aus der Sendung vom Donnerstag, 12.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Die Schulter ist ein wahres Wunderwerk der Biomechanik. Fast frei schwebend steht sie seitlich über unserem Brustkorb und vollbringt Erstaunliches. So hat erst kürzlich ein Versuch der Biomechaniker an der Berliner Charité gezeigt, dass die Kräfte, die in der Schulter wirken, nicht nur enorm, sondern auch überraschend sind: Sie haben bei Patienten, die eine Gelenkprothese bekamen, Mikrosensoren mit einoperiert. Diese sollten die Kräfte in der Schulter messen und die Daten dann nach draußen funken.
Das Ergebnis: Schon wenn wir eine volle Kanne Kaffee anheben, können Kräfte wirken, die größer sind als das eigene Körpergewicht. Oder noch erstaunlicher: im Vergleich zum Tragen einer Getränkekiste mit hängenden Armen ist das Haare kämmen - also eine Bewegung über Kopf - gut vier mal so belastend für die Schulter. Das alles bei dem Gelenk, das so beweglich ist wie kein anderes des Menschen.
Das hat mehrere Gründe: Der Gelenkkopf des Oberarmes ist kugelförmig. Dadurch kann sich der Arm geschmeidig in alle Richtungen bewegen. Er wird nur durch die Muskeln seitlich an die winzige Gelenkpfanne der Schulterblätter gedrückt. Ohne diese Muskeln könnten wir unsere Arme nicht sinnvoll gebrauchen. Sie umgeben die Schulter von allen Seiten. Die Muskeln ziehen nach vorne, nach hinten, oben und unten. So stabilisieren sie den Oberarm-Gelenkkopf in der Gelenkpfanne. Diese ist kleiner als ein Teelöffel, und dabei noch nicht einmal so tief. Erst diese kleine Gelenkpfanne ermöglicht die hohe Bewegungsfreiheit des Armes.
Auch die seitliche Anbringung der Arme bringt enorme Vorteile. Wir können den Oberarm problemlos in alle Richtungen bewegen; nur nach hinten gibt es ein paar Schwierigkeiten. Aber mal ehrlich: wer braucht seine Arme schon hinter dem Rücken?
Dafür, dass bei dem enormen Bewegungsradius die Stabilität erhalten bleibt, ist das Schulterblatt und die Muskelmanschette verantwortlich. Es bewegt sich mit. Fühlen Sie mal daran, wenn Sie den Arm heben. Nun wäre eine Konstruktion aus Schulterblatt und Oberarm alleine wenig stabil. Vielmehr würde die vordere Brustmuskulatur das Schulterblatt samt Gelenk und Oberarm nach vorne reißen. Das ist natürlich nicht der Fall. Ein kleiner Griff an das Schlüsselbein zeigt warum:
Das Schlüsselbein ist die einzige leidlich feste knöcherne Verbindung der Schulter mit dem Brustkorb. Es verläuft von der Oberseite des Schulterblattes, dem Schulterdach, zum Brustbein und stützt so die Schulter ab. Das Schulterdach wiederum schützt das Gelenk nach oben und sorgt dafür, dass der Schultermuskel kräftig zupacken kann. Eine Verengung des Spaltes zwischen Schulterdach und Schultergelenk kann übrigens die Ursache von Schmerzen sein.
Letzte Änderung am: 08.01.2009, 15.22 Uhr