aus der Sendung vom Donnerstag, 16.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Jeder vierte Patient bekommt eine Therapie, die überflüssig oder sogar schädlich ist. Da kann man nur hoffen, sich im Krankheitsfall für den richtigen Arzt entschieden zu haben: mit modernsten Geräten, medizinisch auf dem neusten Stand und obendrein auch noch menschlich angenehm. In Bayern sorgt jetzt ein Arzte-TÜV für mehr Qualität in der Behandlung.
Dr. Axel Munte, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), setzt sich schon lange für Qualitätskontrollen ein. Sein großes Ziel: er will den Ärztepfusch stoppen. Denn er weiß: schlechte Medizin kann tödlich sein.
„Ich habe einen meiner besten Freunde verloren, ein Sportsfreund, der war nicht Patient bei mir. Und der klagte eines Tages und sagte: ich war jetzt schon mehrmals beim Ultraschall und beim Röntgen und bei der Blasenspiegelung, denn ich habe immer wieder Blut im Urin. Und die finden nichts. Er kam dann zu mir. Ich hatte ein nagelneues Ultraschallgerät und sehe auf Anhieb, in Sekundenschnelle, ein Nierenkarzinom - einen hochbösartigen Krebs der Niere. Und sehe auch schon Absiedelungen in der Leber. Ein junger Mann, drei kleine Kinder zuhause hatte. Innerhalb von einem Dreiviertel Jahr war er tot. Meine Recherchen haben ergeben, dass er tatsächlich vorher im ambulanten Bereich bei drei verschiedenen Ärzten war: Urologe, Internist, Hausarzt. Und alle haben mit alten Geräten gearbeitet, da war die Auflösung nicht hoch genug. Der Mann musste deswegen sterben.“
Keine Frage: unser gesundheitliches Schicksal wird oft von der Qualität des Arztes bestimmt. Für die Diagnose Brustkrebs etwa ist das fatal. Jeder dritte Arzt in Bayern war bis vor sechs Jahren nicht in der Lage, die Röntgenaufnahme der weiblichen Brust richtig zu interpretieren.
Axel Munte hat als Chef der Bayerischen Kassenärzte solchem Pfusch in seiner Zunft ein Ende gesetzt. Seine Idee: ein Ärzte-TÜV soll die Medizin verbessern. „Ein Arzt muss sich anpassen, wenn er neue Geräte hat. Er muss nachlernen, nachsitzen, quasi. Er muss sich hinsetzen und tatsächlich die Anatomiebücher rauskramen und gucken, Mensch, was für eine Struktur sehe ich da eigentlich im Ultraschall? Und wenn das ein Arzt macht mit einem neuen Gerät, und sich fortbildet, dann läuft das hervorragend“, lautet die Parole vom Axel Munte.
Ob hervorragend oder nicht wird in Bayern mit einer solchen Arztprüfung getestet. Dabei muss etwa eine Ärztin anhand von Röntgenaufnahmen Erkrankungen der weiblichen Brust erkennen, und wenn nötig die richtigen Therapien empfehlen. Im Alltag entscheidet schließlich ihr Know-how über Leben und Tod von Patienten. Und im Test zeigt sich, ob ihr Wissen ausreicht, um die Leistung des Brust-Screenings in ihrer Praxis weiter anbieten zu können. „Ergebnis: wir haben heute ein Bayern von über 500 damaligen Anbietern vor sechs Jahren nur noch rund hundertzwanzig, die das Vorsorgeprogramm anbieten können, wie auch die kurative Untersuchung“, versichert Dr. Munte. Ein weiteres Beispiel: Darmkrebs-Früherkennung. In Bayern boten rund 800 Ärzte die Darmspiegelung an, jetzt sind es nur noch etwas mehr als die Hälfte. Eine Marktbereinigung durch den Ärzte-TÜV.
Die bayerische Qualitätssicherung betrifft aber nicht nur das Wissen der Mediziner, auch ihre Geräte werden geprüft. Etwa im Bereich Gynäkologie: Nicht jedes Ultraschallgerät entspricht der geforderten Norm. Problematisch, denn das Baby-Kino ist nicht nur spannend, das Gerät bestimmt auch die Qualität der Untersuchung. Was die Ärztin oder der Arzt nicht sieht, kann auch nicht behandelt werden. Deshalb ist eine hohe Auflösung wichtig, um eine notwendige Behandlung während und nach der Schwangerschaft rechtzeitig einleiten zu können.
Dr. Axel Munte sichert die Ärzte-Qualität in Bayern. Aber wie steht es um den Rest der Republik? Unter dem Himmel der Hauptstadt liegt der Sitz der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KVB. Ihr Vorsitzender Dr. Andreas Köhler will eine einheitliche Qualitätssicherung für ganz Deutschland. Noch ist sein Projekt in Planung.
AQUIK nennt sich die Initiative, die bald bundesweit den Ärzten auf den Zahn fühlen soll. Doch die ambulanten Qualitätsindikatoren und Kennzahlen treffen nicht nur auf Wohlgefallen von Seiten der Ärzte. „Ich will nicht verheimlichen, dass es Kritik gibt an diesem Vorhaben, dass man auch mich kritisiert, da ich das sehr deutlich einfordere. Aber wenn man Qualität darstellen will, wenn man sagen will wir machen eine gute Qualität, dann muss man auch diesen Weg gehen. Da werden immer Ärzte dabei raus fallen, die diese Qualität nicht erbringen. Und diese Minderheit verschafft sich Gehör und kritisiert das auch. Aber das kann nicht der Grund sein, nicht eine gute Patientenversorgung anzustreben“, so Dr. Köhler entschlossen.
In der Kassenärztlichen Vereinigung von Bayern muss ein Arzt jetzt schon die Qualifikation etwa mit den richtigen Mausklicks unter Beweis stellen. In einem Tutorial werden ihm oder ihr Fälle vorgestellt, die er oder sie beurteilen muss. Die ärztliche Entscheidung wird dann gespeichert und trägt zu einer Gesamtbeurteilung bei. Fällt er oder sie hier durch, gibt es weniger Geld, oder der Prüfling verliert seine Zulassung in der Kassenärztlichen Vereinigung. Denn schließlich hängt vom ärztlichen Können das Leben vieler Patienten ab. Eine falsche Antwort in der Prüfung kann in der Praxis tödlich sein.
Deswegen fordert Axel Munte für ganz Deutschland, was er für Bayern schon erreicht hat: „Schnelle, effektive, klare, transparente Qualitätssicherungsmaßnahmen, die menschlich und human sind gegenüber den Ärzten, die aber insbesondere eines bewirken: dass die paar Ärzte, die nicht gut sind, die zehn oder zwanzig Prozent, die eine Leistung nicht erbringen können oder wollen, und keine neuen Geräte haben, dass die aufhören eine Diagnose zu verschleppen und damit möglicherweise Tote zu produzieren. Das muss zu Ende sein.“
Letzte Änderung am: 16.10.2008, 20.00 Uhr