zu Mann Sexualverhalten – ist weniger frequent und weniger intensiv als was die Frauen machen. Das ist auch eine Art Konfliktlösung. Wenn es Konflikte gibt, ist es immer eine Lösung mit Sex, die es bei den Bonobos gibt. Also die Bonobos sind eigentlich „make love, not war primates“ im richtigen Sinn.“
Uns Menschen sieht Frans de Waal zwischen den sanften, sexbesessenen Bonobos und den aggressiven, machthungrigen Schimpansen.Zivilisation, gesellschaftlicher Fortschritt, geschichtliche Errungenschaften – wenn es funktionieren soll bei uns Menschen, müssen wir wohl den Affen in uns an die Kandarre nehmen. Die Sprache könnte uns helfen. Reden statt zuschlagen. Dann klappt es auch mit den Nachbarn.
Julia Benkert
Letzte Änderung am: 22.01.2009, 11.12 Uhr