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Fernsehen im SWR

Was bringt evidenzbasierte Medizin?

aus der Sendung vom Donnerstag, 9.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Medikamente helfen, haben allerdings auch Nebenwirkungen – und die können gefährlich sein. Deswegen sollten Medikamente und Therapien nur dann von Ärzten verschrieben beziehungsweise angewandt werden, wenn sie wissenschaftlich hinreichend überprüft wurden. In der Praxis ist das aber nicht immer der Fall. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist die Behandlung von Frauen mit der Hormonersatztherapie in der Postmenopause.

Mit dieser Hormontherapie sollte unter anderem das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfälle reduziert werden. Tatsächlich zeigten immer mehr Studien, dass es diesen Schutz nicht gibt - im Gegenteil: das Risiko für Herzinfarkt wird eher noch gesteigert. Um Nutzen und Schaden bestimmter Therapien und Medikamente richtig einzuordnen, sind sorgfältige Studien notwendig. Und natürlich die Kenntnis von deren Existenz.

Behandlung nach aktuellem Wissenstand

Professor Wilhelm Niebling ist niedergelassener Arzt in Titisee-Neustadt. Bei der Behandlung seiner Patienten setzt er auf Evidenz. Das bedeutet, er orientiert sich streng am Stand der Wissenschaft. Aber das ist nur die eine Seite. „Die zweite Seite, die ich aber für genauso wichtig erachte, ist, dass Patienten auch informiert werden über diesen Wissenstand. Und dass ich nicht, wenn ich zum Beispiel eine bestimmte Therapie nicht verschreiben will, konfrontativ versuche, Patienten etwas zu verweigern, sondern diese Patienten informiere, warum ich mich so verhalte. Und ich bin überzeugt, dass so was besser umzusetzen ist, wenn der Patient das auch nachvollziehen kann“, erklärt Wilhelm Niebling.

Evidenzbasierte Medizin heißt, Wilhelm Niebling setzt nur Medikamente und Therapien ein, die sich bewährt haben - und zwar nachweislich. Anders ausgedrückt: der Arzt orientiert sich bei der Behandlung seiner Patienten am besten derzeit verfügbaren Wissensstand. Eigentlich selbstverständlich, sollte man denken.

Medizin aus dem Bauch heraus

Leider nein, sagt Peter Sawicki, der im Auftrag der Bundesregierung unterwegs ist. Seine Aufgabe: diesen aktuellen Wissenstand in die Praxis, und somit an den Patienten zu bringen. Denn, so Sawicki: „In der Medizin wird häufig aus dem Bauch heraus behandelt: ‚Ich denke, das ist schon das Beste für dich.’ Oder aufgrund von Schulen: In einer bestimmten Schule hat man das so oder so gemacht, weil der Leiter dieser Schule, der Professor, der diese Schule gegründet hat, das so für richtig gehalten hat. Und diese Schule ist eine Art Glaubensrichtung, wo die Schüler wie Jünger diesem Lehrer folgen.“

Medizin in alter Tradition: Die Eminenz in Weiß wird nicht in Frage gestellt. Schließlich hat der Chef die längste Erfahrung. Doch auch der beste Arzt kann nicht alle Erfahrungen selbst machen. Etwa alle fünf Jahre verdoppelt sich das medizinische Wissen. Täglich werden Tausende neue wissenschaftliche Artikel in den Fachzeitschriften veröffentlicht. Wie sollen die ohnehin schon chronisch überlasteten Ärzte da den Überblick behalten?

Netzwerk für wissenschaftliche Studien

Dafür sorgen Gerd Antes und seine Mitarbeiter am Cochrane Zentrum der Uni Freiburg. Sie gehören zu einem internationalen Netzwerk das medizinische Studien auswertet, um die wissenschaftlichen Grundlagen zu verbessern. Und da gibt es noch viel zu tun: „Zum Beispiel werden viele Studien nicht publiziert, wenn sie nicht das zeigen, was man sich wünscht. Das heißt, es bleibt schon ganz viel auf der Strecke im aller ersten Stadium. Auch daran wird zur Zeit gearbeitet, indem man versucht, Studien öffentlich zu registrieren, damit man tatsächlich einen Existenznachweis einer Studie hat, wenn sie begonnen wird“, beschreibt Doktor Gerd Antes die Situation.

