aus der Sendung vom Donnerstag, 22.1.2009 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen
Unser Verhältnis zum Tier ist sehr ambivalent. Einerseits verhätscheln wir unsere Haustiere, andererseits nehmen wir Tierversuche und Massentierhaltung hin. Und nicht alle Tiere sind uns gleich viel wert: Felltiere mögen wir lieber als Insekten, Hunde mehr als Ratten, und Eisbären mehr als Ziegen. Und Tierbabys sind natürlich sowieso viel süßer als ausgewachsene Tiere. Um so größer ist die Entrüstung, wenn ein Zoo ankündigt, den überzähligen Nachwuchs töten zu müssen.
So sorgte etwa das gerade erst geborene Flusspferd Farasi im Dezember 2008 für Aufregung im Baseler Zoo. Denn angeblich gab es für das Kleine keinen Platz. Die drastische Konsequenz: Farasi sollte eingeschläfert werden. Erst nach einem Proteststurm stellte der Zoo klar: Farasi darf vorerst bleiben. Allerdings war dies den Zoobetreibern schon vorher klar. Erst im Alter von drei Jahren wird es problematisch, denn dann wird es wirklich zu eng im Baseler Zoo. Und dann geht es Farasi wohl doch an den Kragen. Zumindest wenn sich woanders kein Platz finden lässt.
Solche Fälle rufen natürlich Tierschützer auf den Plan. Und auch die Öffentlichkeit mag nicht einsehen, warum Tiere gerade im Zoo getötet werden. Der Tierrechtler Frank Albrecht von der Tierschutzorganisation PETA fasst die Probleme der Zucht in Zoos wie folgt zusammen, und hat auch gleich eine Forderung parat: „Es ist immer wieder schwierig, für Zoos Tiere zu vermitteln. Wie es immer wieder weniger Zoos gibt, die diese Tiere halten können. Und da fordern wir auch von PETA Deutschland, dass solche Zuchten gestoppt werden - solange, bis man sie wieder vermitteln kann, bis man wieder seriöse Abnehmer gefunden hat. Und das tun die Zoos nicht, weil sie eben mit dem Nachwuchs, mit den Einnahmen, die Kasse klingeln lassen können.“
Ein Vorwurf, den man zwar nicht unbedingt belegen kann, der sich aber auch schlecht widerlegen lässt. Man denke nur an den extremen Rummel um Eisbärbaby Knut. Sicher war der nicht kalkuliert, aber bestimmt willkommen. Schließlich hat der putzige Knut auch ein paar Euro mehr als sonst in die Berliner Zookasse gespült. Genau wie sein Pendant Flocke im Nürnberger Tiergarten. Mittlerweile dem Knuddelalter entwachsen, war das Eisbärenweibchen sozusagen Bayerns Antwort auf Knut. Unter dramatischen Umständen entschied der Nürnberger Tiergarten, Flocke ebenfalls von Hand aufzuziehen. Denn es bestand die Gefahr, dass ihre Mutter sie ablehnen und töten würde.
Der stellvertretende Tiergartendirektor Helmut Mägdefrau steht auch heute noch zu dieser Entscheidung. Dabei ist die Zukunft des Eisbären längst nicht klar, so Mägdefrau. Das werde entschieden, wenn es so weit ist. Das heißt, wenn Flocke geschlechtsreif geworden ist. Denn es geht auch darum, Flocke mit dem richtigen Eisbären zu verkuppeln: "Das wird im Rahmen des europäischen Erhaltungszuchtprogramms entschieden, wo dann der beste Platz in Europa sein wird. Und auch die Verpaarung mit welchem Mann.“
Flocke könnte Glück habe, denn Eisbären sind zwar schwer zu halten, aber auch schwer begehrt. Das zeigt ein Blick in die Partnervermittlungsdatenbank der europäischen Zoos, der EAZA-Datenbank. Unter Ursus Maritimus finden sich fast ausschließlich Anfragen. „W“ steht für „wanted“ – gesucht. Helmut Mägdefrau und Tiergartendirektor Dag Encke machen sich mehr Sorgen um andere Tiere. Die Wölfe zum Beispiel. Anscheinend sind sie gut zu halten, denn eine Anfrage ergibt nur Angebote. Solch ein Überfluss bringt Probleme mit sich, denn wohin mit dem Nachwuchs?
