aus der Sendung vom Donnerstag, 23.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Das energetische Einsparpotential bei Wohnungen ist gigantisch: Etwa 24 Millionen Wohnungen sind schlecht wärmegedämmt und mit veralteten Heizungsanlagen ausgestattet. Drei Viertel unserer Wohnungen stammt aus der Zeit zwischen 1950 und 1980, als Wärmedämmung für die meisten noch ein Fremdwort war. Dabei wäre es gar nicht so schwierig, mit überschaubarem Aufwand die Heizkosten zu halbieren oder sogar auf ein Viertel zu reduzieren. Trotzdem gehen viele die Sanierung nicht so konsequent an, wie es eigentlich sinnvoll wäre.
Einer der Gründe: mangelndes Wissen. Denn wer weiß schon, wie viel Heizenergie seine Wohnung verbraucht, gar noch auf den Quadratmeter bezogen? Jede Menge Arbeit also für Energieberater wie Sabine Meyer. Die Architektin ist Mitglied der Gruppe Z, einem Team von Architekten im hessischen Hünstetten-Wallbach, das sich auf die Sanierung von Altbauten spezialisiert hat.
Sabine Meyer hat den Überblick, was die Wohnungen in Deutschland an Heizenergie verbrauchen - und wie man Energie einsparen kann: „Wir haben einen Bestand, der in Deutschland durchschnittlich 28 Liter verbraucht, bezogen auf die Quadratmeter der Außenfläche. Sie müssen ja den Dämmstandard bei einem Reihenmittelhaus vergleichen können mit dem eines freistehenden Bungalows. Deshalb beziehen wir den Verbrauch von Heizenergie auf die Außenwände unserer Objekte. Und aufgrund von Verbesserungen der Baumaterialien und der Technik konnten die Gebäude besser werden: 18 Liter waren es Mitte der 80er Jahre, 12 Liter Mitte der 90er. Und heute sprechen wir vom Sieben-Liter-Haus.“
Einer ihrer Kunden ist Gerhard Heeren. Er besitzt zahlreiche Wohnungen in Mainz und versucht, wo immer möglich, bei seinen Sanierungen den aktuellen Dämmstandard der Neubauten noch zu übertreffen. Denn: Gerhard Heeren hasst Energieverschwendung. Deshalb ist für ihn angesichts einer typischen Rauhputzfassade in der Mainzer Neustadt auch klar: „So eine Fassade kann man seinen Mietern heute nicht mehr anbieten. Hier fließt die Heizenergie in Strömen aus dem Haus. (...) Das Problem ist einfach, dass überhaupt nicht wärmegedämmt ist. Ich würde sofort 20 Zentimeter Dämmmaterial davor packen. Ich habe das schon immer versucht - und ich mache das seit 25 Jahren – versucht, so gut wie möglich zu dämmen. Aber damals habe ich es natürlich auch nicht so gut gemacht wie heute, weil ich nicht wusste, wie effektiv das sein kann.“
Gerhard Heeren hat von der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW einen günstigen Kredit für die energetische Sanierung erhalten. Dafür fordert die KfW besondere Maßnahmen zur Energieeinsparung. Bei einem Ortstermin in einem der Mietshäuser prüft die Energieberaterin Sabine Meyer, ob Gerhard Heeren diese Vorgaben auch wirklich eingehalten hat.
Der klopft auf den neuen Putz seines Mietobjekts und freut sich über das hohle Geräusch: „So hören sich 20 Zentimeter Dämmstoff plus Dämmputz an.“ Wärmedämmung ist bei der energetischen Sanierung ein zentraler Faktor. Ein anderer ist die Technik, die im Heizungskeller steckt. Eine Gas-Brennwert-Therme ist heute der Energiespar-Standard. Dazu gehört ein gut gedämmter Warmwasserspeicher. Doch darüber hinaus hat Gerhard Heeren seinen Mietern noch einige technische Finessen spendiert, die über den Standard hinausgehen.
