aus der Sendung vom Donnerstag, 9.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Marktwirtschaft und mehr Wettbewerb sollen unser Gesundheitswesen besser und billiger machen. Deshalb wird derzeit am Aufbau einer integrierten Versorgung gearbeitet. Das bedeutet, dass niedergelassene Ärzte und Kliniken kooperieren und eine gemeinsame medizinische Versorgung bieten. Bislang sind diese beiden Bereiche strikt getrennt. Und das kostet die Patienten Zeit und Geld.
Denn das Geld für die beiden Systeme kommt von uns Beitragszahlern. Es landet bei den Krankenkassen und wird von dort weiterverteilt. Über 50 Milliarden Euro fließen jährlich aus den gesetzlichen Krankenkassen in die Krankenhäuser. Noch einmal rund 25 Milliarden Euro fließen an die niedergelassenen Ärzte - allerdings nicht direkt. Von den Kassen geht das Geld erst an die Kassenärztliche Vereinigung, kurz KV, die dafür die ambulante Versorgung sicherstellt. Von dort wird es an die Ärzte verteilt.
Dieses zweigeteilte System verbraucht viel Geld. Doch es ist nicht nur teuer, es gibt auch einen anderen gravierenden Nachteil: Die Versorgung der Patienten leidet darunter. Oft werden Patienten zwischen den beiden Versorgungssystemen umständlich hin und hergeschoben, ohne dass auf beiden Seiten der Mauer wirklich Hand in Hand zusammengearbeitet wird.
Dass sich das System noch deutlich verbessern lässt, davon ist auch Rolf Rosenbrock überzeugt. Er gehört zu den Experten, die für die Bundesregierung die Veränderungen im Gesundheitswesen begutachten. Seine Meinung: „Das deutsche Versorgungssystem ist traditionell durch einen hohen Grad von Desintegration gekennzeichnet. Speziell zwischen ambulanter und stationärer Versorgung klaffen wirklich Abgründe. Und diese Abgründe werden nun versucht zu überbrücken.“
Also keine strikte Trennung mehr zwischen ambulanter und stationärer medizinischer Versorgung. Stattdessen eine bessere, schnelle Verbindung zwischen den beiden Systemen. Zudem mehr Wettbewerb und eine neue Geldverteilung. So soll das „Monopol“ der Kassenärztlichen Vereinigungen zerschlagen werden. Die Ärzte können sich dann untereinander zusammenschließen, zu Verbünden und Ärztenetzen. Die konkurrieren miteinander, schließen Versorgungsverträge mit den Kassen und übernehmen die Geldverteilung. Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Anbietern soll die Versorgung besser und billiger machen.
Die Ärzte können sich aber nicht nur zu solchen recht losen Netzwerken zusammenschließen, sie können auch ein Medizinisches Versorgungszentrum bilden, kurz MVZ. Dabei legen verschiedene Fachärzte Ihre Praxen zusammen und bilden eine Art Poliklinik, wie früher in der DDR. Die MVZ können Verträge mit den Kassen schließen und bekommen von dort ihr Geld. Der Patient hat dann aber nicht mehr „seinem Arzt“ – sondern nur noch sein Medizinisches Versorgungszentrum, wo sich verschiedene Ärzte um ihn kümmern.
Nicht nur Ärzte, auch Krankenhäuser können MVZ gründen. Dafür müssen sie sich ein paar niedergelassene Ärzte an Land ziehen. Diese Ärzte können dann als Angestellte für die Klinik arbeiten. Vorteil für die Klinik: Neben dem Geld aus dem stationären Topf bekommt sie zusätzliches Geld aus dem ambulanten Topf. Ihr größter Vorteil aber: die angestellten Ärzte im MVZ können Patienten in die Klinik überweisen. Die Klinik hat dann ihre eigenen Einweiser und könnte so den Patientenfluss steuern - und damit in gewissen Grenzen auch den Geldfluss.
Professor Kristian Rett von der Rhön Klinik AG, die derzeit ganz groß ins MVZ-Geschäft einsteigt, hält solche Befürchtungen aber für unbegründet: “Ich stelle nicht deswegen einen im MVZ an damit er mir die Klinik voll macht. Das wäre sozusagen ein Rückfall in altes, sektorales Denken. Darum geht es nicht. (...) Es geht darum, dass man die Prozessqualität und die Ergebnisqualität hinkriegt. Und es geht darum, dass der Patient angemessen diagnostiziert als auch betreut wird.”
Dennoch: Grundsätzlich lassen sich mit einem klinikeigenen MVZ die Patienten, und damit die Geldströme steuern. Und deshalb sind solche Modelle besonders für profitorientierte Unternehmen interessant. Das können große Klinikketten sein, aber auch andere Großkonzerne, die sich auf Umwegen in diesen Markt einkaufen.
Das verstärkte Streben nach Profit könnte schwerwiegende Nebenwirkungen haben. Dazu erklärt der Gesundheitsexperte Prof. Rolf Rosenbrock: „Es gibt zwei unerwünscht Wirkungen, die wirklich brandgefährlich sind: das Eine ist, dass der Patient in der Versorgung nicht mehr darauf vertrauen kann, dass er und sein medizinisches Problem im Mittelpunkt stehen, sondern dass er befürchten muss, dass die Gewinnerwartung der Versorgenden im Vordergrund stehen. Und das Zweite ist, dass auf diese Weise nicht mehr die qualitativ bestmögliche Versorgung gewährleistet wird, sondern suboptimal gehandelt wird, weil das vielleicht mehr Geld bringt.“
Ob die Patienten in dem neuen System besser oder schlechter versorgt werden, lässt sich heute also noch nicht absehen. Klar ist aber: die Umwandlung unseres Gesundheitswesens in einen Gesundheitsmarkt ist bereits in vollem Gange.
Letzte Änderung am: 09.10.2008, 13.31 Uhr