Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Schulter-Odyssee: Welche Therapie hilft?

aus der Sendung vom Donnerstag, 12.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Dass sich ein Tennisprofi, der ständig mit voller Wucht und ausgestrecktem Arm auf Bälle drischt, Schulterprobleme einfängt, verwundert nicht. Übermäßige Anstrengung oder eintönige Bewegungen kann kein Gelenk gut wegstecken. Aber bei der Schulter können auch kleine Ursachen große Problem machen. Beispielsweise eine schlechte Körperhaltung am Schreibtisch. Wenn man die Schultern dabei nach vorn sacken lässt verkürzen sich die Brustmuskeln. Und dann sitzen Oberarmknochen und Schulterpfanne nicht mehr sauber aufeinander, Schleimbeutel und Sehnenansätze können sich entzünden. Die Möglichkeiten, sich an der Schulter zu verletzen, sind zahllos. Wir haben einmal eine typische Schulterpatientenkarriere nachgezeichnet.

Man stelle sich folgendes Ereignis vor: Ein junger Mann hilft Freunden bei einem Umzug. Den ganzen Tag schleppt er mehr oder weniger schwere Gegenstände Stockwerke rauf oder runter. Abends klagt er über Schmerzen in der Schulter, die nicht weggehen wollen.

Professor Peer Eysel, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Uniklinik Köln, teilt die häufigsten Ursachen für solche Schmerzen in zwei Gruppen: „Auf der einen Seite wären das monotone Bewegungen, die man über einen langen Zeitraum macht und damit seine Muskulatur überlastet. Zum Beispiel ein Speerwerfer der sich übertrainiert, oder jemand der eine Decke anmalt - also eine Überlastung dieses Gelenkes hat. Das wäre ein Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit wäre eine Art Unfall. Also ein Sturz auf das Schultergelenk oder eine plötzliche Verrenkung des Gelenkes. Das kann zu einer Irritation der Muskulatur führen. Die schwillt an und tut weh.“

Schmerzmittel und Krankengymnastik

Die bleibenden Schmerzen treiben den Betroffenen zum Hausarzt. Der untersucht im Idealfall die schmerzende Schulter gründlich, verschreibt bei starken Schmerzen ein Schmerzmittel, damit sich der Schmerz nicht festsetzt und überweist, sofern er noch Kontingente hat, zum Physiotherapeuten oder Krankengymnasten. Für den Schulterspezialisten Eysel ein sinnvoller Weg: „Neunzig Prozent der Beschwerden werden in diesem Stadium abgefangen und heilen gut und - das muss man heute sagen - auch kostengünstig aus.“

Bleiben also zehn Prozent der Betroffenen, denen in diesem Stadium nicht geholfen werden konnte. Oft beginnt dann eine Odyssee zu verschiedenen Spezialisten. In der Regel erst einmal zu einem Orthopäden. Der sucht in der Schulter mit einem Ultraschallgerät nach einer möglichen Entzündung der Muskeln und röntgt, um zu kontrollieren, ob das Schultergelenk vielleicht falsch positioniert ist. Das kann nach Überlastung oder Verletzung vorkommen, denn das Schultergelenk ist nur mit Muskeln und Bänder verankert.

Kernspintomograhpie: Gefahr der Überinterpretation

Auf der Suche nach einem genaueren Befund führt der Weg dann zum Radiologen. Der kann mit einem Kernspintomographen ein dreidimensionales Bild der Schulter und ihrer Muskeln aufnehmen. Solche Untersuchungen seien wichtig, so Prof. Eysel, denn das Kernspintomogramm könne den Muskelverlauf sehr exakt darstellen. Und auch zeigen, ob dieser Muskelschlauch eingeengt oder gar gerissen sei. Doch er warnt auch vor Überinterpretation: „Jeder hat, wenn man genau guckt, irgendeine Veränderung, die man für Beschwerden verantwortlich machen kann. Auch jemand, der keine Beschwerden am Schultergelenk hat. Deswegen muss man mit der Interpretation dieser Befunde vorsichtig sein.“

Es liegt nahe, bei chronischen Schulterschmerzen zu schauen, ob nicht vielleicht der Bürostuhl oder die Matratze daheim falsch sind. Zumindest die Werbung suggeriert uns, dass hier die richtige Wahl Wunder wirken könne. Der Kölner Mediziner Eysel hält davon gar nichts: „Matratzen und Stühle finde ich sehr problematisch. Das bringt nichts. An der Schulter nicht und auch an der Wirbelsäule und anderen Sachen bringt so was nichts.“

Auf Körpergefühl achten

Immerhin könne ein neuer Bürostuhl aber eine Veränderung in der Ergonomie des Arbeitsplatzes bringen, und das könne tatsächlich etwas verbessern. Eysels Skeptik gegenüber neuen Anschaffungen begründet er vor allem mit den hohen Kosten. Denn es können zwar viele Maßnahmen helfen, aber sie dürfen eben nicht schaden, das heiße auch, zu teuer sein: „Und wenn sie nützen sind sie gut. Ich finde es gut, wenn jemand in seinem Fitnessstudio bemerkt, dass eine bestimmte Bewegung, oder ein Training einer bestimmten Muskelgruppe, ihm gut tut. Oder wenn er bemerkt, dass die Wärme über seinem Schultergelenk durch eine Bandage (...)gut tut, und dass er deshalb weniger Beschwerden hat. Dann soll er das machen.“

Der letzte Ausweg ist nicht die OP

In der Klinik für Orthopädie landen dann meist die Menschen, denen nicht geholfen werden konnte. Eine der häufigsten Diagnosen ist dann, dass der Raum zwischen Oberarmknochen und Schulterblatt zu eng ist. Das führt zu Schmerzen die soweit gehen können, dass die Betroffenen den Arm kaum noch bewegen können. Das ist fatal, denn die Bewegungslosigkeit unterstützt die Krankheit. Der letzte Ausweg ist dann die Operation, so Eysel: „Die beliebteste Operationsmethode - oder eine der Operationsmethoden am Schultergelenk - ist die künstliche Erweiterung eines Raumes, um diesem Engpasssyndrom, also der Einengung dieses Muskels, vorzubeugen. Diese OP hat eigentlich immer eine relative Indikation. Sie muss nicht sein. Anders als ein Blinddarm, den man operieren muss, wenn er entzündet ist. Das heißt, ich wäre hier immer sehr zurückhaltend und würde alle anderen Therapieverfahren ausschöpfen. Und auch den Patienten durchaus um etwas Geduld bitten.“

Immerhin gibt es tatsächlich Übungen und physikalische Methoden, die das Gelenk wieder in die richtige Position bringen können. Dies ist zwar mühselig, erspart aber im Idealfall die Operation.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 08.01.2009, 18.22 Uhr