Besonders stolz ist er auf die neue Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Beim Vorbesitzer hatten die Mieter ihre Badzimmerlüftungen zugeklebt, weil die Zugluft so kalt war. Gerhard Heeren hat mit einem Wärmetauscher dafür gesorgt, dass die Wärme der Abluft an die zuströmende Frischluft abgegeben wird. So bleibt die Wärme im Haus. Aber auch bei der Technik zur Wärmerückgewinnung gibt es große Fortschritte, erzählt Gerhard Heeren: „Die normalen hatten einen Wert um 60 Prozent. Und der hier in diesem Heizkeller hat einen Wirkungsgrad von 95 Prozent.“
Energieberaterin Sabine Meyer ist von so viel Engagement sichtlich beeindruckt: „Herr Heeren hat dieses Haus als Vermieter energetisch saniert. Und das ist außergewöhnlich. Er hat die Dämmung über den Standard hinaus betrieben. Dann die Fenster, die Fassade, das Dach... Und dann noch die aufwändige Technik. Das ist hervorragend. (...) Es ist sein Hobby, seine Passion. Er ist überzeugt davon. Und da hatte ich jetzt nicht damit viel zu tun. Ich musste hier auf jeden Fall niemanden überzeugen. Ich konnte einfach mal nur so mitlaufen und sogar noch etwas lernen.“
Gerhard Heeren denkt bei all dem auch an die Zukunft: „Die nächsten Generationen werden uns wahrscheinlich beschimpfen, dass wir in 200 Jahren Kohle, Gas, Öl für die Wärme verpulvert und verbraucht haben, die die Natur in zig Millionen Jahren aufgebaut hat... Wir werden das Zeitalter der Energievernichtung genannt werden. Und das ist schlimm.“
Ortswechsel. Energiesanierung in Perfektion zeigt das Null-Heizkosten-Haus. Das Ludwigshafener Unternehmen LuWoGe, eine Tochter der BASF, hat archaische Wärmedämmung und alte Fenster entfernt. Und Heizkörper. Denn die werden im sanierten Gebäude nicht mehr gebraucht. Unter anderem wegen der dreifach verglasten Fenster. Die tragen auf der innersten Scheibe eine Heizschicht. Der letzte Schrei: Als ob die Sonne durchs Fenster scheint. Der Strom dafür kommt vom Dach, aus Solarzellen. Dazu gehört natürlich eine dicke Wärmedämmung. Und Kollektoren liefern warmes Wasser. Beeindruckend. Aber lohnt sich dieser Aufwand auch wirtschaftlich?
Für Dr. Matthias Hensel, Geschäftsführer der LuWoGe, ist die Antwort ein klares Ja: „Wir haben vor drei Jahren sechs Varianten gerechnet, und das war die Wirtschaftlichste (...) Und zwar vor dem Hintergrund: Wir hatten ein 35 Jahre altes, dringend renovierungsbedürftiges Haus. Vier Wohnungen von 16 standen leer. Und eine Durchschnittsmiete Miete von 4 Euro 10. Heute steht das Haus da wie neu. Jetzt haben wir eine Miete bei Neuvermietung von 6 Euro 85. Warmmiete! Wir haben sehr zufriedene Mieter. Und wir haben das Haus für die nächsten 20 bis 30 Jahre für uns gesichert. Um es gut zu vermieten.“
Zurück nach Mainz. Dort besuchen Gerhard Heeren und seine Energieberaterin den Mieter Matthias Ding um zu hören, was die Sanierungsmaßnahmen in der Praxis wirklich gebracht haben. Matthias Ding jedenfalls ist begeistert: „Wir waren durchaus positiv überrascht. Sie hatten mir ja gesagt, dass das Haus gut isoliert ist. Aber wir wussten gar nicht, ob die Heizung wirklich funktioniert, (...) weil wir sie gar nicht gebraucht haben. Nur an den zwei, drei kältesten Tagen vielleicht.“
Zufriedene Mieter und die Energiestandards der KfW-Bank übertroffen: Für Gerhard Heeren einfach ein gutes Gefühl.
Letzte Änderung am: 23.10.2008, 11.46 Uhr