aus der Sendung vom Donnerstag, 20.11.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Ob Ziehen, Drücken oder Springen - Muskeln begleiten uns auf Schritt und Tritt. Aber auch jenseits der Kraftübertragung übernehmen Muskeln ungeahnte Aufgaben. Die verborgene Macht der Muskeln ist das Forschungsgebiet von Professor Dieter Blottner, Mediziner am Institut für Anatomie der Charité.
Für ihn ist der Muskel ein völlig zu Unrecht unterschätztes Organ: „Das Organ nimmt bei einem ungefähr 70 Kilogramm schweren Menschen etwa 20 bis 30 Kilogramm ein. Das heißt also: abgesehen von der Haut und den Knochen ist der Skelettmuskel das größte menschliche Organ.“ Und das hat es in sich. Während wir es zu Höchstleistungen antreiben arbeitet es wie eine Chemiefabrik im Dienste des Körpers.
Beispiel Gehirn. Das zentrale Nervensystem steht in direkter Verbindung mit der Muskulatur. Während die Muskeln ihre Arbeit verrichten damit der Körper vorwärts kommt, wird gleichzeitig vom Muskel ein Stoff produziert, der direkten Einfluss auf das Denkvermögen ausübt. Sein Name: BDNF.
Die Wirkung erklärt Prof. Blottner so: „Wenn Sie zum Beispiel laufen und sich bewegen oder vielleicht auch nur spazieren gehen, dann stellen Sie fest, dass Sie oft die kreativsten Gedanken beim spazieren gehen haben. Oder wenn Sie früher als Schüler Vokabeln gelernt haben, dann – so ging es mir jedenfalls – bin ich um den Tisch gelaufen und habe durch diese Laufbewegung meinen Kopf frei bekommen und konnte da Vokabeln besser lernen. Das heißt also, es gibt einen echten Zusammenhang zwischen Bewegungsmustern, zwischen Muskelfunktion und Gedächtnisleistung.“
Der Muskel beeinflusst aber nicht nur unser Denken sondern auch unsere Stimmung. In den Muskeln werden Stoffe ausgeschüttet, die Sport trotz Anstrengung für Läufer beispielsweise zum Vergnügen machen. Stimmungsaufheller lassen ein Hochgefühl entstehen, gebildet vom Organ Muskel. Sie treiben uns an, ermöglichen Höchstleistungen und sorgen für Glücksgefühle - allerdings nur, wenn der Muskel auch wirklich bewegt wird, so Dieter Blottner: „Wenn nun die Bewegung wegfällt, also bei Bewegungsarmut, dann können dieses Stoffe nicht mehr genügend zirkulieren und es kommt zu einer Stimmungseintrübung, die bis hin zu Depressionen führen kann. Deswegen gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Körperbewegung, der Muskelaktivität, und beispielsweise Depressionen.“
Wer seine Muskeln fordert fördert Geist und Psyche. Und schützt sich vor Krankheiten. Dies zeigt ein Leiden, von dem weltweit Millionen Menschen betroffen sind und das wir mit unseren Muskeln direkt bekämpfen können: Diabetes. Die Ursache für dieses Leiden ist in der Bauchspeicheldrüse zu finden. Dort wird das lebenswichtige Hormon Insulin produziert. Bei Diabetes jedoch ist diese Produktion gestört. Und da setzt die Heilkraft der Muskeln an. Denn sie produzieren einen Stoff, der die Wirkung von Insulin teilweise übernimmt. So kann der Zucker in den Muskel gelangen. Interleukin sei Dank.
„Ein Diabetiker der einen Insulinmangel hat würde durch vermehrte Muskelarbeit dieses Interleukin freisetzen können und könnte damit sicherstellen, dass die Glucoseaufnahme in der Muskelfaser als Energielieferant sichergestellt wird. Das heißt also, Muskelarbeit ist für einen Diabetiker - und nicht nur für den - Insulin einsparend und damit ein echter Gewinn für die Energieleistung der Muskulatur und des gesamten Körpers“, schwärmt Blottner über den Forschungsgegenstand Muskel.
Ein Muskel ist von besonderer Bedeutung, denn an seiner permanenten Leistung hängt nicht weniger als unser Leben: der Herzmuskel. Wie bei allen anderen Muskeln besteht er aus einem genialen Patent mikroskopisch feiner Fasern, die sich gegeneinander verschieben und dabei Stoffe produzieren, die unserem gesamten Körper zugute kommen. Der Muskel ist das einzige Organ, das wir nicht schonen, sondern vielmehr zur Leistung auffordern sollten, um uns ein Leben lang gesund zu halten. „Wenn man darüber nachdenkt, dass man in der Lebensmitte doch ein bisschen mit dem Muskelschwund zu kämpfen hat, muss man also darüber nachdenken, dass man ab dem 30sten oder 40sten Lebensjahr spätestens damit anfangen sollte die Skelettmuskulatur zu trainieren, weil die für die allgemeine Gesundheit des Herz-Kreislaufsystems von großer Wichtigkeit ist“, rät Prof. Blottner.
Das unterschätzte Organ namens Muskel - aus medizinischer Sicht weit mehr als nur ein Krafterzeuger. Was wir damit anstellen, ob Bodybuilding oder Schwerstarbeit, bleibt uns überlassen. Eines jedoch ist sicher: ohne Muskel geht gar nichts.
Letzte Änderung am: 20.11.2008, 19.54 Uhr