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Fernsehen im SWR

Wie viel Eigenverantwortung verträgt der Patient?

aus der Sendung vom Donnerstag, 16.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Der eine treibt Sport, ernährt sich gesund und achtet auch sonst auf seine Gesundheit. Der andere ist ein Couchpotatoe, raucht oder trinkt zu viel. Trotzdem zahlen beide gleich viel für die Krankenkasse. Ist das gerecht? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Es lässt sich aber beobachten, dass mehr Eigenverantwortung der Patienten verdächtig häufig im Zusammenhang mit Lösungsmöglichkeiten der Finanzmisere im Gesundheitswesen gefordert wird. Was steckt dahinter?

Roswitha Kost ist jeden Mittwoch morgen im Fitnessraum ihres Tunvereins. Sie will fit bleiben. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie allein und hat viel Zeit, sich um ihren Körper und ihre Gesundheit zu kümmern. Neben Gewichte stemmen und Pilates-Training stehen auch regelmäßige Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen auf ihrem Programm. So viel Engagement wird durch ihre Kasse, die Techniker Krankenkasse (TK), mit Bonuspunkten belohnt. Und die sind was wert, erklärt Roswitha Kost leicht schmunzelnd: “Als es die Bonuspunkte gab, hab ich die gesammelt, und da gibt es verschiedene Sachen dafür. Die wollte ich nicht, und habe das laufen lassen. Bis im Frühjahr, da hatte ich 18.000 Punkte. Und da hab ich zu meiner Tochter gesagt, es wäre schön, mal einen Personal Trainer zu haben.“

Krankenkasse bezahlt Personal Trainer

Immerhin zwei- bis dreihundert Euro kostet so ein persönliches Training normalerweise. Roswitha Kost bekam es umsonst - ihre Kasse zahlte den Spaß. Schließlich sind Sport und Bewegung gesund. Und wer gesund ist, kostet weniger als ein Kranker. Dabei sind sich die Kassen bewusst, dass dies nur ein kleiner Anreiz sein kann, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Das betont auch Anneliese Bodemar von der TK Rheinland-Pfalz: „Es geht darum, die Eigenverantwortung der Versicherten zu fördern und zu unterstützen. Das sollen ja nur reine Unterstützungsmaßnahmen sein und die Bonusprogramme oder die Prämien, die es da gibt, ein kleiner Anreiz.“

Der Begriff Eigenverantwortung impliziert: Wer sich um sich selbst kümmert, braucht weniger Hilfe von anderen. Das klingt zunächst gut, nach mehr Selbstbestimmung. Die Gesundheitsexpertin Prof. Bettina Schmidt aus Bochum hat untersucht, welche Auswirkungen die Forderung nach mehr Eigenverantwortung wirklich hat. Für den Einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft: „Die Frage ist, ob das einen gesamtgesundheitlichen Nutzen hat. Also ob man jetzt sagen kann, das ist eine Strategie um die Gesundheit in der Gesamtbevölkerung zu verbessern.“

Vermögen beeinflusst Gesundheit

Ihre Argumente sind einfach: Nicht alle Faktoren, die krank machen, kann der Einzelne beeinflussen. Schlechte Luft, Verkehr oder Lärm zum Beispiel. Dazu kommt, dass auch der soziale Status krank machen kann. Wer wenig Geld hat, ist weniger gesund. Das haben Studien des Robert Koch Instituts belegt. Die Gesundheitsexpertin kommt zu dem Schluss: „Zum einen glaube ich, dass Gesundheit komplex ist; und es oft mit mehr Bewegung und gesünderer Ernährung nicht immer getan ist. Das zweite ist, das viele Leute von diesen Programmen nicht erreicht werden. Männer nicht und niedrige soziale Schichten.“

Telefonservice für chronisch Kranke

Dass viele ihre Therapie schon einmal schleifen lassen, haben auch die Kassen erkannt. Die DAK zum Beispiel hilft neuerdings auch telefonisch. Die Teilnahme an dem Programm ist freiwillig. Fast 40.000 DAK-Mitgliedern, die als chronisch krank gelten, machen bei dem Telefonservice mit. So auch Gerhard Schwartz. Der Berliner, der jetzt in Memmingen lebt, ist begeistert von der netten Dame am Telefon: „Das ist die alte Heimat. Da ist irgendwie eine Sympathie über Telefon rübergesprungen. Also das geht immer so zwanzig Minuten bis halbe Stunde.“

Es wird nicht nur über Ernährung und Bewegung gesprochen, auch die richtigen Medikamente für den Diabetiker werden diskutiert. Dabei achtet Frau Müller am anderen Ende auch darauf, dass Herr Schwartz die Therapie einhält. Nebenbei wird dann auch viel privates erzählt. So ist der Anruf ein willkommener Kontakt zur Außenwelt, der auch noch gesund sein soll. Und mit etwas Glück viel Geld spart.

Das zumindest hofft man bei der DAK, so Markus Saur: „Das ökonomische Interesse der DAK in dem Fall ist schon da. Das sind ja die Herausforderungen, die ja in der aktuellen Gesundheitspolitik zu bewerten sind und um die es geht. Aber hier ist die Schnittmenge das bessere Leben für den Kunden, und von daher treffen beide Interessen dann auch aufeinander und passen dann auch.“

Von der Förderung zur Forderung

Das klingt gut. Vielleicht ein bisschen zu gut, denn aus der Gesundheitsförderung kann schnell eine Forderung werden. Dann nämlich, wenn der gesamte Lebenswandel unter die Lupe genommen wird. So könnte man doch fordern, krank machendes wie Zigaretten oder Alkohol zu lassen. Wer glaubt das sei Utopie, der täuscht. Seit 2007 zahlen die Kassen laut Gesetz nicht mehr für die Folgen eines Piercings oder einer Tätowierung. Für Bettina Schmidt ist damit eine Grenze in der Gesundheitsversorgung überschritten: „Das ist neu. Das hat es bislang nicht gegeben, weil in der Krankenkasse eigentlich das Finalprinzip herrscht, also wer krank ist, bekommt auf jeden Fall Geld. Das ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass hier Verantwortung individuell zugewiesen wird, und damit auch Haftungsfragen und auch Finanzierungsfragen.“

Kaum vorstellbar, wenn aus der gesetzlichen Fingerübung an einer Randgruppe eine allgemeine Regel für jeden wird. Zum Beispiel könnte man Sportler auch an ihren Sportverletzungen beteiligen, Raucher an den Folgekosten und so weiter. Solche Ideen werden zwar von allen Beteiligten als Utopie verworfen, aber der Anfang ist ja schon mal gemacht.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 16.10.2008, 12.13 Uhr