Die Nürnberger haben mit ihren Wölfen ein ganz anderes Problem. Sie haben sich entschieden, eine Wolfsrasse zu halten und zu züchten, die besonders schwer vermittelbar ist: die spanischen Wölfe. Kaum ein Zoo hat diese Tiere. Dabei sind spanische Wölfe vom Aussterben bedroht. „Das Sozialgefüge der spanischen Wölfe ist sehr, sehr speziell“, erklärt Dag Encke.„Die haben immer nur sehr kleine Rudel von zwei bis sieben Tieren. Das heißt, immer nur eine Generation von Jungtieren. Die werden dann im Frühjahr vertrieben und dann kommt der nächste Wurf hoch, der lebt dann wieder ein Jahr zusammen. Das heißt für uns im Zoo, wir müssen schon im ersten Jahr den kompletten Wurf abgeben. Wenn man keine Partner hat, die die aufnehmen können, steht man vor dem Dilemma: sollen wir aufhören mit der Zucht? Dann brauch’ ich sie aber auch nicht zu halten. Denn sie sollen gehalten werden, um eine Zoopopulation aufzubauen. Oder was mach ich dann mit den Jungtieren?“
Man könnte zumindest zeitweise das Züchten einstellen, so auch die Meinung vieler Tierschützer, und so verhindern, dass überflüssige Jungtiere geboren werden. Klingt plausibel, hat in der Praxis aber das Problem, dass viele Tiere Verhütungsmittel nicht so gut vertragen. Löwinnen zum Beispiel bekommen von Hormonimplantaten Krebs.
Mägdefrau hat noch ein anderes Argument gegen zu viel Geburtenkontrolle im Zoo. Es ginge schließlich darum, den Tieren ein möglichst artgerechtes Leben zu ermöglichen. Und die Aufzucht von Jungtieren sei eben ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Deswegen ist man in Nürnberg eher zurückhaltend beim Verhüten: „Ein bisschen was machen wir in der Richtung“, erzählt Mägdefrau. „Das heißt, dass wir manchmal beim Tiger, wenn die Dame rollig ist, den Kater nicht dazu lassen. Aber nur, um den Abstand von Geburt zu Geburt ein bisschen zu strecken. Ansonsten wäre jede Art der Empfängnisverhütung damit verbunden, dass wir ihnen ersatzlos den gesamten Verhaltensbereich der Jungtieraufzucht wegnehmen. Das ist eigentlich durch nichts zu rechtfertigen.“
Eine klare Position, die auch zu viele Neugeborene in Kauf nimmt. Zur Freude der Besucher. Doch am Beispiel der spanischen Wölfe wird klar, dass diese Strategie Opfer kostet. Tiergartendirektor Encke sieht die Zoos gerade bei seltenen Tieren in einem Teufelskreis. Denn wenn niemand sie hält und züchten lässt, weil sie schwer vermittelbar sind, dann können die Zoos auch nicht der Aufgabe nachkommen, vom Aussterben bedrohte Tiere zu halten: „Wir haben uns in Nürnberg entschieden, diesen Kreis als erste zu durchbrechen, indem wir sagen, wir werden uns die spanischen Wölfe holen und sie züchten – wenn es denn gelingt. Und wenn wir Jungtiere haben, die wir nicht mehr los werden können, dass wir keinen Partner finden der uns die abnimmt, werden wir zu dem Mittel greifen müssen, dass wir sagen, da muss dieser Wurf eingeschläfert werden.“
Damit sagt Encke die unschöne Wahrheit, zu der sich die Nürnberger als einer der wenigen Zoos offen bekennt: Wer züchten will muss auch töten können. Ein Schicksal das Huftiere genau so trifft wie Wölfe oder Eisbären. Mit dem Unterschied, dass der Tod eines Zebras oder Pferdes wohl nie für einen öffentlichen Aufschrei sorgen würde. Die Zoos machen erst mal keinen Unterschied bei den Tieren. Ist eine Herde in Gefahr an Überpopulation zu zerbrechen, muss der Nachwuchs dran glauben.
Vielen erscheint dieses System sicher erbarmungslos. Doch Mägdefrau appelliert an die Vernunft und hofft, dass die Öffentlichkeit das Töten in Zoos akzeptiert: „Spaß macht das natürlich nicht. Das ist immer der letzte Weg. Das heißt, es ist immer die erste Option, dass wir immer versuchen, einen guten Platz zu finden. Wenn aber kein guter Platz vorhanden ist, dann muss man konsequent sein. Bevor es in einer schlechten Unterbringung ist, dann lieber töten und verfüttern.“
So kann man das sehen. Schließlich kennt die Natur in der freien Wildbahn auch keine Gnade. Und die Raubtiere bekommen auf diese Weise artgerechte Nahrung. Auch wenn sie nicht mehr durch die Savannen streifen, sondern hinter Gittern sitzen. Ob das kleine Flusspferd Farasi in Basel unter diesen Umständen einmal selbst groß und stark wird, ob es einen Platz findet wo es leben und eventuell selbst Nachwuchs bekommen kann, das entscheidet der Mensch.
Letzte Änderung am: 22.01.2009, 18.35 Uhr