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Fernsehen im SWR

Gedächtnistraining für 70 plus

aus der Sendung vom Donnerstag, 20.11.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Älter werden ist ein Geschenk - vorausgesetzt der Körper hält mit und der Geist bleibt rege. Älter werden überwiegend Frauen. Doch mit jedem Lebensjahr können sie sich schlechter konzentrieren. Das Reaktionsvermögen lässt nach, es fehlt das passende Wort, der richtige Namen ist weg. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Demenz. An der Berliner Charité wurde jetzt an einer Gruppe von Seniorinnen erforscht, was den Abbau der geistigen Fähigkeiten stoppen kann. „Berlin bleibt fit“ hieß das bundesweit einmalige Projekt das 260 Frauen ein halbes Jahr lang auf Trab hielt.

„Je älter man wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Demenz entwickelt. Das Risiko ist verdreifacht bis verfünffacht. Allmählich verschlechtert sich die Gedächtnisleistung noch mehr, es werden auch kognitive Domänen beeinträchtigt, das sind also die Fähigkeiten zum Beispiel logisch zu denken. Und es kommt zu Fehlern in der Bewältigung von ganz normalen Alltagsaktivitäten, die sonst gar keine Probleme machen“, erklärt Professor Isabella Heuser, die mit zwei Kollegen das Projekt leitete.

Gedächtnisschwund kein unabwendbares Schicksal

Die Studie sollte beweisen, dass der Abbau des Gedächtnisses kein unabwendbares Schicksal ist. Und vieles weist darauf hin, dass sowohl körperliches wie geistiges Training dafür nützlich sind. An der Berliner Charité wurde das nun genauer überprüft. Die Teilnehmerinnen, alle altersgemäß gesund, sollten etwas Neues lernen.

„Unsere Hypothese für das ganze Projekt war ja, dass es gerade eine neue Erfahrung ist, die Anregungspotential bietet. Dass also geistige Stimulation erfolgt dadurch, dass man sich mit neuen Reizen auseinandersetzt, sich in einer neuen Umgebung bewegt, sich neuen Themen stellt und das stimulierend wirkt auf das Hirn und damit die geistige Leistungsfähigkeit fördert“, so die Psychologin Verena Klusmann.

Tagliches körperliches und geistiges Training

260 Frauen nahmen an dem Projekt teil. Eine sehr große Gruppe im Alter zwischen 70 und 92 Jahren. Erstmals wurden die Auswirkungen von Sport und geistigem Training zusammen getestet. Sechs Monate lang übten sich die Frauen in alltagstauglichen Aktivitäten. Per Los wurden sie in eine Sport-, eine Computer- und eine Kontrollgruppe verteilt. Sich tagtäglich zu motivieren und tatsächlich auch hinzugehen, war dabei bereits Teil der Aufgabe. Dazu sagt die Psychologin Andrea Evers: „Dreimal in der Woche zu einem Kurs zu gehen ist für die Frauen ein neues Verhalten gewesen, was sie zeigen sollen. Und wir nehmen an, dass genau dieses neue Verhalten zu einer Verbesserung der geistigen Fitness führt.“

Selbst die mit 92 Jahren Älteste konnte sich dazu motivieren und ist zu Recht stolz darauf: „Ich hab’ immer schon Sport gemacht und hab’ gedacht: das schaffst du auch noch mal. Und hab’s eben versucht und ich hab’s auch geschafft. Trotzdem es sehr heiß war im Sommer. Dreimal die Woche. Aber ich hab’s durchgehalten.

Neue Kommunikationsformen entdecken

Mailen, Surfen, Chatten: die Computergruppe musste sich in dem halben Jahr eine völlig neue Möglichkeit der Kommunikation erschließen. Davor war den Seniorinnen das Internet gänzlich fremd. Inzwischen können sie sogar selbstgestaltete Postkarten verschicken. Dabei mussten sich die Frauen auf das Wesentliche konzentrieren, durften nicht abschweifen. Beides Gedächtnisleistungen, die im Alter normalerweise stark nachlassen.

Zu Beginn und am Ende des Projekts wurden die Frauen untersucht, um festzustellen, ob die Nervenzellen im Gehirn angeregt wurden. Dazu erklärt Verena Klusmann: „Aus Tierexperimenten, Studien und aus dem Bereich der Neurowissenschaften weiß man, dass unter Stimulation Nervenzellverschaltungen verstärkt werden, mehr Verzweigungen zwischen Nervenzellen entstehen. Da können Nervenzellen also besser kommunizieren, bestimmte Denkabläufe beschleunigt werden. Und das ist genau das, was bei den Frauen passiert, die in unserem Projekt teilgenommen haben. Und es daher auch zu einer besseren Leistungsfähigkeit kommt.“

Im Alter neugierig bleiben

Getestet wurde unter anderem das episodische Gedächtnis, in dem zusammenhängende Informationen verarbeitet werden. Dazu mussten die Frauen eine Geschichte nacherzählen. Und tatsächlich zeigte sich in beiden aktiven Gruppen gegenüber der Kontrollgruppe eine Verbesserung der Leistung. Das Erinnern an unzusammenhängende Wörter und der Wechsel zwischen Dimensionen wie Buchstaben und Zahlen blieb bei ihnen dagegen gleich. Dennoch ein gutes Ergebnis, weil sich die Kontrollgruppe in diesen Bereichen erwartungsgemäß leicht verschlechterte. „Wir waren umso erstaunter, dass nicht nur die Experimentalgruppen ihr Niveau gehalten, sondern im Gegenteil noch verbessert haben in bestimmten Punkten, also zum Beispiel beim Gedächtnis“, so Prof. Heuser.

Eine kleine Sensation: Auch ab 70 Jahren aufwärts kann - und sollte - man Neues lernen, beweglich sein. Die Studie zeigt, dass sich die geistige Fitness erhalten und sogar verbessern lässt. Für die Teilnehmerinnen ein Erfolg der motiviert.

Sabine Coen

Letzte Änderung am: 20.11.2008, 20.04 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.