Er kritisiert außerdem, dass viele Übersichtsarbeiten dem aktuellen Stand der Studien oft um Jahre hinterherhinken: „Sie finden Riesenlücken, wo es entweder gar keine Studien dazu gibt, dann können wir dagegen auch nichts tun. Aber es gibt auch viele Themen, wo die existierenden Studien nicht sauber zusammen gefasst worden sind. Wo wir einfach Lücken haben. Wir müssen viel konzentrierter daran arbeiten, gut und schlecht voneinander zu trennen, das Gute zu verstärken und das Schlechte aus der Praxis herauszubekommen.“

Keine therapeutische Beliebigkeit

Gute Leitlinien sollen die Standards liefern, die die Qualität der medizinischen Behandlung sichern. Medizin in der Zwangsjacke, wettern die Kritiker. Wenn die Statistik die Macht übernimmt – wo bleibt das ärztliche Urteil? Wo die Therapiefreiheit des Arztes?

Prof. Wilhelm Niebling hat dazu eine klare Meinung: „Therapiefreiheit ist ja ein altes Schlagwort und ich denke, Therapiefreiheit kann nicht therapeutische Beliebigkeit bedeuten. Und mich unterstützen Ergebnisse und Methoden der Evidenzbasierten Therapie eher in meiner Freiheit der Entscheidung, als dass sie mich einengen. Weil sie mir die Möglichkeit geben, dem Patienten glaubwürdig Vorschläge zu machen, wie die bestmögliche Behandlung aussehen soll.“

Informierter Patient verkürzt Behandlungszeiten

Und noch zwei weitere Faktoren sind für ihn von Bedeutung: „Wir erleben einen Wandel. Patienten, die früher einfach die Entscheidung den Ärzten überlassen haben, die wollen mit entscheiden, weil sie besser informiert sind. Sie haben Zugang zu mehr Informationen und sie wünschen auch, dass das bei der Behandlung ihrer Gesundheitsstörung umgesetzt wird. Ich glaube auch, dass es anfänglich mehr Zeit kostet, Patienten zu informieren und Patienten auf gleiche Augenhöhe mit dem Arzt zu bringen, was manche Entscheidungen für oder gegen eine Therapie anbelangt. Das kostet Zeit, die wir aber, denke ich, im Langzeitverlauf wieder reinholen, weil ein informierter Patient immer auch ein Patient ist, der daraus Vorteile ziehen kann.“

Letztlich muss der Patient darüber bestimmen, was mit seinem Körper passiert. Der Arzt muss ihm aber die nötigen Informationen für diese Entscheidung liefern. Medizin auf Augenhöhe. Auch das bedeutet Evidenzbasierte Medizin.

Evidenz kontra Eminenz

Im Ausland ist diese Praxis weit verbreitet. Aber wie stehen die Chancen dafür in Deutschland? Peter Sawicki ist optimistisch: „Wir werden sicher noch zehn, zwanzig Jahre brauchen, bis das voll etabliert ist. Bis der Patient über alles informiert ist und eine mündige Entscheidung treffen kann. Bis ein junger Arzt im Krankenhaus und im Studium das lernt – es ist immer noch kein Studienfach, wird immer noch nicht unterrichtet, Evidenzbasierte Medizin, in Deutschland. Aber ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Und ob es noch fünf Jahre dauert oder noch 15, für die Medizin ist das ein kurzer Abschnitt.“

Evidenz statt Eminenz. Für Wilhelm Niebling wird so der Weg zur richtigen Therapie transparent und nachvollziehbar. Für beide – Patient und Arzt.

Andrea Wengel

Letzte Änderung am: 09.10.2008, 12.47 Uhr